Kultur

Anzeige

Großer Filmhistoriker

Enno Patalas ist tot

Der "Obercineast" der Bundesrepublik gründete die Zeitschrift "Filmkritik" und leitete das Filmmuseum München. Er rekonstruierte Fritz Langs "Metropolis". Nun ist Enno Patalas gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

Fuessenich/ Zintel/ laif

Enno Patalas (im Jahre 2008)

Donnerstag, 09.08.2018   11:23 Uhr

Anzeige

"Zum besseren Verständnis und zum größeren Vergnügen an der Filmkunst" solle die monatlich erscheinende Zeitschrift dienen, die Enno Patalas 1957 gemeinsam mit Wilfried Berghahn gründete. Die "Filmkritik" wandte sich gegen die "kulinarischen" Rezensionen der feuilletonistischen Großkritiker; sie war das Medium, das bundesdeutschen Lesern den italienischen Neorealismus oder die Ideen der französischen Nouvelle Vague näherbrachte. Und ihr Redakteur Enno Patalas wurde zum "Obercineasten" der Republik, so nannte ihn der SPIEGEL 1966.

Zusammen mit seinem "Filmkritik"-Kollegen Ulrich Gregor verfasste Patalas 1962 ein dreibändiges Werk, das schon bald als "die einzige brauchbare Geschichte des Films" in deutscher Sprache bezeichnet wurde. Seine Filmleidenschaft war schon während der Studienzeit des 1929 in Quakenbrück geborenen Patalas an der Universität Münster offenbar geworden: Er betrieb dort einen mitgliederstarken Filmclub, schrieb bereits Kritiken für Tageszeitungen und machte erste Versuche, eine ernstzunehmende Filmzeitschrift zu etablieren.

Anzeige

Doch erst mit der "Filmkritik" konnte er seine Pläne umsetzen, sie wurde zu einer Instanz in der Bundesrepublik. Anfangs interessierte sich ihre Form der Kritik nach Patalas' Diktum "mehr für die Aussage als für die Form" eines Films. Im Laufe der Sechzigerjahre schwor er aber diesem "Soziologismus" zunehmend ab und bezeichnete sich als Anhänger der "ästhetischen Linken", was zu einer Spaltung der Mitarbeiterschaft der "Filmkritik" führte.

Vor dem Hintergrund solcher inhaltlicher Debatten sowie finanzieller Probleme zog sich Enno Patalas 1971 aus der "Filmkritik"-Redaktion zurück und wurde 1973 zum Leiter des Filmmuseums München ernannt. Hier organisierte er ambitionierte Werkschauen und thematische Programme ("Gesamtkunstwerk Stalin") , deren Vorführungen er oft persönlich einleitete. Das Münchner Haus wurde unter Patalas' Leitung "zu einem geheimen Treffpunkt der Filmszene in Deutschland, zur Heimat und Schule nicht nur für Münchner Cineasten", so der "Tagesspiegel". Er stand dem Museum bis 1994 vor.

Anzeige

Schon während dieser Zeit, aber auch darüber hinaus widmete sich Enno Patalas der Rekonstruktion und Restaurierung von Filmen, insbesondere das Werk des Regisseurs Fritz Lang lag ihm am Herzen, die Rekonstruktion von Langs "Metropolis"-Film war"fast schon eine Lebensaufgabe" für Patalas.

Oft arbeitete Enno Patalas gemeinsam mit Frieda Grafe, die bereits eine der wichtigsten Stimmen der "Filmkritik" war und mit der er seit 1962 verheiratet war. Nach Grafes Tod im Jahre 2002 gab Patalas eine Werkausgabe ihrer Schriften heraus. Das Paar übersetzte wichtige Texte zum Film von Truffaut, Godard oder Buñuel aus dem Französischen. Fürs Fernsehen erstellten sie einleitende Filmessays zu Ernst Lubitsch oder Josef von Sternberg.

Zuletzt veröffentlichte Patalas Werke über Alfred Hitchcock und Friedrich Wilhelm Murnau. Am Dienstag ist Enno Patalas im Alter von 88 Jahren gestorben, wie zuerst die "Süddeutsche Zeitung" berichtete.

Hinweis: Wir haben den Vornamen des Regisseurs Josef von Sternberg korrigiert.

feb

Weitere Artikel
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH