Enthüllungs-Kino Im Fegefeuer der Eitelkeiten

In der Verfilmung des Enthüllungs-Romans "Der Teufel trägt Prada" spielt Meryl Streep die fiese Chefredakteurin eines Hochglanz-Modemagazins. Vorbild ist die mächtigste Frau der Modebranche - "Vogue"-Chefin Anna Wintour.


Als ich das einzige Mal auf den Schauen in Paris war (den Prêt-à-porter-Schauen, darling, mais bien sûr), schmuggelte mich ein zwei Meter großer Stylist unter seinem bodenlangen Mantel an den Einlaßkontrollen vorbei, und das stimmt wirklich. Es war im Herbst 1990, am Welthorizont zog drohend der Golfkrieg herauf, im Carrousel du Louvre zeigte Jean-Paul Gaultier seine Mode für den kommenden Sommer. Natürlich hatte ich keinen Sitzplatz, sondern stand irgendwo hinten, aber gesehen habe ich trotzdem gut.

Der Laufsteg war mit Blüten bedeckt, bevor es losging, kam Vogelzwitschern vom Band, und als mit einer ziemlichen Verspätung Madonna hereinkam und ihren Platz in der ersten Reihe einnahm, tuschelten alle, denn sie war damals gerade sehr gefragt. Und irgendwann ging das Licht im Saal aus, und dann kam laute Musik vom Band, und die Scheinwerfer richteten sich auf den Laufsteg, den in der folgenden halben Stunde Frauen und Männer entlangliefen, die so überirdisch schön waren, daß ich mir in der Erinnerung noch die Augen reiben möchte. Die junge Helena Christensen war darunter, die langen Haare trug sie in der Mitte gescheitelt. Und Cameron, der tolle Dunkelhaarige aus Madonnas "Express yourself"-Video, hatte ein Matrosenhütchen schräg auf dem Kopf.

Naomi Campbell sah ich am selben Tag für Chloé laufen, und wenn ich auch nicht mehr weiß, wie ich dort hineingekommen bin, denn eine Einladung hatte ich auch dafür ganz bestimmt nicht, so erinnere ich mich doch noch genau an ihren Gang, denn so etwas hatte ich nie zuvor gesehen und auch danach nicht wieder: Während jedes Schrittes schien sie eine Millisekunde innezuhalten, schien, während sie eins ihrer langen dünnen Beine eckig vor das andere setzte, mitten im Laufen zu stoppen, die Schultern immer asynchron ausrichtend, in diesem eigenartigen Stakkato, in dem jeder Schritt zum Einzelbild gefror, stakste sie, eben zwanzig Jahre alt, den langen Laufsteg entlang, begleitet von Blitzlichtern und den Schreien der Fotografen, die immer wieder ihren Namen riefen und denen sie, vorne angekommen, ein Schmollen schenkte, nie ein Lächeln. Auf dem anschließenden Empfang stellte ich fest, daß Paloma Picasso kleiner ist als ich, sie war damals sehr berühmt, und als ich an diesem Abend nach Hause ging, hatte ich das Gefühl, von einem Zauberstab berührt und in einen fabelhafteren Menschen verwandelt worden zu sein, ein Effekt, der sich jedoch über Nacht wieder in Luft auflöste.

Jetzt kommt ein Film ins Kino, der vom flüchtigen Zauber der Modewelt handelt, "Der Teufel trägt Prada", die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Lauren Weisberger, die im wirklichen Leben mal Assistentin von Anna Wintour war, der Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue", weshalb ihr Buch als Enthüllungsroman gilt und bei seinem Erscheinen 2003 in der Modebranche für manche hochgezogene Augenbraue sorgte und wahrscheinlich für noch einige mehr gesorgt hätte, gäbe es kein Botox. Die Chefredakteurin, die im Buch Miranda Priestly heißt, wird als rücksichtslose, böse Person dargestellt, die die Ich-Erzählerin, ihre bedauernswerte Assistentin, grausam schikaniert.

Die Handlung: Aschenputtel im "Vogue"-Milieu. Die Moral: Ein gutes Herz ist wichtiger als Kleidergröße 34. Seitenweise geht es darum, wie die blöde Chefin sich Kaffee von Starbucks bringen läßt, anderen Leuten verbietet, in ihrer Gegenwart zu essen, wie sie morgens ihre Tasche auf den Schreibtisch der Assistentin pfeffert, und dann hat sie, und gestern hat sie, und und und. Ohne den Verdacht, daß alles auf wahren Tatsachen beruht, hätte sich das Buch bestimmt nicht monatelang in der "New York Times"-Bestsellerliste gehalten, es hätte sich wohl auch niemand für die Filmrechte interessiert. Deshalb sollte erlaubt sein, an dieser Stelle ein paar Sätze über die Frau zu verlieren, die für den "Teufel in Prada" Pate stand, auch wenn die Autorin natürlich darauf besteht, daß alles Fiktion ist.

Anna Wintour, 1949 in London geboren, ist die mächtigste Person der Modebranche, und weil es da um sehr viel Geld geht, ist sie eine der mächtigsten Frauen der Welt. Sie ist seit 1988 Chefin der amerikanischen "Vogue", die sie um mehrere Titel erweitert und zu einem Imperium ausgebaut hat. Von ihrem Urteil hängen Karrieren ab: Zeigt sie Klotzschuhe von Nicolas Ghesquière in der "Vogue", wird die halbe weibliche Welt kommende Saison darauf herumstelzen wollen; weil sie nicht gern lang in Europa ist, wurde die Modewoche in Mailand ihretwegen auf nur vier Tage zusammengestrichen. Ihr Markenzeichen: ein seit Jahrzehnten unveränderter Louise-Brooks-Pagenkopf. Sie ist klein, zierlich, trägt nie Hosen oder flache Schuhe, dafür sehr gerne Pelz.

Als ihr Tierschützer einmal einen toten Waschbären auf den Tisch legten, soll Wintour einfach eine Serviette darübergelegt und sich ungerührt einen Espresso bestellt haben. Es ist bekannt, daß sie jeden Morgen um 5.30 Uhr aufsteht und eine Partie Tennis spielt, bevor sie, von professionellen Stylisten geschminkt und gefönt, von ihrem Chauffeur zum Condé-Nast-Gebäude am Times Square gebracht wird. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, ist von ihrem Mann, einem Psychologen, geschieden und mit einem millionenschweren Unternehmer liiert. Sie bleibt nie länger auf einer Party als die ersten zehn Minuten, angeblich verläßt sie sogar Abendeinladungen bei ihr zu Hause noch vor dem Nachtisch.

Natürlich gilt sie als kalt, böse, hart und mitleidlos, aber das sagt womöglich mehr über unsere Welt aus als über Anna Wintour: mit dem Wohlwollen, das mächtigen Männern entgegenschlägt, ließe sie sich bestimmt als durchsetzungsstark, ehrgeizig, zielstrebig und unbestechlich beschreiben. Bei allen wichtigen Modenschauen ist sie zu besichtigen: Halb verdeckt von einer riesigen Sonnenbrille, die ihr das Aussehen eines teuren Insekts verleiht, sitzt sie in der ersten Reihe und verzieht nie die Miene. In "Der Teufel trägt Prada" spielt Anne Hathaway die Hauptrolle, eine Art noch süßere Liv Tyler, die man sich schon in "Brokeback Mountain" nicht merken konnte – die eigentliche Hauptrolle aber spielt natürlich – natürlich! – Meryl Streep: Als Miranda Priestly beherrscht sie die hohe Kunst, selbst Menschen von oben herab anzusehen, die deutlich größer sind als sie, und ihre Angewohnheit, jeden Dialog mit einem knappen "danke, das war’s" zu beenden, bevor er in ein Gespräch ausartet, möchte man sich am liebsten abgucken.

Aber ein Teufel? Und: Prada? Wäre dieser Film ein Kleidungsstück, er wäre ein beiges Twinset von Pringle: klassisch, gediegen, ein bißchen brav und ganz bestimmt nicht gefährlich. Aber er ist eben ein Film, und auch als solchen muß man ihn erst mal tragen können: Anna Wintour konnte es. Zusammen mit ihrer Tochter hat sie eine Vorstellung in New York besucht. Sie soll von Kopf bis Fuß in Prada gekleidet gewesen sein, heißt es, und sie hätte die ganze Zeit gelacht. Und zwar zuletzt.

Johanna Adorjan


SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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