Episodenfilm "Deutschland 09" Dann lieber Mario Barth

Omnibus ins Nirgendwo: In dem Episodenfilm "Deutschland 09" wollten 13 namhafte, junge Regisseure die aktuelle Lage der Nation erörtern - rausgekommen sind 150 Minuten voll Banalität, Eitelkeit und Retro-Gags. Eine traurige "Nonstop Nonsens"-Version des deutschen Autorenkinos.

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Diese elende Einsamkeit, sie treibt die Menschen zu den größten und zu den erbärmlichsten Taten. In Deutschland gibt es ja eine Reihe junger Regisseure, die aus der kreativen Isolation heraus dem hiesigen Kino Kraftspritzen gesetzt haben. Leute wie Fatih Akin, der mit "Kurz und schmerzlos" einst im Alleingang klassisches Genrekino mit der Wirklichkeit junger Migranten abgeglichen hat. Oder Hans Steinbichler, der mit "Hierankl" ein extrem modernes Alpendrama inszenierte. Oder Hans Weingartner, der mit seiner Attac-Hymne "Die fetten Jahre sind vorbei" Pop und Politik zusammengebracht hat.

Wenn hierzulande so viele starke einzelne Stimmen zu finden sind, könnte man diese dann nicht zu einem grandiosen Chor bündeln? Das war wohl der Gedanke, der dem Projekt "Deutschland 09" zugrunde lag, für das 13 deutsche Regisseure die Lage der Nation erörtern. Omnibusfilme werden solche Produktionen gerne genannt - selbst wenn sie alles andere als rasant daherkommen.

Denn die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit hat im Falle von "Deutschland 09" leider fast ausschließliches Halbgares, Halbwahres und Halbgedachtes hervorgebracht. Und tragischerweise zeigen das eben die Beiträge von Akin, Steinbichler und Weingartner besonders deutlich.

Szene aus "Krankes Haus" von Wolfgang Becker: Deutschland als Komapatient
Herbstfilm

Szene aus "Krankes Haus" von Wolfgang Becker: Deutschland als Komapatient

Dabei hätte Fatih Akins Etüde "Der Name Murat Kurnaz" durchaus Sprengkraft besitzen können - wäre der Regisseur nur ästhetisch ebenso ambitioniert vorgegangen wie politisch. Denn Akin lässt zwei Schauspieler ein Interview nachsprechen, das der einst in Guantanamo inhaftierte Bremer Türke Kurnaz der "Süddeutschen Zeitung" gegeben hat.

Doch die gerechten Klagen des politischen Gefangenen entwickeln in der Rekonstruktion keine Vertiefung des Skandals. Schlüssiger wäre es gewesen, die Worte des attackierten Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, damals mit dem Fall Kurnaz betraut, zu zitieren, um eventuell einen gemeingefährlichen Bürokratismus zu entlarven. So aber bleibt Akins Beitrag geballter Betroffenheitskitsch.

Gleiches gilt für Weingartners Verschwörungsdramolett "Gefährder", dem ebenfalls eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. Es geht dabei um den Berliner Stadtsoziologen Andrej Holm, der von Staatsschützern ins Visier genommen wurde, nachdem diese beim Googeln auf verdächtige Worte in seinen Schriften gestoßen sind. Blöde nur, dass Weingartner die Figuren in herzensgute Ökos und dämonische Beamte unterteilt. Die möglichen Gefahren eines porösen Rechtsstaates sind aber nicht als Vorabend-Soap aufzubereiten.

Während bei Akin und Weingartner immerhin aber echte Empörung herrscht, bringt es Steinbichler in "Fraktur" nur auf eine ironische Farce: Sein Lieblingsschauspieler Josef Bierbichler gibt hier mal wieder den konservativen Choleriker, der in der Redaktion der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Amok läuft, nachdem die geliebte Frakturschrift aus den Leitartikeln verbannt wurde. Wenn das der Feind sein soll, kann der Kulturkampf getrost eingestellt werden.

Ach, wie leicht hatten es dagegen Kluge, Fassbinder und Co., die erst gegen Opas Kino aufbegehrten und später in ihrem 1978 entstandenen Kollektivwerk "Deutschland im Herbst" gegen Staatsgewalt und Terrorhysterie anfilmten. An dieses Werk aus den klirrend kalten Tagen eines zutiefst gespaltenen Landes wollen die Jungen nun anknüpfen. Doch in den deutschen Short Cuts anno 2009 sucht man vergeblich die gefährliche Präsenz eines Fassbinders, der an seinem nackten Genital reibend über die Negativkraftströme jener Zeit reflektiert.

Übrig geblieben ist dafür Onanie pur. Zum Beispiel der Beitrag von "Parfum"-Schöpfer Tom Tykwer, der in "Feierlich reist" einen Business-Mann durch die gleichgeschaltete Welt von Starbucks und Co. schickt: Globalisierungskritik als narzisstisches Schnittgewitter. Man arbeitet mit den gleichen Techniken, die man zu kritisieren vorgibt. Subversion sucht der Zuschauer vergeblich: Opas Kino ist zurück, es wurde allerdings teuer einparfümiert.

Überhaupt haben fast all die Etüden eine viel zu edle Optik - so sehen Semesterarbeiten besonders strebsamer Filmhochschüler aus. Ob man nun Sylke Enders Medienkritikminiatur "Schieflage" nimmt, in dem ein Kamerateam in eine Suppenküche für Arme einfällt. Oder Wolfgang Beckers Politsatire "Krankes Haus", für die der "Good Bye, Lenin!"-Regisseur so ziemlich alle Negativbegriffe hinsichtlich des abgewickelten Sozialstaats zur Kalauer-Metapher eines total verrückten Hospitals bündelt. Deutschland als Komapatient, wir lachen uns scheckig.

Da fühlt man sich an Dieter Hallervorden erinnert, der offensichtlich auch für andere Beiträge den spiritual adviser gegeben hat: Und jetzt der gespielte Witz! So sieht sie aus, die "Nonstop Nonsens"-Version eines deutschen Autorenkinos.

Da ist es nur schlüssig, dass die einzigen interessanteren Arbeiten quasi-dokumentarisch sind: In "Eine demokratische Gesprächsrunde zu festgelegten Zeiten" zeigt Isabelle Stever Grundschüler beim Klassenrat - und findet in der Beschreibung von Abstimmungsprozessen auf kleinstem Niveau zu einer Analogie, wie anstrengend Demokratie ist.

Dominik Graf hingegen verwandelt sein Essay "Der Weg, den wir nicht zusammen gehen" in ein Pamphlet gegen das architektonische Abwicklungsgeschäft, das seit dem Mauerfall die Stadtplanung der BRD bestimmt. Als wolle ein Land seine Geschichte ausradieren, so der Regisseur und einzig wahre Kulturkämpfer, werde großräumig die als hässlich empfundene Nachkriegsarchitektur beseitigt. Graf legt damit den formal bestechendsten Beitrag vor. Denn angelegt hat er ihn in stichigen Super-8-Bildern; so ist sein Plädoyer für die Ästhetik des Verbleichens als Gegenentwurf zu jener der Auslöschung schon im Material manifest.

Ebenfalls wenig bildverliebt kommt Romuald Karmakars Bordellbesitzerpsychogramm "Ramses" daher, in dem ein persischer Migrant Einblick ins Sexgewerbe gibt. Stark, wie Karmakar den alten Herren von den guten alten Vorwendetage im Berliner Rotlichtmilieu schwärmen lässt - und dadurch demonstriert, dass der Verweis auf die guten alten Zeiten längst kein deutschnationales Thema mehr ist. Banal allerdings die allzu plakativen Ausführungen zu all den fäkalspezifischen Wünschen deutscher Freier. Im Puff wird ganz doll geschweinigelt, hätten Sie was anderes gedacht?

Apropos schweinigeln: In den Kinos startete soeben mit sensationellen 600.000 Wochenendbesuchern Mario Barths "Männersache", ein Film voller widerlicher Kalauer in widerlicher Kulisse. Es steht zu befürchten, dass in jeder Minute des Barth-Werks mehr deutsche Gegenwart steckt als in den 150 Minuten des eitel fotografierten Sammelwerks.

"Deutschland 09": Dieser Omnibus rollt definitiv ins Nirgendwo.



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