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Episodenfilm "Shahada": Ein Dreier für Sarrazin

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Glauben und leben lassen: In Burhan Qurbanis packendem Debütspielfilm "Shahada" versuchen drei junge Berliner Muslime, ihren Glauben mit einem modernen Leben in Deutschland in Einklang zu bringen.

Episodenfilm "Shahada": Glauben und leben lassen Fotos
3Rosen

Burhan Qurbani hat den Karrierestart hingelegt, von dem die meisten jungen Regisseure träumen dürften: Eben noch Student der Filmakademie Baden-Württemberg, direkt im Anschluss Teilnehmer im offiziellen Wettbewerb der Berlinale, mit dem Diplomfilm - neben Größen wie Roman Polanski, Thomas Vinterberg oder Michael Winterbottom. Respekt.

Umso mehr, weil sich Qurbanis Film "Shahada" im vergangenen Februar vor der Konkurrenz keinesfalls fürchten musste. In einem eher mäßigen Wettbewerb war "Shahada" am Ende eine der angenehmen Überraschungen. Nicht nur eine Film gewordene politische Botschaft, wie sie Festivalchef Dieter Kosslick immer gern ins Programm hievt, sondern ein zwar unausgegorenes, aber leidenschaftliches, mitunter mitreißendes Stück Kino.

Wobei es sicher geholfen hat, dass sich hier ein junger muslimischer Regisseur aus Deutschland (Qurbanis Eltern sind 1979 aus Afghanistan geflohen) eines Themas angenommen hat, das auch vor der Sarrazin-Debatte schon ideal in den politischen Diskurs passte: Wie vereinbaren junge Muslime in Deutschland ihren Glauben mit ihrem westlichen Alltag?

Qurbani erzählt drei Geschichten auf einmal - lose miteinander verknüpft, indem die drei Protagonisten alle die Berliner Moschee des liberalen Geistlichen Vedat (Vedat Erincin) besuchen. Sonst haben sie wenig miteinander zu tun: Vedats Tochter Maryam (Maryam Zaree), ein gut gelauntes Partymädchen, das sich nach einer Abtreibung zur fundamentalistischen Glaubenskriegerin zu wandeln scheint; der junge Nigerianer Samir (Jeremias Acheampong), der damit klarkommen muss, dass er sich in seinen Arbeitskollegen Daniel (Sergej Moya) verliebt hat; und der Polizist Ismail (Carlo Ljubek), der mit Frau und Kind das perfekt integrierte Leben lebt, bis ihm die Frau begegnet, die er vor Jahren einmal versehentlich angeschossen hat.

Schwere moralische Krisen

Alle drei sind sie gläubige Muslime, was mit ihrer Lebensführung nie weiter in Konflikt stand und sie nun in eine schwere moralische Krise stürzt. "Shahada" beschäftigt sich weniger mit der Frage nach Integration in Deutschland - die drei sind ganz selbstverständlich Teil der Gesellschaft - als mit dem persönlichen Umgang mit einer Religion, die viele immer noch für unvereinbar mit westlichen Werten halten.

Dass der Regisseur das ganz anders sieht, macht er mit der Figur des Imams Vedat deutlich, der für seine Schäfchen immer wärmende Worte des Zuspruchs parat hat und nie jemanden verurteilen würde, weil er sein Leben nicht hundertprozentig nach dem Koran ausrichtet. Vedat ist das moralische Zentrum des Films, ein verständnisvoller Pol der Ruhe, der nur Liebe predigt und niemals Hass. Eigentlich die Sorte geistiger Führer, die man jeder Gemeinde jeder Religionszugehörigkeit wünschen würde, und sich doch kaum vorstellen kann, dass es sie wirklich gibt.

Wie bei fast jedem Episodenfilm hat nicht jede der drei Geschichten die gleich starke Wirkung, und alle haben ihre erzählerischen Problemchen. Maryams Weg in den Fanatismus wirkt manchmal arg dick aufgetragen, während Samirs Hadern mit seiner Sexualität fast ein wenig zu beiläufig daherkommt. Die Handlung um den Polizisten Ismail hätte locker einen eigenen Film füllen können und kratzt hier nur an der Oberfläche ihrer Möglichkeiten.

Trotzdem schafft es "Shahada" mitzureißen, denn der Regisseur hat so viel Zuneigung für seine Helden übrig, dass er sie alle als echte, warmherzige Menschen zeichnet, die man sofort und gern in sein Leben lässt. Qurbani erzählt schnell und voller Druck, vermeidet Moralkeulen und hat einen feinen Sinn für den richtigen Soundtrack an der richtigen Stelle. Es wird spannend zu beobachten sein, wie es mit seiner Karriere weitergeht, denn von dem Mann kann man in der Zukunft Großes erwarten. Es lohnt sich, ihn heute schon zu entdecken.


Shahada. Regie: Burhan Qurbani. Mit Maryam Zaree, Jeremias Acheampong, Carlo Ljubek. Start: 30.9.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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1. --
archie, 30.09.2010
Früher ist man, wenn Glaube und gesellschaftliche Wirklichkeit nicht in Einklang zu bringen sind, mit der Mayflower ausgewandert. Heute muss die Gesellschaft so flexibel sein und sich anpassen.
2. Kunst oder Politik
brux 30.09.2010
Da es sich um ein künstlerisches Produkt handelt, darf jeder seine eigene Meinung haben. Aber wirklich interessant finde ich das Thema nicht. Die Emanzipation von einer realitätsfernen Ideologie, die man als Kind verpasst bekommen hat, ist doch ein abgelutschtes Thema. Man stelle sich vor, ein Typ aus einem oberbayrischen Dorf dreht einen Film, in dem 3 junge Katholiken entdecken, wie sehr der Bibelkram von ihrer Lebenswirklichkeit abweicht (kein Sex vor der Ehe, Masturbation und Homosexualität als Sünden, die man beichte muss, und der ganze restliche Kokolores). Dazu dann ein verständnisvoller Jungpfarrer (am besten mit Mottorrad). Das wäre dann ein Film für das ZDF-Abendprogramm à la Rosamunde Pilcher und kein Kulturkritiker würde sich die Mühe einer Rezension machen.
3. Danke
harrybr 30.09.2010
Zitat von bruxDa es sich um ein künstlerisches Produkt handelt, darf jeder seine eigene Meinung haben. Aber wirklich interessant finde ich das Thema nicht. Die Emanzipation von einer realitätsfernen Ideologie, die man als Kind verpasst bekommen hat, ist doch ein abgelutschtes Thema. Man stelle sich vor, ein Typ aus einem oberbayrischen Dorf dreht einen Film, in dem 3 junge Katholiken entdecken, wie sehr der Bibelkram von ihrer Lebenswirklichkeit abweicht (kein Sex vor der Ehe, Masturbation und Homosexualität als Sünden, die man beichte muss, und der ganze restliche Kokolores). Dazu dann ein verständnisvoller Jungpfarrer (am besten mit Mottorrad). Das wäre dann ein Film für das ZDF-Abendprogramm à la Rosamunde Pilcher und kein Kulturkritiker würde sich die Mühe einer Rezension machen.
volle Zustimmung
4. Und was hat das mit den Problemen,...
punkorrekt 30.09.2010
Zitat von sysopGlauben und leben lassen: In Burhan Qurbanis packendem Debütspielfilm "Shahada" versuchen drei junge Berliner Muslime ihren Glauben mit einem modernen Leben in Deutschland in Einklang zu bringen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,720283,00.html
...die Sarrazin anspricht zu tun? Laßt uns die Realität durch eine rosarote Kintop-Brille sehen, dann klappt auch mit dem Nachbarn? Unsere tägliche kleine promuslimische Gehirnwäsche gib uns heute.
5. Zustimmung
merbot 30.09.2010
Zitat von bruxDa es sich um ein künstlerisches Produkt handelt, darf jeder seine eigene Meinung haben. Aber wirklich interessant finde ich das Thema nicht. Die Emanzipation von einer realitätsfernen Ideologie, die man als Kind verpasst bekommen hat, ist doch ein abgelutschtes Thema. Man stelle sich vor, ein Typ aus einem oberbayrischen Dorf dreht einen Film, in dem 3 junge Katholiken entdecken, wie sehr der Bibelkram von ihrer Lebenswirklichkeit abweicht (kein Sex vor der Ehe, Masturbation und Homosexualität als Sünden, die man beichte muss, und der ganze restliche Kokolores). Dazu dann ein verständnisvoller Jungpfarrer (am besten mit Mottorrad). Das wäre dann ein Film für das ZDF-Abendprogramm à la Rosamunde Pilcher und kein Kulturkritiker würde sich die Mühe einer Rezension machen.
Ich stimme völlig zu. In Europa habe wir dieses Thema in den von den 50er bis 70er Jahren abgearbeitet und in der Mehrheit die Konsequenz gezogen: Distanz zum Diktat und Anspruch der Religionen, hier waren es eben die christlichen Kirchen. Gleiches wäre den Muslimen zu raten. Ich würde es zumindest erhoffen daß eine breitere Distanzierung zu den diktierten Verhaltensnormen, die viel seelisches Elend hervorbringen, geschehen würde. Ich habe den Film noch nicht gesehen nur Ausschnitte und mehrfache Beschreibungen. Ich würde dem Filmautor und den Mitmuslimen aber raten nicht in Selbstmitleid über die sicher schrecklichen Konflikte und Zerissenheiten zu versinken, sondern sich vom Anspruch dieser Religion zu BEFREIEN.
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