Episodenfilm "Wild Tales" Jetzt reicht's aber endgültig!

Der argentinische Episodenfilm "Wild Tales" zeigt Menschen, die sich nichts mehr gefallen lassen wollen - und dafür auch drastische Konsequenzen in Kauf nehmen. Klingt schlimm, ist aber sehr unterhaltsam.

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Es ist genug. Zu oft gedemütigt, zu oft zurückgesteckt, aber diesmal nicht. Zwei Männer in ihren Autos auf einer einsamen Landstraße, irgendwo in der menschenleeren Weite Argentiniens, der eine ein schicker Geschäftsmann im Neuwagen, der andere ein Arbeiter in einer Schrottkarre. Der schicke Diego (Leonardo Sbrarglia) will überholen, doch Mario (Walter Donado) lässt ihn nicht, schert aus, immer wieder, dann zieht Diego doch vorbei. Zeigt im Überholen den Mittelfinger, fährt weiter, ist weg.

Ist doch nicht weg, wäre weg, wenn nicht wenig später ein Reifen seines Neuwagens platzen würde und der schnieke Geschäftsmann, zu einer Pause gezwungen, in der Ferne den anderen in der Schrottkarre näher kommen sieht. Und immer näher. Der neue Reifen ist noch nicht verschraubt, es gibt kein Entkommen.

Das erneute Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten der Landstraße inszeniert der argentinische Regisseur Damián Szifrón in seinem Episodenfilm "Wild Tales" als einen sich steigernden Schlagabtausch. Zunächst will keiner der beiden aufgeben, dann können sie nicht mehr aufgeben. Konsequenz wird zu Verbissenheit und schließlich zum Exzess.

Das könnte schrecklich anzusehen sein, und tatsächlich ist "Wild Tales" streckenweise recht drastisch - aber gerade aus dieser Drastik entwickelt der Film eine sehr unterhaltsame Komik. Nicht zufällig erinnert Szifróns Werk an das Schaffen seines Vorbilds Pedro Almodóvar, der hier als Produzent tätigt ist.

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Episodenfilm "Wild Tales": Rache jetzt!

Es ist bei allem Schrecken sehr lustig, wenn - in einer anderen Episode - Julieta Zylberberg als Kellnerin in einer Raststätte im einzigen Gast des Abends den langjährigen Peiniger ihrer Familie erkennt und, angefeuert von der abgebrühten alten Köchin (Rita Cortese), einen Giftmord in Erwägung zieht.

Es ist hochkomisch, wenn - in einer weiteren Episode - Ricardo Darín, einer der größten argentinischen Filmstars, als Sprengmeister Simón ungerechtfertigt als Falschparker abgeschleppt wird und professionell Rache an der Stadtverwaltung nimmt. Und es ist der Albtraum eines jeden Frischvermählten, wie Érica Rivas als Braut Romina auf ihrer Hochzeitsfeier reagiert, als sie herausbekommt, dass ihr Bräutigam mit einer anderen geschlafen hat - allerdings ein Albtraum zum Totlachen.

Der Rächer könnte jeder von uns sein

"Wild Tales" war in Argentinien der meistgesehene Film des vergangenen Jahres, auch international hat er Anerkennung gefunden und es bereits auf die Shortlist für den Auslands-Oscar geschafft. Es werden dem Film gute Chancen eingeräumt, diesen auch zu gewinnen. Auch auf Filmfestivals ist er mit viel Wohlwollen aufgenommen worden, was kein Wunder ist: Die Geschichten, die hier erzählt werden, spielen zwar allesamt in Argentinien und zeichnen nebenbei ein recht stimmiges Bild der dortigen bürgerlichen Gesellschaft, etwa von der stupiden Bürokratie, den Reichen, die immer einen Armen als Sündenbock zur Hand haben und den stereotyp durchgeplanten Hochzeitsfeierlichkeiten.

Aber tatsächlich könnten die "Wild Tales" aus jeder Ecke der Welt erzählen, in der Menschen leben. Denn ausnahmslos jeder kennt die hier gezeigten Situationen und Gefühle, und jeder kennt den einen Wunsch: nach Rache!

Wild Tales - Jeder dreht mal durch
ARG 2014

Originaltitel: Relatos salvajes

Buch und Regie: Damián Szifrón

Darsteller: Ricardo Darín, Óscar Martínez, Leonardo Sbaraglia, Érica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg

Produktion: Kramer and Sigman Films, El Deseo, Corner

Verleih: Prokino

Länge: 122 Minuten

Start: 8. Januar 2015

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Doktor Albahaca 08.01.2015
1. Rezension lesen - ins Kino rennen!!!
Hey! Diesen Film solltet ihr auf jeden Fall sehen. Schaut ihn Euch, sofern möglich in Originalsprache an! Hier eine spannende Rezension zu WILD TALES // RELATOS SALVAJES. http://www.doktorpeng.de/rache-rockt-relatos-salvajes-ebenso/
williondo 09.01.2015
2. Auf keinen Fall verpassen!
Ich hatte mir schon Montag die Vorpremiere angesehen. Auch in OmU. Was für ein Wahnsinns-Film. Sieht man wirklich nicht alle Tage. Brutal und geschmacklos aber trotzdem intelligent und teilweise zum brüllen komisch. Diese Mischung kriegen nicht viele Regisseure hin. Eine Sozialsatire mit rabenschwarzem Humor vom feinsten. Die mitwirkenden Schauspieler sind bei uns wohl eher unbekannt, aber ihre Leistung (bis in die kleinste Nebenrolle) ist große Klasse. Werde mir diesen Film auf jeden Fall nochmal ansehen. Diesmal vielleicht die synchronisierte Fassung.
axelkli 12.01.2015
3.
In der Tat ein uneingeschränkt sehenswerter Film. Habe schon lange keinen so außergewöhnlichen, lustigen und immer fesselnden Film gesehen. Nicht zu vergessen die tolle, an Ennio Morricone erinnernde Musik, die extra für den Film komponiert und mit großem Orchester eingespielt wurde. Wie würde der Argentinier sagen: Muy bien, fantastico!!!
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