"Erin Brockovich" Starschnitt-Rolle für Julia Roberts

Knappe Minis und freche Sprüche. Julia Roberts stöckelt als renitente Anwaltsgehilfin Erin Brockovich zum millionenschweren Schadenersatz-Prozess.

Von Manfred Müller


Mama Erin (Julia Roberts) läuft Sturm gegen die Ungerechtigkeit
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Mama Erin (Julia Roberts) läuft Sturm gegen die Ungerechtigkeit

Julia Roberts ist Erin Brockovich: alleinerziehend, drei Kinder, eine offene Bluse und ein ebenso offenes Herz für die Nöte ihrer Mitmenschen. Aus chronischen Geldsorgen drängt die junge Mutter einem Anwalt (Albert Finney) ihre Dienste als Gehilfin auf. Bald schon setzt sie sich auch fachlich in Szene und stürzt den Advokaten in einen Schadenersatz-Prozess gegen einen Großkonzern. Auf dessen Fabrikgelände versickern seit Jahren ungeklärte Abwässer, was in einer benachbarten Wohnsiedlung die Sterblichkeitsrate und Krebsstatistik auf Rekordhöhe treibt. Bei einer erfolgreichen Klage winkt ein Millionenhonorar. Das Problem ist nur, einen kausalen Zusammenhang nachzuweisen und das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen. Vor allem aber braucht man die finanziellen Mittel, um ein langwieriges Verfahren durch alle Instanzen dreschen zu können.

Wem die Story bekannt vorkommt, dürfte vor zwei Jahren Matt Damon in der Verfilmung des Grisham-Bestsellers "Regenmacher" von Francis Ford Coppola oder im letztem Jahr John Travolta in Steven Zaillians "Zivilprozess" gesehen haben. Auch dort ging es um den ungleichen Kampf von David gegen Goliath. Aber der ähnlich gelagerte Fall wurde eher auf der juristischen Ebene aufgerollt. Steven Soderberghs "Erin Brockovich" hingegen setzt ganz auf die sentimentalen Aspekte der Geschichte. Die kesse Mutter kniet sich aufopferungsvoll in die Recherchen, hat Telefonnummern und Kranheitsgeschichten von einigen hundert Geschädigten im Kopf und stellt ihre weiblichen Reize ungeniert in den Dienst der Wahrheitsfindung. Auch als ihrem Chef der Fall zu heikel wird und er sich einer größeren Kanzlei assoziiert, behält allein sie den Durchblick und triumphiert über die bornierten Staranwälte.

Eine Powerfrau, diese Erin Brockovich, und ein überdimensionaler Starschnitt für Julia Roberts. Dabei basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit. Die echte Erin Brockovich - sie ist im Film als Kellnerin zu sehen - hat vor Jahren eine der spektakulärsten Schadenersatz-Klagen in der US-Justizgeschichte initiiert. Nur, ein authentischer Hintergrund macht noch keinen glaubwürdigen Film. Die Story ist so aalglatt wie die Machenschaften der Konzernchefs, die sie zum Thema hat. Ein Drehbuch wie aus dem Windkanal, stromlinienförmig auf Star-Appeal und großes Publikum zugeschnitten. Steven Soderbergh, der sich vor zehn Jahren mit "Sex, Lügen und Videos" noch als origineller und eigenwilliger Autorenfilmer vorstellte, verzichtet auf seine persönliche Handschrift und stellt stattdessen seine Mainstream-Heldin in den Mittelpunkt. Wer mehr als Julia Roberts sehen will, befindet sich jedoch im falschen Film.

"Erin Brockovich - Eine wahre Geschichte " (Erin Brockovich) Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhart; USA 1999, 137 Minuten, Columbia.



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