Schauspiel-Newcomer Ramírez Der hochbegabte Exorzist

Wann wird Édgar Ramírez Superstar? Eigentlich hätte er schon mit der Mini-Serie "Carlos" in Hollywoods erste Reihe aufrücken müssen. Bis es so weit ist, brilliert er halt in B-Filmen - wie im Horrorthriller "Erlöse uns von dem Bösen".

Von Nina Rehfeld


Auf der gepolsterten Fensterbank einer Suite im hippen SLS-Hotel in Beverly Hills sitzt Édgar Ramírez - mit perfekt sitzenden Skinny Jeans und halbhohen Lederstiefeln selbst ein Ausbund an Stilbewusstsein - und erzählt Gruselgeschichten.

Ein ziemlich unheimlicher Dreh sei das gewesen, berichtet er über "Erlöse uns von dem Bösen", den Horrorthriller von Scott Derrickson, der am 4. September in die Kinos kommt. Ramírez spielt darin den spanischen Priester und Exorzisten Mendoza, der dem New Yorker Polizisten Ralph Sarchie (Eric Bana) bei Ermittlungen in einem Fall zur Seite steht, in dem dämonische Kräfte am Werk sind. "Als wir den ersten Take der Exorzismus-Szene im Kasten hatten", sagt Ramírez, "ist das Kreuz, das ich zur Teufelsaustreibung benutze, zerbrochen. Einfach so. Ich habe es nicht gedrückt, es ist nicht heruntergefallen, es ist einfach zerbrochen."

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Édgar Ramírez: Mehr als Horror
Man könnte das als ein Zeichen übernatürlicher Kräfte deuten, dem 37-jährigen Ramírez endlich die Rollen zu geben, die er verdient. Seit er 2010 in der deutsch-französischen Mini-Serie "Carlos, der Schakal" brillierte, müsste sich eigentlich jeder Regisseur die Finger nach dem Mann lecken. In der Serie absolvierte Ramírez eine schauspielerische Tour de Force durch 25 Jahre im Leben des meistgesuchten Terroristen der Achtziger, vom idealistischen Jung-Revolutionär bis zum abgewrackten Auftragskiller. "'Carlos' war ein Wendepunkt, in meiner Karriere und in meinem Leben", sagt Ramírez über die Rolle, für die er 15 Kilo zunahm, um den älteren Carlos optisch akkurat zu verkörpern.

Ausflug ins Superheldengenre

Mit "Carlos" hat Ramírez bewiesen, dass seine Bandbreite von still und intensiv bis zu dunkel und explosiv reicht. Auch hier in der Hotelsuite in Los Angeles beherrscht Ramírez leichterhand die Atmosphäre. Der tiefsinnige Ernst, mit dem er seine Identifikation mit einem Exorzisten beschreibt ("Ich würde mich ja intellektuell versündigen, wenn ich die Existenz von Dingen verneine, nur weil ich sie nicht völlig verstehe"), wird von seinem Charme und einem weichen venezolanischen Akzent moduliert.

Der Akzent allein kann kaum Schuld daran sein, dass Édgar Ramírez bisher in undankbaren Nebenrollen darben musste. Doch leider fiel Hollywood nach "Carlos" kaum etwas für den begabten jungen Schauspieler ein. In Kathryn Bigelows "Zero Dark Thirty" spielte er einen Nebenpart, Ridley Scott gab ihm eine kleine Rolle in seinem schrägen Thriller "The Counselor". Und so mag Édgar Ramírez als ewige Nebenfigur das vielleicht unterbeschäftigste Talent Hollywoods sein. Der Ausflug von Ramírez ins Superheldengenre als Kriegsgott Ares in "Wrath of the Titans" 2012 blieb glücklicherweise ein Einzelfall.

Und wenn er, wie jetzt als unaufgeregter, erdverbundener Dämonenjäger in "Erlöse uns vom Bösen", endlich einmal stärker im Vordergrund stehen darf, dann ärgerlicherweise in einem 08/15-Erschrecker mit handelsüblich verzerrten Fratzen von Besessenen und einer unfreiwillig komischen Exorzismus-Szene. Really, Hollywood?

Ramírez, Sohn einer Anwältin und eines Militäroffiziers, verbrachte seine Kindheit und Jugend in verschiedenen europäischen Ländern und spricht außer Spanisch, Englisch und Französisch auch Deutsch, wie man in "Carlos" hören konnte. "Deutsch war meine zweite Spache", sagt er mit leicht österreichischem Akzent, der aus seinem Jahr als Austauschschüler in der Nähe von Graz stammt. Die vielen Reisen und zahlreichen Behelfs-Heimaten seiner Kindheit hätten die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, entscheidend geschärft: "Das machte es mir leichter, mich an verschiedene Umgebungen anzupassen, mich mit Menschen aus anderen Kulturen und Hintergründen zu identifizieren."

Erstes Karriereziel: Uno-Generalsekretär

Zunächst wollte Ramírez die Diplomatenlaufbahn einschlagen. Er studierte Medienwissenschaften in Caracas, als er 1999 sein erstes Filmangebot bekam - eine Hauptrolle in Alejandro González Iñárritus Erstling "Amores Perros", dem Film, der den Boom des neuen mexikanischen Kinos auslöste. Ramírez, damals gerade 23 Jahre alt, lehnte ab und ist bis heute nicht betrübt darüber. "Das hat einfach nicht gepasst", sagt er. "Ich war dabei, meine Examensarbeit zu schreiben, und bereitete mich außerdem auf eine Studie zur Konfliktvermeidung für eine Konferenz in Oslo vor." Plötzlich fällt der diplomatische Ernst von ihm ab, er kichert kurz auf. "Eigentlich wollte ich ja Uno-Generalsekretär werden."

Aber die Begeisterung für die Filmkunst obsiegte, sie hatte ihn bereits an der Uni ergriffen. Mit Iñárritu kam er in Kontakt, als der in der Jury eines Uni-Kurzfilmfestivals saß, in dem auch ein Film von Ramírez lief. "Das mag wie ein drastischer Wandel wirken", sagt Ramírez, "aber eigentlich ist der Grund dafür, warum ich Journalist und Diplomat werden wollte, derselbe, der mich zum Film brachte: eine tiefe Faszination für die menschliche Natur." Als Schauspieler nähere er sich ihr nun eben von einer poetischeren Seite.

Wenn man ihn lässt. Mit drei neuen Filmen könnte Ramírez seinem Status als ewiges Talent endlich entwachsen. 2015 ist er neben Robert de Niro in "Hands of Stone" als das panamaische Box-Idol Roberto Durán zu sehen. Unter der Regie von Errol Morris dreht er demnächst mit Naomi Watts und Bryan Cranston den Thriller "Holland, Michigan". Und in einem Remake des Klassikers "Point Break" von Kathryn Bigelow ersetzte Ramírez kürzlich Gerald Butler in der Rolle des Bodhi.

"Point Break" wird derzeit in Berlin gedreht, Ramírez kann also sein Deutsch pflegen - und sich womöglich nach einer Wohnung umschauen. "Berlin wäre ein toller Wohnort", sagt Ramírez, der noch immer in Venezuela residiert. "Ich liebe Berlin, weil es unprätenziöse Entspanntheit mit einer unglaublichen kulturellen Dynamik verbindet." Und wer weiß - vielleicht findet sich hier ja eine weitere große Rolle in einer europäischen Fernseh-Co-Produktion.

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insgesamt 2 Beiträge
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GSYBE 03.09.2014
1. Carlos???
Seit der Mini-Serie Carlos (2010)? Zumindest seit 2005 gehört Ramirez in die erste Reihe: da hat er in `DOMINO´(Tony Scott) Keira Knightley; Mickey Rourke, Christopher Walken etc locker an die Wand gespielt. Ohne ihn wäre der Film wahrscheinlich untergegangen.
an24 04.09.2014
2.
Domino ist mir kein Begriff.. kommt auf meine Liste und wird geschaut, danke dafür
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