Erotik-Recycling: Alte Sexfilme, neu bestöhnt

Von Pia-Luisa Lenz

Aus alt mach neu! Zwei junge Schweizerinnen schneiden Sexfilme aus den Siebzigern zu lustvollen Collagen zusammen. Auf den Biolatschen-Look vieler feministischer Pornos verzichten sie dabei, sie setzen ganz auf den Sex-Appeal der Ästhetik - und auf modernen Sound.

Sexfilm-Remixe: Recycle das Schamhaar! Fotos
Daniel Bossart

Ihr dicht gelocktes Schamhaar zeichnet sich unter der leuchtend roten Wäsche ab, während sie ihren mit Schmuck behangenen Körper sparsam auf und nieder bewegt. Ihre Finger krallen sich in dem pompösen hellblauen Samtsofa fest. Ihr zartes Gesicht ist fein geschminkt. Sie reißt den Mund auf und beginnt laut zu stöhnen. "Mir gefällt die Kameraführung und das schöne sanfte Licht", sagt Sandra Lichtenstern und schaut von ihrem Laptop auf. "Aber macht es dich auch an?", fragt Kollegin Sabine Fischer.

Diese Frage ist immer entscheidend, schließlich geht es hier um Pornos.

Gerade haben die beiden jungen Frauen aus Basel mit der Arbeit an ihrem zweiten Film "Pornographical Remix Vol.: 4-6" begonnen, ihre erste DVD hat sich über 500 Mal verkauft. Noch wochenlang werden sie in ihrem schicken Atelier sitzen und einen Siebziger-Jahre-Porno nach dem anderen schauen, manchmal acht Stunden am Tag. Dabei ergeht es ihnen wie vielen anderen Pornokonsumenten: "Erst findest du alles geil, nach einiger Zeit lässt es dich kalt", sagt Lichtenstern.

Pornos von Frauen, aber nicht nur für Frauen

Dabei sind die beiden Designerinnen gerade keine typischen Pornokonsumenten. "Zeitgenössische Pornos haben diesen stumpfen Gynäkologenblick", sagt Lichtenstern. "Da findet man nichts Menschliches mehr: Alles muss möglichst groß, möglichst hart und möglichst nah sein. Das empfinden wir nicht als erregend." Deshalb haben sie das Label Glory Hazel gegründet. Sie machen Pornos von Frauen, aber nicht nur für Frauen. Als Designerinnen sehen die beiden in Pornofilmen ein riesiges Potential für ästhetische Darstellungsweisen, das von der Industrie zumeist komplett ignoriert werde.

Dabei wollen sie kein neues Material in den eh schon übersättigten Markt schütten. Lieber verwerten sie alte Siebziger-Pornos neu, indem sie sorgfältig ausgewählte Filmschnipsel collageartig zusammenschneiden. Auf plumpe Dialoge und eine durchgängige Handlung verzichten die Gestalterinnen komplett. Der ursprüngliche Ton wurde durch eine eigens vom Komponisten Basil Kneubühler kreierte Musik ersetzt. "Erst wollten wir sogar ganz auf das Gestöhne verzichten", erzählt Lichtenstern. "Aber ohne geht es dann doch nicht. Daher haben wir dezenteres, zeitgenössisches Stöhnen aufgenommen."

Die Filme sollen ästhetisch anspruchsvoll sei - aber trotzdem als Porno funktionieren. Und das gelingt auch: Zwischen sich spiegelnden Glasfassaden, silberfarbenen Ganzkörper-Overalls, blinkenden Casino-Lichtern und sich spreizenden Schenkeln entsteht so etwas wie Lust.

Die Siebziger gelten ein bisschen als "Goldenes Zeitalter der Pornografie", die Produktionen hatten eine filmische Qualität, die sich so nicht mehr finden lässt. "Viele der alten Filme waren richtige Guerilla-Kunst - unter schwierigen Bedingungen abgedrehte Produktionen, an denen sich Filmemacher versuchten, denen oftmals Größeres vorschwebte. Die Attitüde war viel freigeistiger und experimentierfreudiger", sagt der Filmjournalist Christian Keßler, dessen Buch "Die läufige Leinwand. Der amerikanische Hardcorefilm von 1970 bis 1985" (Verlag Martin Schmitz) gerade erschienen ist.

Biolatschen statt High Heels

Seit einigen Jahren wird die Lust auf Pornos über das Internet gestillt. Die meistgeklickte Seite für Sexfilme ist YouPorn. Plastikkörper, glattrasiert, tätowiert, hart ausgeleuchtet im billigen Hotelzimmer und dazu in quälend klarer High Definition. Die immer gleichen Clips haben den Reiz von Amateurmaterial, sind aber meist professionelle Low-Budget-Produktionen. Filmische Ansprüche und Ästhetik haben in diesem Markt keine Chance mehr.

Nun gelten zwar seit einiger Zeit Feminismus und Pornografie nicht mehr unbedingt als Widerspruch. Filmemacherinnen versuchen sich auf dem Terrain der Pornografie; wenn die Frau im Porno Biolatschen statt High Heels trägt, war vermutlich Petra Joy am Werk. Die Filmemacherin gilt als Aushängeschild dieser Genrevariante und wird gern als feministische Befreierin des weiblichen Bedürfnisses nach politisch korrekter Pornografie gefeiert.

Doch die beiden Porno-Samplerinnen aus der Schweiz überzeugt das wenig. "So wie der Mainstream-Porno gegen die Frau geht, geht der reine Frauenporno meist gegen den Mann", findet Sandra Lichtenstern. Die Kulturwissenschaftlerin Sabine Lüdtke-Pilger teilt diese Ansicht: "Sexuelle Geschlechterklischees lassen sich nicht aufbrechen, indem man den Männern pinkfarbene Federn ins Haar steckt." Sie hat sich in ihrem Buch "Porno statt PorNo" (Schüren Verlag) mit Frauenpornografie in Werken von Petra Joy und Jessica Nilsson ("All About Anna") beschäftigt.

Auch filmische Qualität sucht man unter den weiblichen Pornografinnen meist vergeblich. "Der Frauenporno hat sich nicht natürlich wie andere filmische Genres entwickelt. Daher hat er noch keine eigene Bildsprache, alles wirkt künstlich und konstruiert", erklärt Lüdtke-Pilger. Ihr Fazit ist dementsprechend ernüchternd: "Der frauenpornografische Film vermittelt oft ein klischeehaftes Geschlechterbild und hält sich so verkrampft an Regeln, dass die Lust an der Lust auf der Strecke bleibt. Um einen guten Sexfilm zu machen, reicht es eben nicht, ein Gender-Seminar besucht zu haben."

Das sehen Lichtenstern und Fischer ähnlich: "Klar, wir sind auch Feministinnen. Aber letztlich wollen wir menschliche Pornos produzieren, die für beide Geschlechter funktionieren." Das schaffen sie vor allem durch ihren genauen Blick für Bildsprache und Ästhetik; Oralsex beim Mann muss so nicht zwingend durch Oralsex bei der Frau ersetzt werden - und die pinkfarbenen Federn können auch in der Karnevalskiste bleiben.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. ah, welch kreative urkraft ! stoehn...
frank_lloyd_right 17.02.2011
heutzutage muss man wirklich alle register ziehen, um kohle zu machen - auch die untersten schubladen.
2. Wo bleibt der Charme?
bugeye 17.02.2011
Waren nicht immer die Dialoge und "Handlungen" in Pornos das einzig Amüsante, wenn man jetzt mal von der Selbstbefriedigung absieht? Das wollen jetzt diese Frauen auch noch raus schneiden, wo bleibt da der Charme, der eigentlich gerettet werden sollte?
3. schlimm
elbröwer 17.02.2011
Eigentlich schade das durch unsere verquasten Moralvorstellungen, niemals Erotik als eigene Kunstform Einzug hielt. Immer Porno und der hat nicht die geringste Erotik zu bieten. Ein 4stündiger Film aus einem Fitnesstudio mit viel Schweiß und künstlich aufgepumpten Aktiven, lecker Doping und Muskelpräparate ist vermutlich genauso abstoßend.
4. Man kann ja geteilter Meinung sein über Pornos.
Monark 17.02.2011
Aber gerade der "Gynäkologenblick" ist das, was ich an Pornos abschreckend finde. Für mich sind die ständig gleichen Nahaufnahmen von verschiedenen Körperöffnungen alles andere als erotisch (in Zeiten von Youporn kann sich ja jeder selbst ein Bild davon machen). Mich törnt so etwas ab. Den Ansatz der beiden Damen, sich auf ästhetischere Szenen zu beschränken, kann ich also schon nachvollziehen. Aber da gibt es noch etwas, was ich an Pornos absolut unerotisch finde: Synchronisation. Was für ein albernes Gestammel. Dann lieber gar keinen Ton!
5. Neue olympische Disziplin
My2Cents 17.02.2011
Ich muss den beiden Damen aus Basel schon recht geben: Was heutzutage von der Pornoindustrie produziert wird, ist immer der gleiche gynäkologische Blick. (Ich will jetzt hier nicht die gleichen, immer wiederkehrenden Punkte eines youporn-Videos aufzählen, sonst werde ich gleich wieder zensiert.) Einen Abend lang hab ich mir bei youporn mal Videos angeschaut, dann hatte ich auch schon die Nase voll. Da gefallen mir Hentais wesentlich besser. Da ist wenigstens eine Rahmenhandlung dahinter - und ein unheimlich erotischer Blick auf's Ganze. Kein Wunder, werden Hentais in Japan ja fast ausschließlich von Frauen gezeichnet. Das einzig Schlimme ist, dass die Jugend von heute (zumindest die Jungs und Mädels, die ich kenne) sich ausschließlich für das auf youporn Gezeigte interessieren und bei ihnen Sex zur olympischen Disziplin verkommt. (Auch hier spare ich mir wieder die Aufzählung bzw. Anekdoten, damit es sich wenigstens ein wenig gelohnt hat, dass ich meine Zeit ins Schreiben dieser Nachricht investiert habe.)
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Samstag, 19.02.2011, 22.00 Uhr, VOX

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