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Erotikdrama mit Sandra Hüller: Seitensprung in Serie

Von Jörg Schöning

Sex in der Tiefe des Raumes: In dem niederländischen Film "Brownian Movement" vollzieht eine Ärztin in kunstvoll ausgeleuchteten Zimmern den Ehebruch mit hässlichen und haarigen Männern. Eine Studie über Architektur und Verlangen, die durch Hauptdarstellerin Sandra Hüller zum Ereignis wird.

Erotikstudie "Brownian Movement": Liebe, Triebe, Bauwerke Fotos
Filmlichter/ Coin Film 2011

Es soll ja schon mal vorgekommen sein: Eine Frau hat ihren Mann betrogen. Mehrfach, mit Bedacht und mit wechselnden Partnern. Nun sitzt das Ehepaar in der Paartherapie, und sie sucht nach Worten, die ihm und der Psychologin ihr Verhalten erklären. Mehrmals setzt sie an, immer wieder bricht sie ab. "Ich sollte hier nicht alles dazu sagen", befindet sie, zu ihrem Mann gewandt. "Das macht es nur viel schwerer."

Und das findet auch die Regisseurin. In ihrem dritten Spielfilm erweist sich die Niederländerin Nanouk Leopold als konsequente Vertreterin eines filmischen Minimalismus, der auf die Psychologisierung der Personen und auf Erklärungen ihres Tuns ganz bewusst verzichtet. Den Titel ihres Filmes aber wird man - um es dem Kinopublikum leichter zu machen - wohl doch erläutern müssen.

Die "Brownsche Bewegung" bezeichnet ein Phänomen aus der Physik: die Bewegung molekularer Teilchen in Flüssigkeiten und Gasen, die sich (seit ihrer Entdeckung durch den britischen Botaniker Robert Brown im frühen 19. Jahrhundert) nicht nur beobachten, sondern auch berechnen lässt. Was sich in Charlotte (Sandra Hüller) so alles in Bewegung gesetzt hat, wird für ihre Umwelt schlagartig sichtbar, als sie einen anscheinend wildfremden Mann tätlich angreift. Erst rammt sie ihm die Nase ein und gleich darauf die Faust noch einmal mitten ins Gesicht. Dann bricht sie bewusstlos zusammen.

Der Film als sexuelle Versuchsreihe

Ein neofeministischer Actionfilm ist "Brownian Movement" darum aber noch lange nicht. Eher wirkt das ebenso strenge wie sinnliche Lichtspiel geradezu altmeisterlich. Als wäre es ein Bild von Vermeer, so wunderbar klar wirken Bildaufbau, Lichtführung und inszenierte Raumtiefe in der Anfangssequenz. Sie zeigt das gestaffelte Stillleben einer Zimmerflucht mit Vorder-, Mitte und Hintergrund. Durch eine Lichtquelle außerhalb wundersam illuminiert, liegen die drei - mit Tisch und Bett und Sofa karg möblierten - Räume da. Nur dass, anders als in den Gemälden Vermeers, in dem modernen bürgerlichen Interieur das Licht von rechts einfällt. Eine schöne Unbekannte in verfänglicher Situation hat aber auch Nanouk Leopolds unbelebte Szenerie bald zu bieten.

Es ist die deutsche Ärztin Charlotte von Ribbeck, die sich in dieser selbst angemieteten Wohnung in Brüssel mit wechselnden Männern zum Sex trifft. Charlotte hat Mann und Kind. Benjamin ist fünf, Max (Dragan Bakema) ein attraktiver Franzose und Architekt, der in Belgien Bauten des Architektur-Avantgardisten Le Corbusier instandsetzt.

Im Bett mit Max ist es kuschelig und schön; die Männer aber, die Charlotte bei ihrer Arbeit in der Universitätsklinik aufliest, sind durchweg hässlich, ruppig und alt. Oder schon gleich deformiert - pockennarbig, übergewichtig oder sehr stark behaart. "Sein Gesicht habe ich nicht angesehen", gibt sie später zu. Vielleicht ja auch deshalb reagiert die somnambule Fremdgängerin so aggressiv, als sie in einem Mitarbeiter ihres Mannes eines ihrer Sexobjekte wiedererkennt.

Kühl und distanziert - und damit wiederum ganz der zweckgerichteten Formensprache Le Corbusiers verpflichtet - bildet "Brownian Movement" Charlottes sexuelle Versuchsreihe ab. Deren Verlauf nimmt die Protagonistin ebenso neugierig wie ergebnisoffen zur Kenntnis. Ihre anschließenden Reinigungsrituale sollen jedenfalls keine imaginäre Schuld fortspülen, sondern schlicht Spuren eliminieren.

Ist Indien die Rettung?

In drei klar gestaffelte Kapitel hat Nanouk Leopold die Geschichte einer ehelichen Entfremdung und die langsame Wiederannäherung ihres Paares unterteilt. Den sich einstellenden Mangel an sexuellen Attraktionen substituiert der Film durch eine gesteigerte sinnliche Wahrnehmung der Außenwelt, durch die Atmosphäre und die Landschaften Indiens, wo das Ehepaar vorsichtig noch einmal ganz von vorn anfängt.

Das ursächlich Bewegende in "Brownian Movement" aber ist Sandra Hüller. Für ihr gefeiertes Filmdebüt "Requiem" (2006, Regie: Hans-Christian Schmid) ist sie unter anderem mit dem Silbernen Bären und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet worden, weil sie in der Rolle einer von religiösem Wahnwitz gequälten jungen Frau überzeugend ein Innenleben nach außen kehren konnte. Hier sind es nun die feinsten Fasern der Physis, die Sandra Hüller zur inneren Ausgestaltung ihrer Figur einsetzt. Sie tut dies hingebungsvoll, doch zugleich mit einer sanften Reserve, was ihrer Charlotte eine Art vermeersches Geheimnis belässt.

Inzwischen Mutter neugeborener Zwillinge, streift Charlotte gelegentlich allein durch die Straßen im indischen Ahmedabad und durch den leeren Corbusier-Bau, den Max hier inzwischen restauriert. Ihr Mann könnte also ganz beruhigt sein. Doch dann zeigt der Film, wie Charlotte, auf dem harten Betonboden liegend, eine Armbewegung vollführt, die der Kinozuschauer noch von ihrem Lotterbett her kennt.

In einem auf die Perfektion aller äußeren Erscheinung ausgerichteten Film sind es solch kleinen Gesten, ein gelegentliches Lächeln oder ein versonnenes Mienenspiel, mit denen Sandra Hüller daran erinnert, dass menschliches Sehnen Bewegungen in Gang setzt, die letztlich unberechenbar sind.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Komische Botschaft
Michael Giertz, 29.06.2011
Zitat von sysopSex in der Tiefe des Raumes: In*dem niederländischen Film*"Brownian Movement" vollzieht eine Ärztin in kunstvoll ausgeleuchteten*Zimmern den Ehebruch mit hässlichen und haarigen Männern. Eine Studie über Architektur und Verlangen, die durch Hauptdarstellerin*Sandra Hüller zum Ereignis wird. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,771244,00.html
Wären die Männer weniger behaart, wären sie dann weniger hässlich? Oder was soll mit dem Trailer da gesagt werden: behaarte Männer = hässliche Männer?
2. Langweilig
Ben Major 29.06.2011
Zitat von sysopSex in der Tiefe des Raumes: In*dem niederländischen Film*"Brownian Movement" vollzieht eine Ärztin in kunstvoll ausgeleuchteten*Zimmern den Ehebruch mit hässlichen und haarigen Männern. Eine Studie über Architektur und Verlangen, die durch Hauptdarstellerin*Sandra Hüller zum Ereignis wird. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,771244,00.html
Einen langweiligeren Film könnt man wahrscheinlich nur drehen, wenn man einfach die Bilder der Überwachungskamera im eigenen Hausflur nimmt.
3. Ebenso bemüht wie psychologisch falsch
PsyDyn 29.06.2011
Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren im Wochenschnitt 45 Stunden als Psychiater, Psychoanalytiker und Paartherapeut. Schlichtes Fazit: Menschen funktionieren keineswegs auf diese Art. So jedenfalls nicht, obwohl man viel erfährt in der Praxis. Ein weiteres Beispiel dafür, daß sich Drehbuchschreiber, Romanautoren und Filmemacher endlich um die tatsächlichen Inhalte menschlicher Konflikte kümmern sollten als um ihre pseudophilosphische Scheinästhetik. Versemmelt. Glasperlenspiel ohne Belang.
4. Film = Voyeurismus
wolltsnursagen 29.06.2011
Das ist der Vorteil Mann zu sein. Egal wie behaart oder wie hässlich oder was ein Arschloch du bist, jeder Mann hat eine Frau irgendwo die Ihn liebt..
5. Neue Beiträge
GSYBE 29.06.2011
Zitat von Michael GiertzWären die Männer weniger behaart, wären sie dann weniger hässlich? Oder was soll mit dem Trailer da gesagt werden: behaarte Männer = hässliche Männer?
Es soll wohl psychologisch tiefgründig wirken, tatsächlich werden plump Klischees bedient. Scheint der passende Film zur aktuellen Schlampen-Bewegung zu sein; Sex & the City mit vorgeschobenen Anspruch.
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Brownian Movement

Niederlande 2011

Regie und Drehbuch: Nanouk Leopold

Darsteller: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timeteo

Produktion: Circe Films

Länge: 97 Minuten

Start: 30. Juni 2011

Offizielle Website zum Film


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