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Erotikdrama von Tom Tykwer: Wir sind so frei, wir drei

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Auf Bionade-Biedermeier folgt die sexuelle Revolution: In Tom Tykwers "Drei" finden sich zwei Männer und eine Frau mitten in Berlin zur glücklichen Ménage à trois zusammen. Eine großartige Liebes-Utopie, die auch beim letzten Spießer die Frage hervorkitzelt: Sind wir nicht alle bisexuell?

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Freitagabend in der NDR Talk Show: Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt verzieht das Gesicht, als habe er in ein faules Ei gebissen und fragt den Schauspieler Devid Striesow, ob es nicht einer riesigen Überwindung bedurfte, vor der Kamera einen anderen Mann zu küssen. Weiß der ansonsten immer gut informierte NDR-Mann denn nicht, dass wir im Grunde genommen alle bisexuell sind?

Bei dem Film, über den in der Talkshow gesprochen wurde, handelt es sich um den erotischen Weckruf "Drei" von Tom Tykwer. Und wahrscheinlich gibt es hierzulande keinen besseren Regisseur, um einem größeren Publikum beizupulen, dass es bei der menschlichen Sexualität um mehr geht als die Missionarsstellung zwischen Mann und Frau: Tykwer ist Mittler zwischen Avantgarde und Mainstream, in seinem optisch aufpolierten Überwältigungskino fand sich früher schon die eine oder andere progressive These. Nun erzählt er von der frei fließenden Energie einer Lust, die nicht so kleinlich ist, sich auf jeweils Mann oder Frau als Objekt der Begierde zu beschränken. Kurz, es geht um eine Ménage à trois, bei der jeder jeden begehren darf. Drei, das ist hier die perfekte Zahl.

Klingt zu schön, um wahr zu sein, sicher. Trotzdem mögen wir Tykwers ambitioniertem Befreiungskino folgen, und das liegt daran, dass er die sexuelle Libertinage aus einer ganz gewöhnlich verklemmten Beziehungskiste erwachsen lässt. Das macht Hoffnung, auch für die noch nicht ganz Befreiten unter uns: Es ist nie zu spät für eine spannende Dreiecksgeschichte, es ist nie zu spät für ein unerwartetes Coming-out. Die Libido geht selten in Frührente.

Obwohl das bei dem Pärchen, das im Mittelpunkt von "Drei" steht, eben gerade der Fall zu sein scheint: Hanna ( Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper) sind Bilderbuchvertreter der bürgerlichen Bohème Berlins. Als Möglichkeit ist ihnen kein noch so ausgefallener Identitätsentwurf fremd, selber umsetzen müssen sie ihn nicht unbedingt. Theoretisch sind sie Avantgarde, praktisch Kleinbürgertum.

Stimulierende Exkurse in die Fortpflanzungstechnik

So leben, diskutieren und streiten die beiden so, wie man das am Prenzlauer Berg eben tut. Und natürlich machen sie irgendwas mit Medien und Kunst. Hanna moderiert im Fernsehen eine Kultursendung, die nach 3sat riecht, nebenbei hält sie Vorträge über Chimärenforschung vor dem Nationalen Ethikrat - bei denen ihre Gedanken aber neuerdings immer wieder gefährlich abgleiten. Simon organisiert als Galerist Ausstellungen für erfolglose Künstler - und surft nebenbei im Netz die Pornoseiten ab. Er gehört zu den Männern, die mit ihrer Freundin am Telefon das Abendessen besprechen können, während sie in eine fremde geöffnete Vagina starren.

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Erotikdrama von Tom Tykwer: Woody Allen meets Pasolini
Sagen wir mal so: Hanna und Simon erscheinen beziehungstechnisch nicht mehr so recht bei der Sache. Anfang 40 sind die beiden jetzt, sie kennen sich inzwischen länger als die Hälfte ihres Lebens, die Sache mit dem Kinderkriegen scheint erledigt - aus Gründen, die man zwar unendlich lange diskutiert hat, aber abschließend doch nie wirklich klären konnte.

Und dann steht da auf einmal Adam (Devid Striesow) in ihrer beider Leben, der so ziemlich alles kann, alles liebt, für alles offen scheint: im Chor singen und Fußball spielen, Motorrad fahren und Bob-Wilson-Theaterabende genießen, mit Männern schlafen und mit Frauen. Der Typ ist also eine wunderbare Projektionsfläche - auf die Hanna und Simon (freilich ohne voneinander zu ahnen) Begierden richten, von denen sie kurz zuvor nicht mal wussten, dass sie in ihnen schlummern. Und Adam, im Beruf Stammzellenforscher, geht mit den Sehnsüchten um wie ein Wissenschaftler, der jede biologische oder psychologische Regung der Spezies Mensch wertfrei beobachtet.

Hanna lässt sich von ihm anlässlich einer Recherche für den Ethikrat in den neuesten Stand der Fortpflanzungstechnik einführen - und landet schließlich nach einigen akademisch stimulierenden Exkursen ("Für eine Gewinnung von Stammzellen wird eine Befruchtung heute nicht mehr gebraucht") bei ihm im Bett. Simon indes nähert er sich im Freizeitbad, einem schwimmenden Pool, der einladend auf der nachtdunklen kalten Spree dampft. Simon, das muss man wissen, wurde kurz zuvor wegen Krebs ein Hoden entfernt: Plopp - so zeigte es Tykwer in einer expliziten Szene - fiel das blutige Ei nach der OP in die Nierenschüssel. Adam bittet ihn nun in der Umkleidekabine, sich den verwaisten Hoden mal aus der Nähe anschauen zu dürfen.

Sex-Klamauk oder Erotik-Drama? Ironisches Berlin-Mitte-Porträt oder kompromisslose Akademiker-Innenschau? Tom Tykwer hält geschickt die Balance. Er zeigt Pleiten, Pech und Pannen seiner Charaktere auf amourösem Felde, führt sie in ihrer Bildungs- und Kunstgefräßigkeit vor, die sie zwischenmenschlich doch nur noch ausgemergelter erscheinen läßt. Gleichzeitig setzt er jeden ihrer schüchternen Küsse, jede ihrer Tastbewegungen zum anderen oder gleichen Geschlecht mit heiligem Ernst in Szene: Woody Allen meets Pier Paolo Pasolini. "Was sie schon immer Sex wissen wollten" trifft "Theorema - Geometrie der Liebe". Das passt schon: Man muss eben oft erst einmal lachen über die eigenen Verklemmungen, um sich frei zu machen von seinen Hemmungen.

Kunstsinnige Zumutungen für das Bildungsbürgertum

Glaubt man dem Kino-Output von diesem Jahr, geht da wieder was im Liebesuntergrund von Berlin, wo man sich in letzten Jahren ja eher um Kinderwagenstellplätze als um sexuelle Freiräume gekümmert hat: Auf Bionade-Biedermeier folgt da jetzt offensichtlich eine kleine neue sexuelle Revolution. Im Sommer schlug ja schon ganz unerwartet RP Kahls Arthouse-Porno " Bedways" in den hiesigen Programmkinos ein, bei dem sich eine Gruppe junger Künstler in Hardcore-Optik zur Selbstfindung improvisierte und penetrierte.

Kam "Bedways" als schroffes Gruppenexperiment von Twentysomethings daher, so richtet sich "Drei" nun eben an ein arrivierteres Publikum, das die zuweilen arg schmerzhaften Erkundungen dieses Dinges namens Lust nur in kunstsinniger Art und Weise zu akzeptieren geneigt ist: Gender trouble als Bildungsbürgergenuss, Tanztheaterdarbietungen von Sasha Waltz inklusive. Tom Tykwer geht äußerst klug mit den eigenen und den von außen angetragenen Kunstforderungen um, indem er sie entweder genüsslich ironisiert oder aber in brillante und immer dem Dienste der Geschichte verpflichtete Bilder übersetzt.

Denn "Drei" ist nach internationalen Produktionen wie der sich schnell verflüchtigenden Duftwolke "Das Parfüm" (2006) oder dem Hochglanzthriller "The International" (2009) vor allem auch eine Selbstvergewisserungsmaßnahme des Berliner Filmemachers Tom Tykwer - und sein bester Film seit "Winterschläfer" (1997). Das liegt vor allem daran, dass es ihm gelingt, seine Zitatwut, seine bildgestalterische Abenteuerlust, seinen formellen Spieltrieb gänzlich dem Plot unterzuordnen.

Allein die Eröffnungssequenz: Aus einem Zugfenster sieht der Zuschauer zwei Überlandleitungen vorbeischnellen, die erst parallel laufen, sich dann voneinander entfernen, um schließlich wieder aufeinander zuzurasen. Aus dem Off werden daran die Stationen einer Liebe beschrieben. Der Prolog nimmt somit die Erzähllinie vorweg, die der Regisseur hier so leichthändig und doch zielgenau verfolgt, dass die Vereinigung von Hanna, Simon und Adam zu einem gegen alle Zweifel und Zumutungen gewappneten Liebestrio nur folgerichtig anmutet.

Ist Tom Tykwer Romantiker, Liebesutopist oder Sexualrevolutionär? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall beweist er sich endlich wieder als grandioser Erzähler, bei dem eine bisexuelle Dreier-WG selbst dem Talkshowspießer als einleuchtendstes aller Lebensmodelle erscheinen muss.

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insgesamt 53 Beiträge
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1. Wir sind so armselig, wir drei....
Rückenwind 21.12.2010
Ich denke, da hat jemand aus seiner verqueren Szene ein Filmchen gemacht und meint damit die Gesellschaft amüsieren / beglücken / aufklären zu müssen. Wenn es die Herrschaften langweilt, meinen Sie wohl alles ausprobieren zu müssen. Da kann ich als oller Spießer wohl nur hoffen, daß mir nicht die Hobbys ausgehen, sonst werde ich aus Langeweile auch noch so eklig dekadent....
2. Woher kommt eigentlich diese zwanghafte Bisexualisierung?
Monark, 21.12.2010
---Zitat von SpON--- Das macht Hoffnung, auch für die noch nicht ganz Befreiten unter uns: Es ist nie zu spät für eine spannende Dreiecksgeschichte, es ist nie zu spät für ein unerwartetes Coming-out. ---Zitatende--- Darf man sich im 21. Jahrhundert als Hetero-Mann noch normal führen, oder muss ich zum Psychologen, nur weil ich noch nie das Bedürfnis hatte, einen anderen Mann zu küssen? Ts, ts, was die Leute einem so alles weiszumachen versuchen ...
3. Gähn
hajoschneider 21.12.2010
Zitat von sysopAuf Bionade-Biedermeier folgt die sexuelle Revolution: In Tom Tykwers "Drei" finden sich zwei Männer und eine Frau mitten in Berlin zur glücklichen Ménage à trois zusammen. Eine großartige Liebes-Utopie, die auch beim letzten Spießer die Frage hervorkitzelt: Sind wir nicht alle bisexuell? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735716,00.html
Ein bisschen tut der Redakteur ja so, als sei das wahnsinnig revolutionär. Aber Versuche dieser Art und Filme darüber gab es schon immer. Grooßoartig etwa Pourquoi pas von Coline Serreau (1977). Aber auch später (und früher) gab es immer wieder filmische Versuche dieser Art. Liegt wohl am Alter des Redakteurs, dass er die wirklichen Coming-Out-Jahre in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts nicht miterlebt hat. Oder liegt es daran, dass diese sogenannte Avantgarde vor lauter Nabelbeschau nicht mehr mitkriegt, was links und rechts (und zwar überall) passiert (und nicht nur im Avantgarde-Berlin). Überhaupt drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Internetgeneration im Großen und Ganzen ziemlich ahistorisch aufgewachsen ist und nur noch das sieht und diskutiert, was sie selber gerade zelebriert.
4. Naja,
suai 21.12.2010
wie eben frueher in der DDR. Poppen geht immer, wenn man nicht reisen kann oder will, und eben auch denkt, Berlin ist der Nabel der Welt muss man sich eben etwas einfallen lassen, um der Langeweile zu entrinnen. War schon immer so, nix Sensationell Neues. Julkes et Jim von Truffaut ist da charmanter und auch vor 30 Jahren gedreht. Aber Tykwer ist eben nicht Truffaut. ebeQUOTE=sysop;6832232]Auf Bionade-Biedermeier folgt die sexuelle Revolution: In Tom Tykwers "Drei" finden sich zwei Männer und eine Frau mitten in Berlin zur glücklichen Ménage à trois zusammen. Eine großartige Liebes-Utopie, die auch beim letzten Spießer die Frage hervorkitzelt: Sind wir nicht alle bisexuell? http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,735716,00.html[/QUOTE]
5. Vielen Dank!
phffm 21.12.2010
Zitat von RückenwindIch denke, da hat jemand aus seiner verqueren Szene ein Filmchen gemacht und meint damit die Gesellschaft amüsieren / beglücken / aufklären zu müssen. Wenn es die Herrschaften langweilt, meinen Sie wohl alles ausprobieren zu müssen. Da kann ich als oller Spießer wohl nur hoffen, daß mir nicht die Hobbys ausgehen, sonst werde ich aus Langeweile auch noch so eklig dekadent....
Falls Sie in vorweihnachtlicher Zeit Ihren Mitmenschen ein Trost sein wollen: Behalten Sie Ihre reaktionäre Häme doch bitte für sich. Ich jedenfalls kann am Thema weder etwas Ekliges noch Dekadentes erkennen. Wäre ich etwas streitlustiger vor Weihnachten, würde ich sagen: Bitte erklären Sie das doch mal etwas genauer! Aber ehrlich gesagt, möchte ich gar nicht wissen, was Sie dann zum Besten geben.
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Drei

Deutschland 2010

Regie: Tom Tykwer

Drehbuch: Tom Tykwer

Darsteller: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow, Annedore Kleist, Angela Winkler, Alexander Hörbe, Winnie Böwe, Hans-Uwe Bauer, Senta Dorothea Kirschner

Produktion: X Filme Creative Pool

Verleih: X Verleih (Warner)

Länge: 119 Minuten

Start: 23. Dezember 2010

Offizielle Website zum Film


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