30. April 2013, 16:10 Uhr

Erotikthriller "Passion"

Zickenkrieg mit Todesfolge

Von Jörg Schöning

Was sollen denn die Schaumbad-Erotik und der Softporno-Sound? Brian de Palma gilt eigentlich als Thriller-Könner. In "Passion" jagt er nun die Stars Rachel McAdams und Noomi Rapace als sündhafte Feindinnen aufeinander los. Nur wirkt die Schlafzimmeratmo seines Films leider ziemlich ansteckend.

Der Mord als Geschäft betrachtet, ist wie jedes Handeln im Wirtschaftsleben dem Ertragsgesetz unterworfen; das Verhältnis von Input und Output muss stimmen, wenn die Bluttat effizient sein soll. Und so sollte auch ein "Business-Thriller", der von einem solchen Verbrechen erzählt, seine Mittel ökonomisch vernünftig einsetzen. Tut er es nicht, darf man ihm Missmanagement ankreiden.

"Passion" spielt in der Berliner Filiale eines multinationalen Konzerns, auf deren Chefetage zwei Frauen einen Konkurrenzkampf austragen, der für eine der beiden tödlich endet. Der Aufwand, den der Film damit inhaltlich treibt, ist äußerst gering: "Passion" recycelt einen kleinen, gediegenen Psychothriller namens "Crime d'amour", den letzten Film von Alain Corneau, dem 2010 verstorbenen Altmeister des französischen Kriminalgenres ("Wahl der Waffen"). Um im Remake die "Liebe" zur "Leidenschaft" hoch zu pushen, hat der Produzent Saïd Ben Saïd ("Der Gott des Gemetzels") keinen geringeren als Brian De Palma als Regisseur verpflichtet. Was sich also anbietet, ist ein Produktvergleich.

Wo Corneau sich auf seine glänzende Besetzung verlassen konnte - Kristin Scott Thomas als sadistische Chefin, Ludivine Sagnier als Untergebene mit heimlichem Hang zu Höherem -, setzt De Palma auf Effekte. Dabei folgt seine Adaption dem Originaldrehbuch von Corneau zunächst sehr getreu. Auch bei ihm versteht es die Businessfrau Christine (Rachel McAdams), ihre Assistentin Isabelle (Noomi Rapace) mit hingehauchten Liebesbeteuerungen nach Belieben zu manipulieren und deren Leistungen als die eigenen auszugeben.

In diesem Traum ist alles möglich

Doch schon die überraschende Begünstigung, das neueste Projekt in London präsentieren zu dürfen - wo Isabelle mit Christines Lover (Paul Anderson) eine von dieser einkalkulierte Affäre beginnt -, gerät für Isabelle zum Menetekel: Nach ihrer Rückkehr wird sie von der Vorgesetzten nur noch heftiger schikaniert. Verständnis und Unterstützung findet Isabelle allein bei der jungen Praktikantin Dani (Karoline Herfurth).

Das Original folgt von nun an minutiös Isabelles strategisch glänzend vorbereiteter Rache. Corneaus Film macht sie für den Zuschauer zwar nicht völlig transparent, aber gerade aus dieser Erwartungshaltung gegenüber dem Ungewissen entsteht der Suspense. Der aber, ausgerechnet, stellt sich beim Hitchcock-Adepten De Palma nicht ein. Stattdessen beschwört er eine Traumatmosphäre, in deren irrealem Setting schlechthin alles möglich scheint.

Corneau arbeitete mit streng grafisch gebauten Kameraeinstellungen, über die sich die distanzierte Kühle des Büroalltags adäquat transportierten ließ. In "Passion" ist die Kameraführung fahrig und die Lichtsetzung so konturlos, dass der Film oftmals wie ein billiges Video aussieht. So verbreitet De Palma in den Büroräumen hinter halb herabgelassenen Jalousien eine Schlafzimmeratmosphäre, die der abgestandenen Schaumbaderotik seines Films, die De Palma offenbar für feierabendfüllend hält, voll und ganz entspricht.

Während Corneau effektvoll nur ein einziges Stück des Free Jazzers Pharoah Sanders einsetzt, übergießt De Palma seine Bilder mit orchestralen Sounds, die nach alten Softpornos klingen, ehe er mit stakkatohaft greinenden Geigen à la Bernard Herrmann seine Vorstellung von "Hitchcock-Thrill" auch auf der Tonspur entfacht. Auch hier übersteigt der getriebene Aufwand den dünnen Ertrag.

Mächtig Dampf, aber dünne Plörre

Denn alle Extravaganzen kollidieren mit einem - zumindest für deutsche Kinozuschauer - allzu durchschnittlichen Cast: Da muss sich ausgerechnet der Berliner "Tatort"-Kommissar Dominic Raacke die allergrößte Mühe geben, einen amerikanischen Firmenboss zu mimen. Und obwohl ihm das gar nicht so übel gelingt, wirkt das vertraute Gesicht in diesem Rahmen so inkongruent wie der Auftritt von Rainer Bock als Inspektor Bach, der physiognomisch wie habituell das Erbe des Siebziger-Jahre-"Tatort"-Kommissars Klaus Schwarzkopf antritt.

Gänzlich ernüchternd ist dann jene Szene, in der Isabelle ihrer alkoholisierten Assistentin Dani zur Ausnüchterung einen Espresso kredenzt - eine Prozedur, die in keiner Weise dem Handlungsverlauf, sondern ausschließlich dem Product Placement dient.

Und doch enthüllt sie schlaglichtartig das Verfahren, nach dem dieser Aufguss von "Crime d'amour" hergestellt worden ist. Brian de Palma hat den Kern der Geschichte pulverisiert und mit einer glänzenden Hülle umgeben. Filmisch wendet er ein Verfahren an, das seit einigen Jahren schon in der Kaffeezubereitung um sich gegriffen hat. Natürlich kann man auch aus einem Filmstoff unter Dampf und einigem Getöse das Letzte rauspressen.

Doch was bei dieser Art der Kaffee- wie Filmherstellung nach raschem Instant-Genuss übrig bleibt, ist in beiden Fällen dasselbe. Es ist Müll.


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