Kino-Aktion: Der lange Tag des kurzen Films

Von Simon Broll

Gestresst vor Weihnachten? Entspannen Sie doch wie die Franzosen: Am 21. Dezember findet in Deutschland der erste bundesweite Kurzfilmtag statt. Mit Vorstellungen in Cafés, Kinos und Museen soll die kleine Kunstform groß herauskommen.

Dresden/Hamburg - Deutschland ist Oscar-Land. Allein in den letzten fünf Jahren haben heimische Regisseure fünf Academy Awards in Los Angeles erhalten, weitere vier Mal waren sie nominiert. Warum die Preisträger wie Thomas Stuber oder Elmar Imanov dennoch einem Großteil der deutschen Kinogänger unbekannt sind? Sie alle machen Kurzfilme und bekamen als Hochschulabsolventen den Studenten-Oscar überreicht.

Stuber und Imanov sind die derzeit erfolgreichsten Künstler, die sich dem Kleinformat verschrieben haben. "Die deutsche Kurzfilmbranche boomt", sagt Sylke Gottlebe von der Arbeitsgemeinschaft Kurzfilm aus Dresden. Die Filmhochschulen seien voll mit talentierten Jungregisseuren, zudem würden Autodidakten und ältere Filmer die Szene mit Arbeiten beliefern. Das wirkt sich positiv auf die Zahlen aus: In diesem Jahr wurden 305 Vorschläge für den Deutschen Kurzfilmpreis eingereicht - so viele wie noch nie.

Das Paradoxe: Trotz des wachsenden Angebots fristet der Kurzfilm in Deutschland ein Nischendasein. Außer auf Festivals wie etwa in Oberhausen, Hamburg, Bamberg oder Dresden bekommt man die Werke selten zu sehen. Im Kino ist das Format seit den siebziger Jahren aus den meisten Sälen verschwunden, nur noch etwa 150 Spielstätten von 1670 Kinos landesweit würden laut Gottlebe regelmäßig Vorfilme anbieten. Im Fernsehen sei die Lage noch schlechter. Zwar hätten Kultursender wie Arte und 3sat Kurzfilmsparten eingeführt, "die Werke laufen aber meist nach Mitternacht. Und in den Dritten Programmen muss man eine Lupe nehmen, um Kurzfilmangebote zu finden."

Von Frankreich lernen

Jetzt geht die Branche in die Offensive. Am 21. Dezember 2012 ruft das Team um Sylke Gottlebe zum ersten bundesweiten Kurzfilmtag auf. 24 Stunden lang soll das kleine Format auf so vielen deutschen Großleinwänden wie möglich zu sehen sein. Als Datum hat man bewusst den Tag mit den wenigsten Sonnenstunden gewählt, um viele Werke bei Dämmerlicht zeigen zu können. "Natürlich gibt es auch Kritiker, was die Austragungszeit anbelangt", sagt Organisatorin Gottlebe. "Manche Kinobetreiber machen sich Sorgen, dass so kurz vor Weihnachten niemand mehr Muße für Filme hat." Skeptiker verweist die Veranstalterin gerne auf Frankreich: Dort sei die Aktion im vergangenen Jahr hervorragend gelaufen.

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Kurzfilmtag: Der lange Tag des kurzen Films

Die Franzosen waren wieder einmal Vorreiter. 2011 hatten sie mit der Aktion "Le Jour le Plus Court" zur Wintersonnenwende ein landesweites Kurzfilmfest organisiert. Mehr als 500 Veranstalter in 350 Städten nahmen teil. Bekannte Filmgrößen wie die Schauspielerin Jeanne Moreau und der Regisseur Michel Gondry hatten Patenschaften übernommen. Am Ende standen über 6000 verschiedene Vorstellungen zur Wahl.

Von solchen Zahlen wagen die deutschen Organisatoren des Kurzfilmtags nicht zu träumen. "Wir werden es etwas ruhiger angehen", sagt Sylke Gottlebe. Bisher hätten sich 140 Interessierte angemeldet, darunter Kinobetreiber, Filmclubs, Festivalorganisatoren, aber auch Theater und Galerien.

Tierfilme im Museum, Open-Air vor der Videothek

Da täglich neue Angebote hinzukommen, muss die Homepage des Kurzfilmtags ständig aktualisiert werden. Den Großteil der Veranstaltungen nehmen wie zu erwarten Kurzfilmreihen ein, die in Programmkinos laufen sollen. Passend zum letzten Tag des Maya-Kalenders hat die Agentur Interfilm aus Berlin eine Serie an kleinen Filmen mit Weltuntergangsthematik kuratiert. Andere Betreiber greifen lieber auf das Angebot der KurzFilmAgentur aus Hamburg zurück, die eine Horror-Rolle mit dem Titel "Das Grauen kommt um Mitternacht" erstellt hat.

Doch es gibt auch ausgefallene Ideen, wie etwa im oberfränkischen Bamberg. Dort lädt das Lichtspiel-Kino in den Vogelsaal des Naturkundemuseums ein. Inmitten von präparierten Schopfreihern und Brillenpelikanen soll eine Leinwand aufgestellt werden, erklärt Organisatorin Diana Linz. Passend zum Ambiente möchte die Veranstalterin Geschichten über Tiere zeigen. "Vielleicht wandern wir mit unserer Leinwand noch in die anderen Säle des Museums, je nachdem wie groß die Besucherzahlen sind", sagt Linz.

Auf möglichst großen Andrang hofft ebenfalls Andreas Fickenscher aus Hof. Der Kurzfilmkurator hat ein Café gemietet und will den Abend über Experimentalfilme präsentieren. Wer keinen der 30 Sitzplätze im Inneren des Gebäudes ergattern kann, für den sollen vor der Gaststätte Bänke aufgestellt werden. Je nach Wetterlage können sich die Besucher auf warme Getränke an der Schneebar freuen.

Heißer Glühwein ist auch das Geheimrezept von Sven Voigt aus der Filmgalerie Phase IV. Die Dresdner Programmvideothek, die sich auf Independent-Werke und Kurzfilme spezialisiert hat, möchte ein Open-Air-Festival mitsamt Glühweintheke gestalten. Voigt plant, die Ladenfront der Videothek in eine Leinwand umzuwandeln, auf die experimentelle Musik-Kurzfilme projiziert werden sollen. "Das schönste wäre", so Voigt, "wenn die Leute auf der Straße einfach stehen bleiben und bemerken würden: Kurzfilme machen ja richtig Spaß."

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1. Hätte man
option42 21.12.2012
das Event nicht früher ankündigen können? ... schade.
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