European Film Gateway 1914 "Perspektiven der Sieger und der Verlierer"

Es ist ein historischer Schatz, der in dieser Form noch nie zu sehen war: Filmarchive in ganz Europa haben aus der Zeit des Ersten Weltkriegs Filme digitalisiert und online veröffentlicht. Im Interview spricht Claudia Dillmann, Leiterin des Deutschen Filminstituts, über die einzigartige Sammlung.


Zur Person
  • Michael Helwig
    Marie-Catherine Klarkowski leitet die Kieferorthopädie "Relax and Smile". Sie ist in Berlin aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt und besitzt mittlerweile einen riesigen Schrank voller Dirndl. Auch privat trägt sie die Tracht gern.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dillmann, wie kam es zu der länderübergreifenden Kraftanstrengung, fast 2500 Filme zu digitalisieren und online zugänglich zu machen?

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Heft 1/2014
Die unheimliche Aktualität des Ersten Weltkriegs

Dillmann: Grundlage für unsere Zusammenarbeit war die europäische Kultur- und Wissenschaftsplattform Europeana, die Projekte für die Digitalisierung von Kulturgütern länderübergreifend fördert. Eines dieser Projekte war das European Film Gateway, das von 2008 bis 2011 aufgebaut wurde und bei dem schon über 20 Länder mitgewirkt haben. Vor dem Hintergrund des 100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs 2014 haben wir vorgeschlagen, dass wir uns im Verbund dezidiert um die Filme aus und über den Ersten Weltkrieg kümmern - und zwar bewusst aus einer europäischen Perspektive heraus.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll das Material idealerweise nutzen?

Dillmann: Es dürfte fächerübergreifend für Forschung und Lehre, aber auch für den Schulunterricht und die Recherche von Journalisten sehr interessant sein. Das Deutsche Filminstitut wird darüber hinaus Doppel-DVDs zu jedem der vier Kriegsjahre mit den Filmen samt Begleitmaterial herausgeben. Außerdem werden wir ein digitales Vorführformat mit einem Zusammenschnitt aus dem deutschen Material aufbereiten, das auch im Kino gezeigt werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp, wie sich unsere Leserinnen und Leser durch das Material navigieren können, wenn sie kein professionelles Interesse haben?

Dillmann: Auf unserer Website haben wir das Material in Schwerpunkten wie Westfront, Ostfront, aber auch Kriegsschäden und Kriegsgefangene gebündelt. Das sind jeweils gute Ausgangspunkte, um sich einen Überblick über das Material zu verschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Musste für das EFG1914 viel in den Archiven gesucht werden oder lag das Material zur Digitalisierung bereit?

Dillmann: Es musste viel gesucht und recherchiert werden. Insgesamt sind nur 20 Prozent aller Filme aus dieser Zeit erhalten. Viele Archive sind personell auch nicht so gut ausgestattet, um kurzfristig Zugriff auf den gesamten Bestand zu ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Vom britischen Imperial War Museum stammt die weitaus größte Zahl an Filmen - fast 1000 Titel. Wie war die Materiallage in Deutschland?

Dillmann: Hier haben wir zusammen mit der Deutschen Kinemathek, dem Bundesarchiv, der Defa- und der Murnau-Stiftung gearbeitet, weshalb der Bestand mit am Ende rund 350 digitalisierten Titeln auch ansehnlich ist. Das ist ein Großteil dessen, was überhaupt in Deutschland an Filmmaterial aus dieser Zeit überliefert ist und kann über filmportal.de abgerufen werden.

SPIEGEL ONLINE: Macht es einen Unterschied bei Zustand und Umfang des Materials, auf welcher Seite das Land während des Kriegs stand?

Dillmann: Vom Umfang her bestehen - mit Ausnahme von Großbritannien - kaum Unterschiede bei den nationalen Beständen. Aber natürlich gibt es Propagandafilme, die den Krieg aus der jeweiligen Sicht des Landes präsentieren. Für uns als Archive ist vor allem interessant, die unterschiedlichen Perspektiven der Sieger und der Verlierer auf die Ereignisse und den Verlauf des Kriegs zu erleben und zu verbinden. Wir haben uns bewusst für ein Nebeneinander der Perspektiven entschieden, das halte ich für das Besondere an diesem Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Parallel zum Ersten Weltkrieg hat der Film seinen Aufstieg zum global wirkungsmächtigen Medium erlebt. Kann man diese Entwicklung auch an dem Material nachvollziehen? Ist der Anteil des Propagandamaterials zum Beispiel angestiegen?

Dillmann: Ja, man kann in allen beteiligten Ländern erkennen: Der erste Weltkrieg ist die Zeit, in der Regierungen und Staaten die Wirkungsmacht des Mediums erkannten und bewusst für Ihre Zwecke zu nutzen begannen. In den deutschen Kinos liefen zum Beispiel bis zum Kriegsausbruch viele Wochenschauen, darunter auch die französischen. Mit dem Krieg verschwanden sie sofort, der Import von Filmen aus sogenannten Feindesländern wurde verboten. Im Verlauf des Kriegs hat man auch in der Obersten Heeresleitung erkannt, wie stark sich das Publikum von Bildern beeinflussen lässt und beschlossen, eine offizielle Institution zu schaffen, die Wochenschauen sowie Dokumentar- und Propagandafilme selbst herstellt. So entstand 1917 das Bild- und Filmamt, das Bufa, aus dem nach dem Krieg übrigens die Ufa wurde.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Filme des EFG1914 unseren Blick auf den Ersten Weltkrieg verändern oder zumindest ergänzen werden?

Dillmann: Tatsächlich ist es unser Anliegen, neue und andere Bilder vom Ersten Weltkrieg zugänglich zu machen. Wie sehr uns das gelingen wird, kann ich aber noch nicht beurteilen. Zumindest mein Bild vom Ersten Weltkrieg hat sich durch die Filme verändert. Man kriegt einen starken Eindruck davon, wie sehr die Zivilbevölkerung gelitten hat. Das verschiebt den Fokus weg vom Ersten Weltkrieg als Krieg der großen Schlachten.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch einen Überraschungsfund, mit dem niemand gerechnet hatte?

Dillmann: Im Laufe des Projekts wurden in den Archiven immer wieder Entdeckungen gemacht, so fanden sich zum Beispiel in den Sammlungen des Niederländischen Filminstituts bislang unbekannte Aufnahmen aus Spanien, Estland oder Dänemark. Das Deutsche Filminstitut wiederum entdeckte bis dato unbekannte Aufnahmen von William Held, einem amerikanischen Arzt, der den Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung in Folge der Hungerblockade zum Thema hat. Wir hatten außerdem nicht damit gerechnet, wie unterschiedlich die Darstellungsformen schon früh waren - wir haben zum Beispiel überraschend viele Animationsfilme gefunden. Eine große Herausforderung war in jedem Fall, beim dokumentarischen Material zu prüfen, inwieweit das tatsächlich dokumentarisch oder doch eher propagandistisch angelegt war. Wir erhoffen uns aber auch noch weitere Informationen, wenn das Material online allen zugänglich ist. Vielleicht bringen da journalistische Recherchen weitere Erkenntnisse zu Tage.

SPIEGEL ONLINE: Dann endet das Projekt nicht mit der Digitalisierung und Veröffentlichung des Materials für Sie?

Dillmann: Nun ja, die Gelder enden halt. Die Europäische Kommission tendiert momentan dazu, Digitalisierungsprojekte nicht weiter zu fördern. Dabei ist die länderübergreifend koordinierte Digitalisierung von Filmen nicht nur aus konservatorischer Sicht überaus wichtig - schließlich wird zurzeit intensiv über europäische Identität und europäische Kultur diskutiert. Das Deutsche Filminstitut, das das EFG1914 koordiniert hat, wird sich auch nach Auslaufen der EU-Förderung weiter um die Auswertung des Materials kümmern, dann aber aus eigenen Mitteln.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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