Kinohit "Es" Grusel in der Komfortzone

Die Stephen-King-Verfilmung "Es" schickt sich an, der kommerziell erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten zu werden. Warum eigentlich? Wir haben genauer hingeschaut.

Warner Bros.

"Es", die Neuverfilmung von Stephen Kings Schauerepos, gilt in den USA bereits als der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten, und alles spricht dafür, dass sich der kommerzielle Erfolg international fortsetzen wird. Auch die Kritik zeigt sich bislang überwiegend wohlwollend (hier unsere Rezension) gegenüber der Adaption, die Kings 1138-Seiten-Roman notwendigerweise auf Schlüsselszenen und -motive reduzieren muss.

Den Auftrag erfüllt Regisseur Andy Muschietti mit inszenatorischem Geschick, einer talentierten Besetzung und einem komfortablen Budget von 35 Millionen US-Dollar. Doch diese Qualitäten allein erklären noch nicht den überwältigenden Zuspruch. Der gründet maßgeblich in Entscheidungen, die den Film zwar zur konsensfähigen Unterhaltung machen, "Es" aber zugleich echter Überraschungen und des Potenzials eines wirklich die Sehgewohnheiten erschütternden Horrors berauben.

Zunächst einmal profitiert "Es" einfach von der kollektiven Bereitschaft, diesen Film mögen zu wollen. Denn selbst wer Kings Roman nicht kennt, hat eine popkulturell über Jahrzehnte verankerte Ahnung vom Kampf der Gruppe einnehmender Außenseiter aus Derry, Maine gegen das absolut Böse, welches sich bevorzugt in Gestalt des Clowns Pennywise manifestiert.

Steven Spielberg war schon da

Im Vorfeld des Kinostarts genügte daher schon der Anblick der grellen Maske des Todbringers, um wohlige Angstlust zu schüren. Der Film enttäuscht diese Erwartungen nicht, sondern kapitalisiert klug den Wert des prototypischen Horrorclowns, dem entsprechend viel Raum auf der Leinwand eingeräumt wird.

Doch noch wesentlicher für den Erfolg ist die Entscheidung, die Handlung des ersten Teils des Romans von den Fünfzigerjahren in die Achtziger zu verlagern. Dieser narrative Eingriff ergibt zweifellos Sinn mit Blick auf die kommende Fortsetzung, die 27 Jahre später, also in unserer Gegenwart spielen soll.

"Losers Club" aus "Es"
Warner Bros.

"Losers Club" aus "Es"

Aber damit einher geht eine bewusste Verortung von Plot und Figuren in jenem assoziationssatten Referenzraum der 1980er, der von Steven Spielbergs fantastischen Vorstadtabenteuern ("E.T.") über John Hughes' Teenager-Dramen ("The Breakfast Club") bis hin zur aktuellen Meta-Achtziger-Hommage "Stranger Things" reicht. Für das letztgenannte Netflix-Phänomen war im Übrigen die alte TV-Adaption von "Es" aus dem Jahr 1990 eine maßgebliche Inspiration - womit sich der Kreis gleich doppelt schließt.

Zurück im Retro-Idyll

Von Beginn an bewegen sich Ben, Beverly, Richie, Eddie, Stanley und Mike, die in "Es" zusammen den "Losers Club" bilden, so in einem für das Publikum vordefinierten, vertrauten Universum. Selbiges schmückt "Es" detailreich aus: Ein "Gremlins"-Poster hängt über Bill Denbroughs Bett, BMX-Räder rollen über die Straße, Ben hört New Kids on the Block auf seinem Walkman, Richie reagiert sich am "Street Fighter"-Arcadespiel ab. Wenn dann noch The Cure auf dem Soundtrack läuft, ist das Retro-Idyll perfekt.

Szene aus "Stranger Things"
Netflix

Szene aus "Stranger Things"

Der Effekt ist weit mehr als nur ornamental: Derart eingefasst in eine popkulturelle 80er-Fantasie werden die mutigen Loser aus Derry in der Wahrnehmung des Publikums zwangsläufig zu stereotypen Wiedergängern der Protagonisten aus Richard Donners "Goonies" oder John Hughes' "Pretty in Pink".

Das liegt auch an der Engführung des Plots auf die Konfrontation zwischen den Jugendlichen und Pennywise. Wo King in ausführlichen Exkursen die Individualität der Kinder herausarbeitete, reduziert der Film ihre Persönlichkeiten auf die griffigsten Nenner: Traumatisierter Stotterer, linkischer Dicker, zweifelnder Jude, stoischer Schwarzer, ängstlicher Hypochonder, nervöser Schwätzer und frühreife Rothaarige - das sind die brutalen Simplifizierungen, die der Film trotz durchweg überzeugender Schauspielleistungen nur bedingt aufheben kann.

Die kontroversen sexuellen Sujets sind gestrichen

Es fehlen allerdings nicht nur die sonnigeren Passagen des Romans, in denen King die Freundschaft und Loyalität der Loser schildert: Wie schon die TV-Adaption zuvor macht auch die Kinoverfilmung einen großen Bogen um die kontroversen sexuellen Sujets der Vorlage. Das betrifft nicht nur die zutiefst verstörende Romanszene, in der die Jugendlichen via rituellem Gruppensex die Schwelle zum Erwachsenenwerden überschreiten. Sondern auch jene beklemmenden Szenen, in denen das namenlose Monster die sexuellen Ängste und Nöte der männlichen Teenager gegen sie wendet.

Geblieben sind bezeichnenderweise allein die sexuelle Bedrohung respektive das Begehren der einzigen weiblichen Heranwachsenden Beverley. Statt die anderen Transgressionen ebenfalls zu thematisieren, und so am Status Quo der sexuellen Objektivierung zu rütteln, spart der Film derartige Verunsicherungen komplett aus.

Keine Molly Ringwald

Selbst wenn Muschietti bisweilen versucht, die differenzierte Psychologie des Romans aufscheinen zu lassen, reproduziert "Es" letztlich bekannte Rollenbilder. Am vielleicht deutlichsten wird dies erneut am Beispiel von Beverly. Die ist zwar fraglos wichtig im Kampf gegen Pennywise, bleibt aber abseits des Gefechts als gleich doppelter love interest ein Fremdkörper im Losers Club. Wer das Vorbild von Beverlys Rolle nicht gleich erkennt, bekommt es vom genervten Richie benannt: Man brauche keine Molly Ringwald in der Gruppe.

Nicht nur in solchen selbstreferenziellen Momenten werden die Figuren als Teil einer aus Filmzitaten geformten Welt ausgewiesen, deren symbolische Ordnung verlässlich immer wiederhergestellt werden kann. Gleich Retro-Fiktionen wie "Stranger Things" werden dabei Wiedererkennungseffekte reizvoll variiert, was im Idealfall die erzählerische Endlosschleife solcher nostalgischen Rückschauen vergessen lässt.

Eine echte Fallhöhe kann es daher erst geben, wenn eine Fortsetzung von "Es" das wohlige Achtziger-Universum verlassen muss. Denn Horror bedeutet nicht zuletzt den Einbruch des Unbekannten ins Vertraute. Das erste Kapitel der "Es"-Adaption aber geht einen genau entgegengesetzten Weg: Muschiettis Film illustriert perfekt, wie die Bildmacht des allzu Vertrauten das gefürchtete Unbekannte domestiziert. Was übrig bleibt, ist gefälliger Grusel in der Komfortzone.


"Es" läuft diese Woche in den deutschen Kinos an

Im Video: Der Trailer zu "Es"

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insgesamt 7 Beiträge
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Flying Rain 28.09.2017
1. Hätte
Hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert wenn die Gruppensexstelle übernommen hätte. Dann hätte man die Sache wirklich tiefer aufschlüsseln müssen was einerseits der Länge des Filmes und dem Horizont so mancher Seher doch etwas gesprengt hätte. Muss ehrlich sagen dass mich das damals als ich das Buch gelesen habe mit 11-12 doch ein klein wenig verstört hatt aber die Schlaflosen Nächte sind auf den Clown zurückzuführen. Naja mit 13 war die Steven King Phase bei mir dann vorbei und seitdem hänge ich bei Fantasy...
ronald.68 28.09.2017
2. Unverständlicher Hype
In meiner Jugend in den 80er Jahren war ich großer Stephen King-Fan und habe alle Bücher gelesen, die bis dahin von ihm erschienen waren. Aber den Hype um „Es“ habe ich nie verstanden. Ich fand diesen Roman eher mittelmäßig, zu selten unheimlich (im Gegensatz zu z.B. „Shining“, der mir wirklich Angst gemacht hat) und viel zu sehr in die Länge gezogen. Auch war mir dieses „Es“ als körperloses „ultimatives Böse“ zu schwammig, um mich davor zu fürchten, vor allem wenn es auch noch als Clown auftrat, was mir lächerlich vorkam. Bis heute habe ich daher die TV-Verfilmung nicht gesehen und werde mir auch die Kinofassung sparen. Ich habe schon einige Leute kennen gelernt, die von King nur dieses einzige Werk kennen. Denen kann ich nur raten, es lieber einmal mit "Shining" oder der Kurzgeschichtensammlung "Nachtschicht" zu versuchen - das war wirklich King at his best (und nicht so lang).
micheleyquem 29.09.2017
3. Das Rezept für quantitativen Erfolg ist IMMER einfach...
Mittelmässiges, mittelmässiges, mittelmässiges... Nur ja nicht das Nachdenken erfordert, oder gar Wissen und Bildung. Stephen King ist da ja perfekt ud irgendwelche "Stellen" kann man ja rauslassen. Nett, dass der Spiegel für so ein Filmchen Reklame macht, man kennt halt seine Leser.
allufewi 29.09.2017
4. Clowns
finde ich einfach nicht gruselig. Da kann der Film machen was er will, es wird mich kaum gruseln. Jeder Furchteffekt würde bei mir sofort mit einem "ist das affig"-Gefühl überlagert.
brucewillisdoesit 29.09.2017
5. It
Zitat von ronald.68In meiner Jugend in den 80er Jahren war ich großer Stephen King-Fan und habe alle Bücher gelesen, die bis dahin von ihm erschienen waren. Aber den Hype um „Es“ habe ich nie verstanden. Ich fand diesen Roman eher mittelmäßig, zu selten unheimlich (im Gegensatz zu z.B. „Shining“, der mir wirklich Angst gemacht hat) und viel zu sehr in die Länge gezogen. Auch war mir dieses „Es“ als körperloses „ultimatives Böse“ zu schwammig, um mich davor zu fürchten, vor allem wenn es auch noch als Clown auftrat, was mir lächerlich vorkam. Bis heute habe ich daher die TV-Verfilmung nicht gesehen und werde mir auch die Kinofassung sparen. Ich habe schon einige Leute kennen gelernt, die von King nur dieses einzige Werk kennen. Denen kann ich nur raten, es lieber einmal mit "Shining" oder der Kurzgeschichtensammlung "Nachtschicht" zu versuchen - das war wirklich King at his best (und nicht so lang).
Weil IT schlichtweg das Beste ist, was er jemals zu Papier gebracht hat. The Stand und The Dark Tower sind wahrhaft episch, Shining ist Kubrick und King ist zweifellos der legitime moderne Nachfolger Edgar Allan Poes und HP Lovecrafts als Meister der Horror-Kurzgeschichte, und ich mag das meiste was er geschrieben hat, aber IT ist das (imho mit weitem Abstand) Beste in seinem reichhaltigen und diversifiziertem Oeuvre, was er je verbrochen hat und vermutlich auch jemals schreiben wird. Das sieht man z.B. an Dreamcatcher wo er im Grunde mehr oder weniger versucht hat IT, also sich selbst, 1:1 zu kopieren was fürchterlich in die Hose ging (im wahrsten Sinne des Wortes). Die TV-Verfilmung von 1990 ist übrigens bestenfalls mäßig und ungefähr so gruselig wie die Muppet Show.
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