Neuverfilmung von Stephen King "Es" ist wieder so weit

Auf dass eine neue Generation Albträume vom kinderfressenden Clown Pennywise kriegt: Stephen Kings Horrorklassiker "Es" kommt als Neuverfilmung in die Kinos.

Warner Bros.

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Man kann die Durchschlagskraft kaum überschätzen, die Stephen Kings "Es" Mitte der Achtzigerjahre entfaltete. Wohl kaum ein Genretext erzählt derart allgemeingültig, präzise und, auf mehr als tausend Seiten, anteilnehmend von Kinder- und Erwachsenenängsten.

Der Schrecken, der im kinderfressenden Clown Pennywise sein Bild fand, ließ sich verbinden mit den eigenen, alltäglichen Ängsten, die nun, zumindest vorübergehend, im Text gebannt werden konnten. Gebannt - und zugleich verlagert: Fragt man im vertraulichen Gespräch nach diesem Buch, das nahezu alle, die zwischen 1970 und 1980 geboren sind, gelesen zu haben scheinen, hört man Geschichten von jungen Menschen, die das Badezimmer für Monate nur noch voller Furcht betreten konnten.

Nun soll man Literaturverfilmungen nicht mit ihren Vorlagen abgleichen, aber Regisseur Andrés Muschietti tut es im Fall von "Es" selber. Im Vorfeld der Neuverfilmung kündigte er an, einen Film drehen zu wollen, der "einfängt, was ich empfand, als ich das Buch mit 13 Jahren gelesen habe". Es gehe ihm darum, der "emotionalen Essenz und der persönlichen Erfahrung gerecht zu werden".

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Stephen Kings "Es": Quälgeist trifft auf Monster

Gleich vorweg: Das ist gelungen, so gut es eben gelingen kann. Einige weise Entscheidungen bewahren das Unternehmen vor dem nahe liegenden Scheitern. Zum einen erzählt der Film nicht beide Teile des Buchs, sondern beschränkt sich auf den Erzählstrang, der von der Kindheit seiner Helden handelt.

Bills Bruder Georgie wird vom Clown geholt. Daraufhin nehmen Bill und seine Freunde, eine herzerweichende Außenseiterbande, den Kampf gegen das Monster aus der Kanalisation wie auch gegen die banal-bösen Alltagsgestalten der Kleinstadt Derry auf. Die Rückkehr der erwachsen gewordenen Helden an den vom Bösen heimgesuchten Ort hat man sich für das Sequel aufgespart. Das gibt dem vollgepackten Film dringend benötigte Luft.

Zum anderen wurde das Geschehen in die späten Achtziger verlegt, aus der Erinnerungswelt Stephen Kings - den Fünfzigern - gelöst und an die seiner Leser angeschlossen. Damit verschwindet auch die damals schon antiquiert wirkende Monster-Ikonografie der gutgemeinten Fernsehverfilmung von 1990. Die Eröffnungssequenz im neuen Film, in der Georgie in die Kanalisation hinabgezogen wird, wird so zu einem berührenden, in sich geschlossenen Genre-Meisterwerk, das trotz aller inszenatorischen Virtuosität roh und unbehauen wirkt.

Gieriges Gekicher

Muschietti denkt offenbar wie bereits in seinem Debütfilm "Mama" zuallererst in Bildern und nicht ausgehend von der Geschichte. In seinen einschneidenden Horrorszenen hat der Film seinen Glutkern. Kameramann Chung Chung-hoon, der zuletzt in opulente Farben getauchte, zügellose Bilder für Park Chan-wooks "Die Taschendiebin" kreierte, kann sich in "Es" erneut austoben.

Bill Skarsgård, auf dessen Schulter das schwere Erbe des Bildschirm-Pennywise Tim Curry wiegt, zeigt, welche Intensitäten sich durch präzises Overacting freisetzen lassen. Sein Clown erscheint als unberechenbarer Gestaltenwandler. In seinem gierigen Gekicher und einer immer wieder grotesk-verzerrten Körperlichkeit wirkt Skarsgårds Pennywise radikal unkontrolliert, was der Figur - hier stimmt es ausnahmsweise einmal - albtraumhafte Züge verleiht.


"Es"
Originaltitel: "It"

USA 2017
Regie: Andrés Muschietti
Drehbuch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman nach einem Roman von Stephen King
Darsteller: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Finn Wolfhard
Produktion: New Line Cinema, KatzSmith Productions, Lin Pictures
Verleih: Warner Bros.
Länge: 135 Minuten
Start: 28. September 2017


Leider werden die Bilder durch ein schnell überstrapaziertes Sounddesign ergänzt, das auf maximal unoriginelle scare chords setzt. Das sind dann die Augenblicke, in denen "Es" meint, den Zuschauer wie einen Elfjährigen adressieren zu können. Überhaupt bestehen weite Teile von "Es" in der Reihung von Gruselminiaturen.

Erstaunlich, dass es dem Film trotzdem gelingt, die Kurve zum eigentlichen Anliegen des Stoffes, zur Coming-of-Age-Geschichte, zu kriegen. Die ganz real schreckliche Welt der Adoleszenz ist es, die King seit seinem Romandebüt "Carrie" unermüdlich durchbuchstabiert. In wirklichkeitsgesättigten Horrorfilmen könnte sich das Monster auch für ein paar Tage Urlaub nehmen, ohne dass sich dadurch am Eindruck, dass mit dieser Welt etwas fundamental nicht stimmt, wesentlich was ändern würde. In dieser Hinsicht ist "Es" durch und durch finster gestimmt.

Quälgeist trifft Monster

Die Erwachsenen glänzen in Muschiettis Film die meiste Zeit über durch Abwesenheit. Und wenn sie auftauchen, sind sie ahnungslos, verblödet, übergriffig oder manifest gewalttätig. Ihnen gegenüber steht der lebendigste Kindercast seit Rob Reiners "Stand by Me"-Verfilmung.

Es bleibt nichtsdestotrotz eine Gratwanderung, und was aufgeschlossene Fans an Muschiettis Film lieben können, werden die anderen ablehnen. Muschietti verlässt sich vor allem auf seinen visuellen Stil und weniger auf das Drehbuch. Diese Gewichtung aber ist eine bewusste Entscheidung, und sie hat etwas für sich, insofern als der Film so gar nicht erst versucht, Kings lustvoll ausschweifender Geschichte in ihren Verästelungen zu folgen, sondern stattdessen etwas Eigenes entwickelt: ein opulentes Kinospektakel, in dem immer wieder aufscheint, welche Welterfahrung in der literarischen Vorlage steckt.

Dass Muschiettis Bilder den Geist der Vorlage erfasst haben, zeigt sich vor allem in atmosphärisch genauen Sequenzen, wenn etwa die Kinder ein von Blutfontänen verunstaltetes Badezimmer säubern und The Cures "Six Different Ways" läuft: "This is stranger than I thought / Six different ways inside my heart..."

"Wenn es dir gefallen hat, Teenager zu sein, dann ist irgendwas grundverkehrt an dir", sagt Stephen King. Als effektive Waffe gegen Monster aller Art empfiehlt "Es" ganz naiv die Freundschaft, in der man verschieden sein darf, ohne Angst haben zu müssen. Das ist auch nach mehr als 30 Jahren immer noch vollkommen richtig.


"Es" feiert seine Deutschland-Premiere auf dem Fantasy Film Fest . Dort wird er als Eröffnungsfilm in den verschiedenen Städten noch mehrfach vor dem offiziellen deutschen Kinostart am 28. September gezeigt.

Im Video: Der Trailer zu "Es"

Warner Bros.
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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
tuscreen 08.09.2017
1.
Hmm, ist der Roman jetzt wirklich sooooo prägend für die damalige Teenager-Leserschaft gewesen? Ich war auch so 15, 16, als der Roman rauskam, und hatte ihn damals auch im Bücherregal stehen - mit gruftigem blauem Einband von Bertelsmann, auf dem eine blutverschmierte Hand den Buchtitel an eine Kachelwand schreibt. Aber der Roman selbst war mir damals als Teenager viel zu langatmig geschrieben. Ich bin nicht mal sicher, ob ich ihn jemals von vorne bis hinten durchgelesen habe; ich glaube nicht. Vielleicht sollte ich das Ding mal wieder rauskramen; auf irgendeinem Speicher müsste das Buch noch vor sich hin modern.....
schrbtschtaeter99 08.09.2017
2.
Gehe ihn mir heute abend angucken. Freue mich schon tierisch, werde auf dem nächtlichen Nachhauseweg vom Kino aber Kanaldeckel meiden. :)
mimas101 08.09.2017
3. Na Ja
so ganz scheint der Autor des Artikels auch nicht gerade von der Neuverfilmung überzeugt zu sein. Nee, ich bleibe lieber bei der mehrfach im TV durchgenudelten Fassung. Diese Neuverfilmung von "ES" klingt bereits nach einer neuen Serie a la es folgen im Jahrestakt: Die Jahre der Pubertät mit ES, dann die Jahre als Jobber und ES, dann die Jahre als Mitfünfziger und ES, dann die Jahre als Rentner mit ES und final die Jahre als Skelett in der Hölle mit ES. Typisch für Hollywood heutzutage: Anstelle was neues zu schaffen kommen nur noch billige Seifenopern mit längst bekannten Themen bzw. Filmen rüber die dann auch gleich mehr auf Schockeffekte setzen denn auf Inhalte. Dafür kann man dann auch den immer gleichen Schauspielern kommod beim Altern zusehen.
odenkirchener 08.09.2017
4. Zu unsensibel?
So wie ich. Hab's damals gelesen und nie Probleme mit dem Einschlafen oder Badezimmern gehabt. Davon ab, S.King hat in seinen Büchern selten ein lesenswertes Ende geschafft. Auf mich wirkte das immer so, als wenn ihm die Lust/Ideen zu früh ausgingen. Aber es waren halt noch Seiten zu füllen. . .
goaduke42 08.09.2017
5. @tuscreen
ES war für mich auf jeden Fall damals ziemlich prägend und ein Buch, das, zumindest in meinem damaligen Freundeskreis, wohl auch jeder gelesen hat. Holen Sie es mal vom Speicher. Ich denke, ich werde das auch mal wieder tun...
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