Historiendrama "Es war einmal in Deutschland" Rat Pack auf Jiddisch

"Es war einmal in Deutschland" mit Moritz Bleibtreu erzählt von jüdischen Vertretern, die in Nachkriegsdeutschland Geschäfte machen - mit Menschen, von denen sie kurz zuvor noch in Lager gesteckt wurden.

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Von Matthias Dell


Der Titel von Sam Garbarskis Film ist praktisch wie ein Poncho: Es passt vieles darunter. Deshalb misten wir kurz aus. "Es war einmal in Deutschland" gilt für beinahe jeden Film aus diesem Land, der ein Geschehen fokussiert, das mehr als zwei Jahre zurückliegt. Theoretisch. Denn praktisch kommt das "Deutsch"-Wort nur zum Einsatz, wenn es an das große Kapitel aus dem Geschichtsbuch geht, das dieses Land nicht zu Unrecht immer noch beschäftigt: die NS-Zeit.

Da diese nun mal ein dunkler Abschnitt war, kann es sich bei "Es war einmal in Deutschland" allerdings unmöglich um ein filmhistorisches Zitat (Sergio Leone!) handeln, es kann also schwerlich Blutig-Gewalttätiges, aber eben auch Gründungsmythisches drin vorkommen. Man muss den Referenzraum womöglich mehr im Märchenhaften (Brüder Grimm!) suchen: "Es war einmal" ist der Anfang einer Geschichte, die man Kindern erzählt. Und zwar in seiner mildest-drolligsten Form: "Dies ist eine wahre Geschichte, und was nicht ganz wahr ist, stimmt trotzdem", wird programmatisch am Anfang des Films eingeblendet.

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"Es war einmal in Deutschland": Die glorreichen sieben Wäschehändler

Aber ein Märchen ist "Es war einmal in Deutschland" auch nicht so richtig. Vermutlich kommt man dem Sinn des Titels am nächsten, wenn man ihn als prosaischen Hinweis liest, im Sinne einer filmischen Vermischtes-Meldung: Das hat es in Deutschland auch mal gegeben.

Damit könnte man, und nur deshalb wurde der Titel hier so eingehend angeguckt, schon das Trauerspiel charakterisieren, das "Es war einmal in Deutschland" ist: eine völlig unspezifische Geschichte. Was überrascht, wenn dann im Abspann zu lesen ist, dass der Film unter anderem auf Michel Bergmanns Buch "Die Teilacher" basiert. Das ist nämlich der spezifischste Titel, den man sich vorstellen kann, weil das Wort nicht mehr gebräuchlich ist: "Teilachen" ist jiddisch-berlinerisch für "ausreißen, flüchten". Das Substantiv bezeichnete jüdische Geschäftsleute, die nach dem Krieg in Deutschland Waren des täglichen Bedarfs verkaufend übers Land zogen.

Spezialtalent: Schuldgefühle wecken

Chef der Teilacher im Film ist David Berman, den Moritz Bleibtreu mit seinen freundlichen Augen als sympathischen Checker durch die Kulissen des zerstörten Frankfurts von 1946 trägt. Die Vernichtungslager sind überlebt, und im Transitlager - ein "Wochenschau"-Film-im-Film klärt auf, worum es sich dabei handelt - kann sich über den Wiederaufbau einer wirtschaftlichen Existenz Gedanken gemacht werden. Um hier wieder Fuß zu fassen oder die Auswanderung nach Amerika oder das entstehende Israel bezahlen zu können.


"Es war einmal in Deutschland"
Deutschland / Luxemburg / Belgien 2017
Regie: Sam Garbarski
Drehbuch: Michel Bergmann, Sam Garbarski
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Antje Traue, Tim Seyfi, Mark Ivanir, Anatole Taubman, Hans Löw, Pál Mácsai, Václav Jakoubek, Jeanne Werner
Produktion: IGC Films, Samsa Film
Verleih: X Verleih, Warner Bros.
Länge: 101 Minuten
FSK: frei ab 12 Jahren
Filmstart: 6. April 2017


Bleibtreus Berman rekrutiert für seinen Wäschehandel sechs Mitarbeiter mit jeweil eigener Expertise: Der entscheidende Skill des dürren Krautberg (Václav Jakoubek), heißt es etwa, bestünde darin, bei den Deutschen umgehend Schuldgefühle zu wecken. Über eine grobschlächtige Charakterisierung seiner glorreichen sieben Wäschehändler geht "Es war einmal in Deutschland" allerdings nicht hinaus: Fajnbrot (Tim Seyfi) von Holzmann (Mark Ivanir) sinnvoll unterscheiden zu können, scheint auch gar nicht das Ziel der Erzählung zu sein.

Neben dem trickreichen, zunehmend redundantem Verticken der Wäschepakete (einer Witwe wird gesagt, ihr toter Gatte habe schon angezahlt und so weiter) tut sich noch ein zweiter Erzählstrang auf. Berman muss bei den US-amerikanischen Besatzern antanzen, um sich gegen den Vorwurf der Kollaboration mit den Nazis zu wehren.

Grand Slam der Ordnungshüterinnen

Verhört wird er von Special Agent Sara Simon, mit der Antje Traue dem Grand Slam von in deutschen Filmen denkbaren Ordnungshüterfiguren immer näher kommt: nach der Kommissarin aus "Vier gegen die Bank", der Stasi-Offizierin aus "Kundschafter des Friedens" und nun der amerikanischen Agentin fehlt der Schauspielerin eigentlich nur noch eine BDM-Führerin oder Stammheim-Gefängniswärterin, um den sogenannten Sack zuzumachen - und männliche Projektionen von fraulich-schöner Strenge in den überschaubaren Kostümen des deutschen Films vorzuführen.

Die beiden Geschichten von "Es war einmal in Deutschland", das Rat-Pack-haft plumpe Geschäftemachen und das "Das Leben ist schön"-ferne Märchenerzählen, werden so abwechselnd auf die Länge des Films verteilt, wie der Ballbesitz zwischen Österreich und der BRD in der legendären Schande von Gijon bei der Fußball-WM 1982 - und das Algerien, das in die Röhre guckt beim vereinbarten Nichtangriffspakt der beiden Mannschaften, ist hier das Publikum, das sich zu Tode langweilt.

Alles ist brav, sauber, lieb und nett. Die Miniaturversion einer Geschichte, die unbedingt erzählt werden will, weshalb es gut passt, dass das Frankfurt/Main von "Es war einmal in Deutschland" unter anderem in Weißenfels in Sachsen-Anhalt gedreht wurde. "Wenn man sich das Leben nicht ein bisschen schön lügen würde, dann wär's nicht auszuhalten", sagt Berman am Ende der Vernehmung, um die wahre Geschichte seines Überlebens Frau Special Agent dann im Bett zu erzählen. Für ein deutsches Publikum ist das ein beruhigendes Credo. Und für deutsche Geschichtsfilme sowieso.

Im Video: Der Trailer zu "Es war einmal in Deutschland"

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insgesamt 4 Beiträge
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herrschwarz 06.04.2017
1. Makelhaft
Wo die Vergangenheit, wenn auch mit Makel behaftet, abgeschlossen ist, darf sie als vollendet bezeichnet werden, - und so gilt: Plusquamperfekt statt Perfekt. Oder? Lasse mich gerne belehren.
tobias_prinz 06.04.2017
2. Was soll mir diese Rezension sagen?
Ich komme auch nach dreimaligem Lesen dieser Rezension nicht dahinter, was Herr Dell mir und den anderen Lesern eigentlich sagen will. Was spricht denn dagegen ein ernstes Thema mal komödiantisch anzugehen? Ganz genau, nichts! Und mit Moritz Bleibtreu als Hauptdarsteller kann man nicht viel verkehrt machen. Und nein, ich glaube nicht, dass ich mich zu Tode langweilen werde.
geojo 06.04.2017
3.
Ich weiß nicht, was der Rezensent sagen will oder was er gesehen hat. Ich habe den Film auf der Berlinale gesehen. Er ist wunderbar und geht das Thema mit jüdischem Witz an. Vielleicht hat der Rezensent damit ein Problem, das er die deutsche Schwere bei diesem Thema vermisst. Vermutlich findet er auch die Filme von Ernst Lubitsch banal...
Leylalima 07.04.2017
4. So schlecht recherchiert dass es fake news ist
Da schreibt der Spiegel Journalist doch glatt dass die Figur, die von Antje Traue in "Kundschafter des Friedens" gespielt wird, angeblich eine Stasi-Agentin sein soll. Daraus wird völlig offensichtlich, dass dieser "Journalist" weder den Film geshen hat noch mindestens die Wikipedia oder IMDB Beschreibung dazu gelesen hat. Die Figur von Paula Kern, die Antje Traue in dem Film spielt, ist eine BND Analytikerin, und das hat auch eine Bedeutung in dem Film. Also wirklich, dieser Fehler ist ja schon schmerzhaft und entlarvent - der "Journalist" mag Frau traue nicht oder die Rollen, die sie verkörpert, und legt sich zurecht, was ihm in den Kram passt. um die Schauspielerin oder ihre Rollen in ein negatives Licht zu setzen. Es wäre selbst für Spiegel Journalisten hilfreich, sich gelegentlich über die Tatsachen in der Realität zu informieren, bevor man irgend etwas schreibt, das die Verhältnisse so hinbiegt, wie man es darstellen möchte. Es ist zu offensichtlich, dass der "Journalist" hier seine Sicht der Dinge als vermeintliche Realität verkaufen möchte. Er kommt mir vor wie so ein typischer linker Chauvinist, der sich über Frauen lustig macht, die ihren eigenen Standpunkt vertreten. Die linken Chauvinisten sind nämlich denen vom rechten Spektrum ziemlich ähnlich: Für die hat eine Frau devot zu sein und gefälligst gut auszusehen und Titten zu zeigen.
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