Mafia-Drama "Escobar" Bestie beim Beten

Nach vielen gescheiterten Versuchen kommt ein Film über den kolumbianischen Drogenboss Pablo Escobar in die Kinos. Ein wilder Klischeeritt durch Lateinamerika - mit einem brillanten Benicio del Toro.


US-Amerikaner sind fasziniert von Superhelden und fast noch mehr von deren Gegenübern, den Supervillains. Al Capone, der Joker, Tony Soprano - in der Popkultur wimmelt es nur so von echten wie fiktiven Bösewichten.

Eine reale Figur, die die Fantasie der amerikanischen Medien besonders angeregt hat, war der kolumbianische Kokainkönig Pablo Escobar. Seine legendären Ausschweifungen, sein Leben als Herrscher von Kolumbien und Most Wanted Man hielt die Presselandschaft in den frühen Neunzigern schwer auf Trab.

Bisher gab es aber dennoch keinen richtigen Spielfilm über den Drogenboss. In "Blow" (2001) spielte der Gangster nur eine Nebenrolle, Oliver Stones "Escobar" liegt seit sechs Jahren auf Eis, ein anderes Filmprojekt ging nach vier Jahren bankrott. Ist ja auch schwierig, wenn schon das echte Leben einer Figur so spektakulär schillernd ist, dass Hollywood daneben nur schal aussehen kann.

Pablo Escobar war bekannt für seine Selbstinszenierung als Robin Hood der Armen, der selbst im Gefängnis noch luxuriös lebte und seinen Reichtum in einer Villa mit eigenem Dinopark und lebenden Nilpferden und Elefanten zur Schau stellte.

Fotostrecke

8  Bilder
"Escobar": Böses Kolumbien, schönes Kolumbien
Filmproduzenten schreckten lange vor einem Escobar-Projekt zurück, sodass der berühmteste Film über die Gansterlegende gar kein echter ist: In der auf dem US-Pay-TV-Kanal HBO ausgestrahlten Hollywood-Persiflage "Entourage" versteigt sich der Star Vincent Chase dazu, Pablo Escobar zu spielen, der Film floppt grandios und beendet fast seine Schauspielerkarriere.

Mafiaboss mit Shorts und Schmerbauch

Das dürfte Benicio Del Toro im realen Leben kaum drohen. Und wer, wenn nicht er, hätte sich an die Rolle wagen dürfen? Del Toro gilt als südamerikanische Allzweckwaffe Hollywoods. Tatsächlich ist es auch der Puertoricaner, dessen Schauspielkunst den Film rettet, denn er verleiht dem Kokainboss ein wenig Tiefe, die über ein zur Ikone versteinertes Klischee hinausgeht. Wenn er in Shorts und mit Schmerbauch im Dschungel niederkniet, um per Funk mit seiner Mutter zu beten, dann bekommt die Bestie ein bisschen mehr Profil.

Ansonsten wimmelt es im Film leider von Stereotypen über Lateinamerika: Lächelnde Bikinimädchen am Strand, brutale Kleingangster und korrupte Polizisten lassen wenig Raum für Differenzierung. Das tatsächliche Ausmaß, das der jahrzehntelange Drogenkrieg für die kolumbianische Bevölkerung hatte, wird nur am Rande touchiert. Die Rolle, die die amerikanische Politik dabei übernahm, bleibt völlig unerwähnt.

Stattdessen bedient sich Regisseur Andrea Di Stefano des alten "Last King of Scotland"-Kniffs: Um die Zuschauer an Bord zu holen, erzählt er die ganze Geschichte aus Sicht eines fiktiven amerikanischen Charakters, der sich in die Nichte Escobars verliebt und plötzlich in den Kosmos des Drogenbosses eintaucht.

Das bringt für diesen Nick (Josh Hutcherson) natürlich so einiges an moralischen Implikationen mit sich. Der Ami, der eigentlich nur mit seinem Bruder als Surfhippie an Kolumbiens unerschlossener Küste das Paradies genießen wollte, findet sich plötzlich mitten in der Drogenkartell-High-Society des Landes wieder. Und das alles der Liebe wegen.

Da muss man durch, wenn man sich in glutäugige Latinoschönheiten verliebt, aber zum Glück ist man ja gefestigter als All-american Boy und erliegt zwar etwas dem Charme des bauchpinselnden Kokainkönigs, aber eben nie so ganz. Und am Ende steht Nick vor einer schweren Entscheidung ... könnte man jetzt schreiben, doch die ins seifenoperettenhafte abgleitende Handlung kann sich jeder auch selbst ausmalen.

Wäre da nicht Benicio del Toros Auftritt, man könnte sich den Film gut sparen und stattdessen die hervorragende Doku "Pablo, Angel o Demonio" von Jorge Granier angucken.

Sehen Sie hier den Trailer von "Escobar - Paradise lost"

"Escobar - Paradise Lost"

    Frankreich, Spanien, Belgien, Panama 2014

    Regie Andrea Di Stefano

    Drehbuch: Andrea Di Stefano, Francesca Marciano

    Darsteller: Benicio Del Toro, Josh Hutcherson, Claudia Traisac, Brady Corbet, Carlos Bardem, Ana Girardot

    Produktion: Chapter 2

    Verleih: Alamode Film

    Länge: 120 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 9. Juli 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
insideman 10.07.2015
1. Oh jeee..
Der "all american boy" und sein Bruder sind eben nicht aus Amerika sondern Kanadier - was er im Film auch nicht müde wird zu erwähnem.
John 75 10.07.2015
2. Na ja, unterhaltsam is er doch
All zu schlecht war er meiner Meinung nach nicht. Als pure Unterhaltang gibt es weitaus Schlechteres.
kpeichele 10.07.2015
3. Wieso Hollywood?
Wieso Hollywood? Dies ist, wie auch unten in den Credits nachzulesen ist, eine französisch-spanisch-belgisch-panamaische Koproduktion.
raber 11.07.2015
4. Äusserst langweiliger Film
Dieser Film ist sehr schlecht. Benicio Del Toro kann den Film auch nicht retten und ist selber völlig fehl am Platz. Es gibt immer Schlechteres, aber dies ist kein Argument. Selbst als Klischeeritt Lateinamerikas ist er schlecht. Lateinamerika geht von Mexiko bis Argentinien/ Chile und am Südzipfel sieht es doch ziemlich anders aus als in Mexiko oder Kolumbien. Allerdings wird der Film diese Stereotypen bei Unbedachten die Klischees verstärken. Allein beim in vielen lateinamerikanischen Ländern úblichen "Don" denken viele Deutsche direkt an Don Corleone. Dabei haben die meisten dieser "Don" nichts mit kriminellen Aktivitäten am Hut.
marcusaemiliuslepidus 11.07.2015
5.
Wobei man ja aus HBO's Entourage weis das es nicht so einfach ist einen Escobar Film zu machen ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.