"Esmas Geheimnis" Leben und Lügen in Grbavica

Jasmila Žbanic rührt mit "Esmas Geheimnis - Grbavica" an ein Tabu des Balkankrieges: Hinter einem Mutter/Tochter-Konflikt verbirgt sich die Wahrheit über eine folgenreiche Vergewaltigung. Das einfühlsame Frauenporträt gewann den Goldenen Bären der Berlinale.

Von Bert Rebhandl


Die Kinder, die heute in Sarajewo zur Schule gehen, sind die Kinder eines Krieges. Sie haben in der Regel keine eigene Erinnerung an die grausamen Auseinandersetzungen während des Zerfalls von Jugoslawien. Ihre Eltern aber müssen nicht nur mit diesen Erinnerungen leben, sie müssen auch darüber entscheiden, welche Wahrheit sie den Kindern zumuten können. Dieses Dilemma wird in dem bosnischen Spielfilm "Esmas Geheimnis - Grbavica" von Jasmila Žbanic durch die Beziehung einer Mutter zu ihrer Tochter veranschaulicht.

Esma lebt mit der zwölfjährigen Sara in einer kleinen Wohnung in Grbavica, einem Stadtteil von Sarajewo, in dem sich während des Krieges ein Lager der serbisch-montenegrinischen Armee befand, in dem viele Frauen gefangen gehalten und vergewaltigt wurden. Sara glaubt, ihr Vater wäre ein "Schechid", ein "Gefallener", ein "Märtyrer" im Krieg. Esma verschweigt ihr, dass sie in Wahrheit "der Bastard eines Tschetniks" ist, gezeugt bei einer Gewalttat, wie sie so vielen Frauen während des Krieges widerfahren ist.

Inzwischen ist Sarajewo eine friedliche Stadt, aber die Vergangenheit liegt immer noch wie ein Schatten über den Menschen. Manche geben sich zynisch, wie Saran, der Inhaber einer großen Discothek mit dem Namen "Amerika". Hier tanzen leichtbekleidete Mädchen. Die Männer wickeln unterdessen in den Hinterzimmern ihre Wettgeschäfte ab. "Nur Verrückte setzen heute Kinder in die Welt": Dieser Satz fällt während eines Vorstellungsgesprächs, zu dem Esma sich bei Saran einfindet. Sie möchte im "Amerika" arbeiten, obwohl sie sich von der wilden Atmosphäre abgestoßen fühlt. Die Bluse knöpft sie nicht auf, auch wenn sie dadurch weniger Trinkgeld bekommt.

Esma trifft im "Amerika" auf Pelda, einen der Bodyguards von Saran. Er erweist sich gegen den ersten Augenschein als einfühlsamer Mann, der über den Krieg nicht hinwegkommt und seine Ausreise nach Österreich vorbereitet. Sara schließt währenddessen Freundschaft mit Samir, einem Jungen aus der Schule, dessen Vater tatsächlich ein "Schechid" war. Irgendwie hat Samir es geschafft, die Pistole seines Vaters beiseite zu schaffen.

Mit einem einfachen erzählerischen Kniff hält Jasmila Žbanic die Fäden von "Esmas Geheimnis" zusammen. Sara ist angehalten, für eine Klassenfahrt 200 Euro zu bezahlen. Das Geld wird ihr erlassen, wenn sie eine Bestätigung beibringt, dass ihr Vater ein "Schechid" war. Die Mutter steht dadurch vor der Alternative, entweder in einer Stadt, in der alle ihre Bekannten arm sind, 200 Euro aufzutreiben, oder ihrer Tochter die Wahrheit zu sagen. So entwickelt sich das leise Drama allmählich auf seinen emotionalen Höhepunkt hin.

Jasmila Žbanic hat in Interviews erzählt, dass sie ursprünglich einen Film über eine der vielen Frauen aus einfachsten, vielfach bäuerlichen Verhältnissen machen wollte, die Opfer von systematischen Vergewaltigungen wurden. Erst spät habe sie sich für Sarajewo als Ort der Handlung und für eine selbständige Frau wie Esma als Hauptfigur entschieden. Nur so wurde die Not darstellbar.

Mit der serbischen Schauspielerin Mirjana Karanovic, bekannt aus Filmen von Emir Kusturica, bekommt "Esmas Geheimnis" eine psychologische Tiefe, die es erst erlaubt, die Verdrängung allmählich zu überwinden. Wichtige Szenen spielen in einem Therapiezentrum, das Esma anfangs nur widerstrebend aufsucht, in dem sie schließlich aber doch lernt, sich zu öffnen. Diese Gemeinschaft der Frauen steht dem anderen Ritual der Erinnerung gegenüber, das "die Identifikationen" heißt. Menschen suchen dabei unter den Leichen, die bei der Öffnung von Massengräbern in der Umgebung gefunden wurden, nach ihren toten Angehörigen.

"Esmas Geheimnis" ist ein Film aus Bosnien-Herzegowina, der allerdings ohne Produktionsmittel aus Österreich und Deutschland nicht zustandegekommen wäre. Der Goldene Bär bei der diesjährigen Berlinale galt als Überraschung, schließlich setzte sich damit eine völlig unbekannte Regisseurin aus einem Niemandsland des Kinos gegen namhafte Konkurrenz durch. Die Entscheidung hatte aber sowohl politische wie ästhetische Berechtigung. In Bosnien und auch in Serbien, wo eine Vorführung von "Esmas Geheimnis" zuerst zu nationalistischen Tumulten und danach zu tiefer Betroffenheit geführt hat, wirkt der Film als Ermutigung, aus dem nach wie vor vorherrschenden Lagerdenken auszubrechen.

Für den jungen Staat Bosnien-Herzegowina ist der internationale Erfolg zudem ein Stück Identitätsbildung, gewonnen durch einen Film, der durchaus Vergleichen mit dem neorealistischen Neubeginn des europäischen Kinos in Italien nach 1945 standhält. Die Kinder, die heute in Sarajewo zur Schule gehen, begegnen durch "Esmas Geheimnis" einer Wahrheit, die nicht notwendig ihre persönliche Existenz betrifft, aber doch eine ganze Generation prägt.



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