Europäischer Filmpreis "Good Bye, Lenin" wird mit Trophäen überhäuft

Mit der deutschen Erfolgskomödie "Good Bye, Lenin!" von Wolfgang Becker hat nicht nur erstmals ein deutscher Film den Europäischen Filmpreis gewonnen - er siegte sogar in sechs Kategorien.


Szene aus "Good Bye, Lenin!" (mit Florian Lukas):
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Szene aus "Good Bye, Lenin!" (mit Florian Lukas):

Berlin - Regisseur Wolfgang Becker war sichtlich bewegt. "Damals hätten wir beinahe aufgegeben, so schrecklich waren die Dreharbeiten", sagte er. Zu wenig Geld, wild gewordene Wildschweine, kaputte Trabis und Hubschrauber - letztendlich aber lohnte sich der Kampf gegen alle Widrigkeiten. Bei der 16. Verleihung des Europäischen Filmpreises am Samstagabend in der Berliner Arena hieß der viel umjubelte Sieger "Good Bye, Lenin!".

Beckers Erfolgskomödie über eine Familie, die der kranken Mutter den Untergang der DDR zu verheimlichen versucht, sahnte nicht nur gleich sechs der europäischen Oscars in den insgesamt 16 Kategorien ab. Sie schrieb auch deutsche Filmgeschichte: Erstmals ging der Preis für den besten Film nach Deutschland. Was Becker wiederum herzlich wenig interessierte: "Für mich sind die Auszeichnungen weniger für Deutschland als für den Film."

Seltene Einmütigkeit herrschte zwischen Publikum und Kritikern. Für alle war "Good Bye, Lenin!" der herausragende Film des vergangenen Jahres. Die drei Publikumspreise gingen an die Hauptdarsteller Daniel Brühl und Katrin Saß sowie an Regisseur Becker. Brühl erhielt von den Juroren außerdem die Trophäe als bester Hauptdarsteller, "Lenin"-Autor Bernd Lichtenberg wurde als bester Drehbuchschreiber ausgezeichnet.

Die Konkurrenz war dabei beileibe nicht schwach: Lars von Trier war mit "Dogville" nominiert, Isabel Coixet mit "My Life Without Me", Francois Ozon mit "Swimming Pool". Viel mehr als eine Statistenrolle blieb ihnen nicht. Lars von Trier erhielt eine Art Trostpflaster und wurde zum besten Regisseur gekürt, sein Kamermann Anthony Dod Mantle erhielt ebenfalls eine Auszeichnung. Und Charlotte Rampling wurde als beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in "Swimming Pool" ausgezeichnet.

Höhepunkt des Abends war jedoch die Vergabe des Preises für ein Lebenswerk an Claude Chabrol. Mit Tränen in den Augen nahm der große französische Filmemacher die Statue aus den Händen von Isabelle Huppert entgegen, die in vielen seiner Filme mitgespielt hat. "Das ist viel für mich", sagte Chabrol. "Ich glaube an das europäische Kino."

Zweieinhalb Stunden dauerte die Zeremonie, moderiert wurde sie launig vom "Lengede"-Star Heino Ferch. Eine Reihe Prominenter hatte abgesagt: Pedro Almodóvar ließ sich wegen einer Erkältung entschuldigen, Istvan Szabo ließ sich per Video einspielen, ebenso wie Charlotte Rampling, die lieber in Paris Theater spielte als die Trophäe - eine silberne, bislang namenlose Statue in Frauengestalt - abzuholen.

Für ein wenig Aufsehen sorgte dann noch Jeanne Moreaus weiß-silbern glitzerndes Kleid und - nicht zu vergessen - das geradezu babylonische Sprachgewirr: Die deutschen Laudatoren wie Tom Tykwer redeten englisch, die finnischen wie Mika Kaurismäki bayerisch, die Franzosen wie Huppert französisch, die Italiener wechselten zwischen englisch und italienisch - und mancher Zuschauer lachte vielleicht etwas zu laut auf, wenn er dann doch einmal einen Witz verstanden zu haben glaubte und dann bewundernd ob seiner Sprachkenntnisse umher blickte.

Wirkliche Freude versprühte Daniel Brühl. "Das ist zu viel für mich. Jetzt brauche ich erst einmal einen Whiskey", sagte er. Und dann hielt er eine Hommage an seine Filmmutter Katrin Saß. Diese sei im Film so zu einer Mutter geworden, dass seine richtige Mutter eifersüchtig geworden sei. Darüber hinaus habe er viel über die DDR gelernt. "Der Film war für mich wie eine Geschichtsstunde."

"Ich suche gute Drehbücher"

Nach einem wahren Preisregen im vergangenen Jahr, unter anderem bei der Berlinale und beim Deutschen Filmpreis, steht die Krönung für "Good Bye, Lenin!" aber noch aus: Eine Oscar-Nominierung am 27. Januar 2004 als bester ausländischer Film. "Das muss man abwarten", kommentiert Becker ruhig. Viel wichtiger als Auszeichnungen ist ihm die künftige Arbeit: "Das ist ein Aufruf. Ich suche gute Drehbücher von professionellen Autoren. Schreiben kann ich nämlich nicht."

Der Erfolg von "Good Bye, Lenin!" kann dem deutschen Film den erwünschten Impuls für einen Aufschwung geben. Mehr als 6,3 Millionen Menschen sahen den Film hier zu Lande, im Ausland lockte er mehr als eine Million Fans an. Vom internationalen Erfolg und Prestigegewinn profitieren auch andere: So wurde Margarethe von Trottas Drama "Rosenstraße" unter anderem bereits in die USA, Kanada, Italien und Mexiko verkauft.

Im kommenden Jahr wird der Europäische Filmpreis in Barcelona vergeben. Er wird seit 1988 verliehen.

Holger Mehlig, AP



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