Europäischer Filmpreis "Ich soll Ihnen freundlich winken"

Was ist eine Award-Verleihung wert, zu der nicht mal die Sieger kommen? Beim Europäischen Filmpreis fehlten Colin Firth und Tilda Swinton - beide als Beste Schauspieler geehrt - und Lars von Trier, der gleich drei Trophäen absahnte. Jenni Zylka erklärt, warum der Filmpreis mehr Achtung verdient.

REUTERS

"Ich passe doch eigentlich gar nicht zu euch", sagte der britische Regisseur Stephen Frears, als er den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk verliehen bekam. "Denn ich schreibe meine Drehbücher nicht selbst, und ich mache fröhliche Filme."

Eine hübsche kleine Spitze angesichts der Themen der nominierten europäischen Filme: Auf der Bühne lief eigentlich immer nur ein Ausschnitt, in dem ein Erwachsener depressiv ist, oder ein Kind unglücklich. Mit Glück machte Moderatorin Anke Engelke als Ausgleich einen guten Witz.

Das Endzeitdrama "Melancholia" von Lars von Trier, der am Ende mit drei Preisen - Bester Film, Beste Kamera, Bestes Szenenbild - ausgezeichnet wurde, bringt die Ernsthaftigkeit und Bildstärke der europäischen Filmschaffenden auf den Punkt. Europa, das divergente, große Kulturkonglomerat, hat es gerade nicht leicht. Auch wenn man es, wie Regisseur Wim Wenders, Präsident des Filmpreises, in seinen Grußworten betonte, eher in kulturelle als in politische Grenzen fasst, und die Euro-Krise ausnahmsweise mal außen vor lässt.

"Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich freue mich"

Dabei hat man ja traditionell einiges zu bieten an filmverbundenen und kompetenten Menschen: Michel Piccoli zum Beispiel, der am Samstag offenbar spontan für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, stand sympathisch überrascht auf der Bühne und bedankte sich bei seinem Laudator Bruno Ganz mit den Worten "Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich freue mich".

Den zweiten Laudator, Volker Schlöndorff, schien er dafür zu kennen. Der ebenfalls für sein Lebenswerk ausgezeichnete dänische Schauspieler Mads Mikkelsen konnte sich eine amüsante und persönliche Eloge von Stellan Skarsgård anhören. Und der großartige Träumer und nicht wirklich echte Europäer Terry Gilliam, der Mann mit den meisten phantastischen Ideen und den wenigsten realisierten Filmprojekten, wurde mit einem Filmpreis für seinen in Italien produzierten Kurzfilm "The Wholly Family" gehuldigt, und kommentierte dies trocken mit den Worten: "Ich scheine meine Karriere gerade rückwärts zu leben. Normalerweise machen Menschen zuerst kurze, und dann lange Filme. Wer weiß, vielleicht ist dies ja jetzt das Ende." Hoffentlich nicht.

Dass der Europäische Filmpreis, der in diesem Jahr zum 24. Mal verliehen wurde, und seit 1997 keinen Kosenamen à la Oscar oder Lola mehr trägt, so wenig Medieninteresse aufwirbelt, kann man nur bedauern - selbst wenn die Themen schwer waren und sich mehr oder weniger alles um gerade mal sieben nominierte Filme drehte.

Es mag an unzureichender PR liegen, an der Blockbuster- und Megastar-Ferne vieler europäischer Produktionen, oder daran, dass die Deutschen, die ihren nationalen Filmpreis durchaus seit einigen Jahren mit Enthusiasmus feiern, sich schlichtweg nicht für andere europäische Länder mitfreuen können. Schade ist es allemal: Der Europäische Filmpreis ist der einzige Film-Award, der paneuropäisch vergeben wird.

Und da beim Oscar nur alle Jubeljahre mal nicht-amerikanische Produktionen geehrt werden - obwohl die Statuten gar keinen us-amerikanischen Ursprung, sondern nur eine einwöchige Laufzeit im Großraum L.A. County vorschreiben (was 99,9 Prozent aller europäischen Produktionen somit disqualifiziert), wäre so eine Euro-Trophäe eigentlich eine begehrenswerte Sache.

Stummes, freundliches Winken

Die dem europäischen Kino sehr verbundenen, als Beste Schauspieler ausgezeichneten Künstler Colin Firth und Tilda Swinton nahmen ihre Preise nicht persönlich entgegen, ein britisch-extratrockener Tom Hooper (Regisseur von "The King's Speech") zitierte stellvertretend für Firth seinen Hauptdarsteller mit "Es mag nicht so aussehen, aber innen drin tanze ich".

Und Lars von Triers Ehefrau Bente Froge, die für ihren durch seine verunglückte Cannes-Bemerkung in Ungnade gefallenen Mann auf die Bühne kam, war von ihm angewiesen worden, "nichts zu sagen, denn er gibt keine Statements mehr ab. Aber ich soll Ihnen freundlich winken".

Vielleicht ist das stumme, freundliche Winken und das innere Tanzen der Status, von dem sich der Europäische Filmpreis unbedingt entfernen muss, allen Europa- und nationalen Finanzierungs- oder Vermarktungsproblemen zum Trotz: So langsam, nach mehr als hundert Jahren herausragenden Filmschaffens und 24 Jahren eines gemeinsamen Preises, könnte man sich doch auch mal ganz offen und ganz lautstark freuen.

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hannahcalenbach 04.12.2011
1. Missachtung Europas durch sogenannte "Künstler"
Peinlich für diese sogenannten "Künstler", die wohl mit ihrer Abwesenheit ausdrücken wollen, dass ihnen europäische Auszeichnungen am vergoldeten Ar... vorbei gehen. Wie abfällig arrogant und ignorant muss man sein, wenn man zur Verleihung des Europäischen Filmpreises erst gar nicht erscheint. Gut, dass der Psychopath von Trier nicht da war, ist kein Verlust. Wahrscheinlich hätte er sonst wieder irgendwas aus seinem kranken Hirn gelabert, dass so in die Richtung Nazis und ähnlichem Schwachsinn geht. Warum man auch von der Witzeerzählerin Engelke ein Kulturevent moderieren lassen muss, ist auch unverständlich. Diese Frau hat sich zwar im Witzeerzählen im TV hervorgetan, was ihr Bezug zum europäischen Kunstfilm sein soll, bleibt schleierhaft. Ja, macht nur so weiter, liebe europäische Film"künstler"! Ihr seid dann auch ganz vorne mit dabei, wenn Europa den Bach runter geht. Dafür jetzt schon mal herzlichen Dank, gell?!
dent42 04.12.2011
2. re
Zitat von hannahcalenbachPeinlich für diese sogenannten "Künstler", die wohl mit ihrer Abwesenheit ausdrücken wollen, dass ihnen europäische Auszeichnungen am vergoldeten Ar... vorbei gehen. Wie abfällig arrogant und ignorant muss man sein, wenn man zur Verleihung des Europäischen Filmpreises erst gar nicht erscheint. Gut, dass der Psychopath von Trier nicht da war, ist kein Verlust. Wahrscheinlich hätte er sonst wieder irgendwas aus seinem kranken Hirn gelabert, dass so in die Richtung Nazis und ähnlichem Schwachsinn geht. Warum man auch von der Witzeerzählerin Engelke ein Kulturevent moderieren lassen muss, ist auch unverständlich. Diese Frau hat sich zwar im Witzeerzählen im TV hervorgetan, was ihr Bezug zum europäischen Kunstfilm sein soll, bleibt schleierhaft. Ja, macht nur so weiter, liebe europäische Film"künstler"! Ihr seid dann auch ganz vorne mit dabei, wenn Europa den Bach runter geht. Dafür jetzt schon mal herzlichen Dank, gell?!
Völlig uninformierter Beitrag. Es gibt Schauspieler die müssen tatsächlich arbeiten und können nicht mal zwischendurch den Kontinent wechseln. Frau Engelke spricht deutsch, englisch und französisch und eröffnet schon seit Jahren die Berlinale. Lars von Trier ist ein Spinner und ein Exzentriker aber bestimmt kein Psychopath..eher ein Soziopath, aber bestimmt kein gefährlicher. Was den Artikel angeht, der Oscar wird jedes Jahr auch an einen ausländischen Film vergeben.
nunmallangsam 04.12.2011
3. Dieser "Award" ist irrelevant
...und deswegen gehen noch nicht mal die Preisempfänger hin. Ein "Oscar" ist doch auch nur deshalb wichtig weil er den (weltweiten!) Verkauf von Kinokarten massiv ankurbelt. Niemand geht ins Kino weil ein Film 5 oder 6 Europäische Filmpreise gewonnen hat. Hat ein Film aber auch nur einen "Oscar-nominierten" Tontechniker, rennen alle hin. Die Konsequenz ist, dass für einen Künstler ein Europäischer Filmpreis nichts weiter als noch-ein-Ding-zum-abstauben ist.
Haio Forler 04.12.2011
4. .
Zitat von hannahcalenbachPeinlich für diese sogenannten "Künstler", die wohl mit ihrer Abwesenheit ausdrücken wollen, dass ihnen europäische Auszeichnungen am vergoldeten Ar... vorbei gehen. Wie abfällig arrogant und ignorant muss man sein, wenn man zur Verleihung des Europäischen Filmpreises erst gar nicht erscheint. Gut, dass der Psychopath von Trier nicht da war, ist kein Verlust. Wahrscheinlich hätte er sonst wieder irgendwas aus seinem kranken Hirn gelabert, dass so in die Richtung Nazis und ähnlichem Schwachsinn geht. Warum man auch von der Witzeerzählerin Engelke ein Kulturevent moderieren lassen muss, ist auch unverständlich. Diese Frau hat sich zwar im Witzeerzählen im TV hervorgetan, was ihr Bezug zum europäischen Kunstfilm sein soll, bleibt schleierhaft. Ja, macht nur so weiter, liebe europäische Film"künstler"! Ihr seid dann auch ganz vorne mit dabei, wenn Europa den Bach runter geht. Dafür jetzt schon mal herzlichen Dank, gell?!
Hoffentlich macht er weiter derart gute Filme. Ist ja nicht ganz unwichtig, wenn man von ihm spricht.
.link 04.12.2011
5. Was fehlt,...
...und das ist nicht nur in diesem Zusammenhang relevant, ist eine "europäische Öffentlichkeit". Die gibt es nicht, aufgrund von kulturellen Differenzen, aufgrund von sprachlichen Barrieren usw. usf. Warum ist das so schwer zu verstehen?
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