Bergsteiger-Drama "Everest" Mein Feind, der Berg

Stirb leise: Im Abenteuerdrama "Everest" erzählt Regisseur Baltasar Kormákur von den Gefahren beim Besteigen eines Achttausenders - ein Gesamtkunstwerk der Qual.


Selten wehten die Schneeflocken so dicht über die Leinwand, selten kreischte der Wind so erbarmungslos aus den Boxen. Der isländische Abenteuerregisseur Baltasar Kormákur hat sich so oft aufs Meer gewagt für Filme wie "Contraband" oder "The Deep" - mit seinem Bergsteigerdrama "Everest", dem Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Venedig, ist ihm nun ein Gesamtkunstwerk der Qual geglückt.

Dabei ist der Berg, hier sogar der höchste der Welt, seit je Kulisse und Allegorie zugleich. Über den Berg gibt es jede Menge Geschichten: Fabeln, die den Menschen Bescheidenheit lehren sollen, Fabeln, die Ehrfurcht gebieten. Und auch in Kormákurs Chronik einer gescheiterten Expedition auf den Gipfel des Mount Everest aus dem Jahr 1996 geraten manche Bilder exemplarisch, und das archaische Wetter scheint bisweilen wie eine Mahnung an die Bergsteiger, die sich dem Berg ausliefern - dem gewaltigsten, dem gefährlichsten, dem, der alles Leben auf dessen lächerliches Maß zurechtstutzt.

Dennoch: Die Drehbuchautoren William Nicholson und Simon Beaufoy, der für "Slumdog Millionär" einen Oscar gewann, wollen eine Geschichte erzählen, die handelt von Menschen auf dem Berg statt nur vom Berg, von all denen also, die sich anschicken, dem Everest ameisenhaft ein wenig an der hohen Nase zu kratzen.

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Bergsteiger-Drama "Everest": Hahnenkampf im Himalaya
Rob Hall und Scott Fischer, gespielt von Jason Clarke und Jake Gyllenhaal, haben dies schon mehrere Male getan, sie gehörten zu den ersten Anbietern kommerzieller Expeditionen auf den Everest. Genauer gesagt: Hall war der erste, und der Vorwurf, der hippieske Lebemann Fischer habe seine Ideen geklaut, steht halb ausgesprochen in der Luft, wann immer die beiden einander im Basislager über den Weg laufen.

Massentourismus auf dem Dach der Welt

Im Zuge ihrer Geschäftsideen ist der Everest zum massentouristischen Ziel geworden: Im Base-Camp hüpfen Menschen herum, die noch nie ein Steigeisen angelegt haben, und wenn der Wettbewerb dafür sorgt, dass die unterschiedlichen Aufstiegsteams keine Absprachen mehr treffen können oder wollen, kann dies zu lebensbedrohlichen Staus an manchem Nadelöhr auf dem Weg nach oben führen.

Fataler, so erzählen es die Filmemacher, wirkten sich bei jener verhängnisvollen Expedition jedoch andere menschliche Schwächen, Versäumnisse und falsche Entscheidungen aus: Ersatz-Sauerstoff lag nicht da, wo er hingehörte. Die Mitarbeiter von Hall und Fischer sind einander noch weniger grün als ihre Chefs.

So driftet die Gruppe, je nach Kondition und individueller Hilfsbereitschaft, unterwegs schon auseinander. Und als Doug Hansen (John Hawkes), der im Jahr zuvor schon einmal umkehren musste und nur einmal, einmal nur unbedingt auf den Gipfel möchte, von Rob Hall tatsächlich heraufgeschleift wird, viel zu spät eigentlich für die angepeilte Rückkehrzeit, mag man dies als den einen, großen Fehler verstehen, der aus einem Problem eine Katastrophe machte.

Empathie in der tobenden Hölle

Oder man interpretiert es gerade umgekehrt: All diese Kinkerlitzchen wären letztlich folgenlos geblieben ohne die schwarze Sturmwand, die sich auf den Everest zubewegte und die Verstreuten einschloss. So verengen und erweitern sich die Bilder immer wieder, die Salvatore Totino parallel zur regulären Kinoauswertung auch für das gigantomanische, überwiegend bei Dokumentarfilmen verwendete IMAX-Format und in 3D entworfen hat.

Es gibt die gemächlichen Helikopterpanoramen, die den Gipfel hin und wieder in so scheinbar unschuldigem Weiß abfahren - gedreht wurde in Nepal und in den italienischen Alpen. Es gibt die tobende Hölle. Und es gibt eine geradezu empathische Schilderung des Mühsals, erzählt anhand der Gesichter und Geschichten der Expeditionsmitglieder.

Der Texaner Beck Weathers (Josh Brolin) ist dabei, den daheim Depressionen und Eheprobleme plagen, und der einmal sagt, nur auf dem Berg sei sein Geist so richtig frei. Eine Japanerin begleitet ihn und die anderen, denen nur noch der Everest in ihrer Achttausender-Sammlung fehlt, und auch der Autor Jon Krakauer, der seine Erfahrungen auf der Expedition in dem Buch "In eisige Höhen" verarbeitete, wagte sich mit der Truppe an den Aufstieg.

Der Blick auf all diese Menschen freilich flackert immer wieder vom einen zum anderen. Eine klare Fokussierung lässt das Chaos nicht zu. Leise, wie nebensächlich, beginnt das Sterben, als wären die Bergsteiger vom Sturm erstickt worden, lange bevor sie wortlos von schmalen Pfaden rutschen und so aus dem Bild, dem Leben und der Geschichte verschwinden.

Als sich das Wetter und die so grausam gleichgültige Natur beruhigt haben und die Sonne wieder aufgegangen ist über dem Everest, schlittert die Erzählung dann doch ein wenig ins Sentimentale. Und es wird deutlich, wie sehr dies ein Film ist über Männer, die ihr Leben riskieren und über Frauen, die im Basislager am Funkgerät, daheim am Telefon, als Mutter des Camps und als Medizinerin auf ihre Rollen als Behüterinnen und Nestpflegerinnen zurückgeworfen bleiben.

Im Video: Der Trailer zu "Everest"

Everest

Großbritannien, USA, Island 2015

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Simon Beaufoy, William Nicholson

Darsteller: Jason Clarke, Jake Gyllenhaal, Josh Brolin, John Hawkes, Robin Wright, Emily Watson, Keira Knightley

Produktion: Cross Creek Pictures, Universal Pictures, Walden Media, Working Title Films

Verleih: Universal Pictures Germany

Länge: 122 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 17. September 2015

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
ge1234 15.09.2015
1. En Film...
... über die Besteigung des höchsten Berges der Welt, der in den italienischen Alpen gedreht wurde? Wie soll das gehen? M.e. kann man eine authentische Geschichte über eine Everstbesteigung nur auf dem Everest selbst spielen, was zu drehen zugegebenermaßen äußerst schwierg sein dürfte.
mam71 15.09.2015
2.
Zitat von ge1234... über die Besteigung des höchsten Berges der Welt, der in den italienischen Alpen gedreht wurde? Wie soll das gehen? M.e. kann man eine authentische Geschichte über eine Everstbesteigung nur auf dem Everest selbst spielen, was zu drehen zugegebenermaßen äußerst schwierg sein dürfte.
So wie "Das Boot" mit einem kleinen U-Boot-Modell in einer Wanne gedreht wurde. Nennt sich Tricktechnik. Und die Schauspieler heissen so, weil sie es einem vorspielen können. Sylvester Stallone war nämlich weder Boxer noch Vietnamveteran, Peter O'Toole war gar kein britischer Agent in Arabien und weder Bruno Ganz noch Charlie Chaplin waren Führer des deutschen Volkes. Sonst wäre es eine Dokumentation.
kommentator911 15.09.2015
3. Anzahl Tote
Was ich nicht verstehe: In der Realität sind wohl 9+3 Menschen ums Leben gekommen, im Film ist nur von 8 die Rede. Selbst wenn man die 3 an den Folgen Gestorbenen weglässt, passt das nicht. Da frage ich mich wie nahe der Film sonst an der Realität ist?
gnarze 15.09.2015
4. 3D-Drama?!?
Ein Widerspruch in sich, wenn man als Zuschauer bei einem intensiven Drama (so wie es aussieht, ist der Film ja auch nicht ohne gewissen Anspruch) diese albernen 3D-Brillen aufhat. Von daher ein klarer Fall für das Heimkino.
Aquifex 15.09.2015
5.
Zitat von mam71So wie "Das Boot" mit einem kleinen U-Boot-Modell in einer Wanne gedreht wurde. Nennt sich Tricktechnik. Und die Schauspieler heissen so, weil sie es einem vorspielen können. Sylvester Stallone war nämlich weder Boxer noch Vietnamveteran, Peter O'Toole war gar kein britischer Agent in Arabien und weder Bruno Ganz noch Charlie Chaplin waren Führer des deutschen Volkes. Sonst wäre es eine Dokumentation.
Was der Forist sagen will, ist, daß es auf dem Everest Formationen gibt, die jeder Bergsteiger oder Interessierte kennt, wie den berühmten Hillary-Step, den Gipfelgrat, den Südgipfel etc. Die gibt es aber alle in den Alpen nicht. Ein an sich extrem gut gemachter Bergsteigerfilm wie "Nordwand" krankt im Detail für den Interessierten daran, daß der Hinterstoisser-Quergang dann doch nicht an der richtigen Stelle in der Wand gedreht werden konnte und die Traverse im zweiten Eisfeld von den Größeneinstellungen nicht passen. Dem Nicht-Interessierten wird das alles egal sein, aber solche Filme werden ja nicht nur für Nicht-Interessiert gemacht. Im Gegenteil. Ein Film wie "K2" aus den 90ern nervt jedenfalls ziemlich, weil es da tatsächlich keine einzige der bekannten Formationen aus der K2 Gipfel-Region (Stichwort "Flaschenhals und Serac") oder auch vom Anstieg weiter unten zu sehen gibt. Der Story tut das keinen Abbruch, macht den Film aber auch beliebig. Ich freue mich jedenfall schon auf den Kinobesuch von "Everest" und bin mal gespannt, wie sich die Schauplätze da genau darstellen.
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