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Altherren-Erotik mit Caine und Keitel: Die Libido stirbt zuletzt

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Wanderausflug der Großschauspieler: Michael Caine und Harvey Keitel befinden sich in "Ewige Jugend" auf der Suche nach der verlorenen Lust. Die Bilder sind gekünstelt, aber die Darsteller eine Wucht.

Man kann dem 45-jährigen italienischen Filmemacher Paolo Sorrentino nur wünschen, dass er irgendwann so alt wird, wie sein Film "Ewige Jugend" ihn jetzt schon aussehen lässt. Der Film handelt von zwei Lustgreisen. Die beiden Freunde sind Seite an Seite alt geworden und kultivieren ihre Verzweiflung; der eine heiter und lässig, der andere zappelig und über die eigene Tattrigkeit empört.

Michael Caine spielt mit mildem Lächeln einen Stardirigenten namens Fred Ballinger. Harvey Keitel leiht seinen fahrigsten Augenaufschlag einem Filmregisseur namens Mick Boyle. In der dritten Hauptrolle sehen wir ein wunderhübsch vergammeltes Luxushotel in den Schweizer Alpen, in dem die beiden Helden ihren Obsessionen nachgehen: der Witzelei, dem Herumspazieren und dem lüsternen Betrachten von entblößten jungen Frauenkörpern.

"Ewige Jugend" ist eine Machismo-Phantasie. Die Story des Films ist so dünn wie die Schweizer Bergluft. Der Dirigent Ballinger und der Regisseur Boyle blicken halb entrückt auf den Trubel der Welt, ruinierte Liebschaften und die Schönheit der Leiber. Ballinger soll für die britische Königin nochmal den Taktstock in die Hand nehmen und in London seine berühmteste Eigenkomposition präsentieren - ein öliger Abgesandter ihrer Majestät macht ihm mitten im paradiesischen Hotelgarten ein Angebot, zu dem man nicht Nein sagt. Der Dirigent sagt Nein.

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8  Bilder
"Ewige Jugend": Lustgreise im Luxus-Domizil
Rachel Weisz spielt die Tochter des Dirigenten, die zugleich seine persönliche Assistentin ist. Sie ist toll anzusehen und sehr unglücklich - ihr Mann hat sie verlassen. Der Untreue taucht mitsamt seiner neuen Geliebten, einer Popdiva (Paloma Faith), im Hotel auf. Zum weiteren Personal gehören: ein dicker Ex-Fußballspieler, der an Maradona erinnert, ein smarter Hollywoodschauspieler (Paul Dano), eine Miss Universum (Madalina Diana Ghenea).

Großschauspieler-Wanderausflug im Hochgebirge

Der Regisseur Paolo Sorrentino hat Weltruhm erlangt mit zwei herausragenden Irre-Männer-Porträts, nämlich "Il Divo" (2008, mit Toni Servillo) und "Cheyenne - This Must be The Place" (2011, mit Sean Penn). Er hat für seine hemmungslos kitschbegeisterte Rom-Huldigung "La Grande Bellezza" (2013) einen Auslands-Oscar gewonnen. Er pflegt die hohe Schule des Kino-Manierismus.

Soll heißen: Jedes seiner Bilder, ob es Milchkühe auf Bergwiesen oder Wandersleute in Seilbahnkabinen zeigt, ist so sorgfältig komponiert, als bewerbe sich der Regisseur jeweils um einen Szenenapplaus. Gern überdonnert Musik die Bilder, mal Pop, mal Klassik. Stets wird auf die Werke alter Meister aus Kino und Malerei angespielt, auf Federico Fellini, Alfred Hitchcock, Ferdinand Hodler zum Beispiel.

Die Kraft von "Ewige Jugend" aber entsteht nicht aus den stets ausgesucht geschmackvollen Arrangements des Regisseurs, sondern aus der Kunst der Schauspieler. Aus den Blicken voller töchterlicher Fürsorge, mit denen Rachel Weisz ihren Vater umhegt; aus dem schelmischen Dauergemotze, das Michael Caine als Schutzschild benutzt, während er nackt bescheuerte Massageanwendungen über sich ergehen lässt; aus dem eleganten Armrudern, das Harvey Keitel zeigt, während sein Held ein letztes Mal die strahlende Heldin seiner größten Erfolge einfliegen lässt - es handelt sich tatsächlich um Jane Fonda.

In den besten Momenten sieht man dem Film "Ewige Jugend", der im Original nur "Youth" heißt, die geradezu kindische Freude an, mit der sich Sorrentino an der Brillanz der Mitwirkenden weidet. In den schlimmsten Momenten lässt der Regisseur seine beiden Greisenknaben über ihre Probleme beim Wasserlassen reden. Die allermeiste Zeit aber ist dieser Großschauspieler-Wanderausflug im Hochgebirge ein meditativer Spaß für alle Menschen, die das Kino und die hier präsentierte Auswahl seiner größten Heldinnen und Heldinnen lieben.

Dem von Alters-Ennui und Vergeblichkeitsschmerz besoffenen Regisseur Paolo Sorrentino aber möchte man nach all den Massagen, Heilwasser-Anwendungen und Gymnastikstunden dieses Films dann doch eine radikale mentale Verjüngungskur empfehlen. Jugend ist im Kino - anders als im Leben - reine Kopfsache.

Im Video: Der Trailer von "Ewige Jugend"

Ewige Jugend

Frankreich, Italien, Schweiz, Großbritannien 2015

Drehbuch und Regie: Paolo Sorrentino

Darsteller: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda

Verleih: Wild Bunch Germany

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Start: 26. November 2015

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 6 Beiträge
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1. Lieber Autor dieser Filmkritik!
reineralex 24.11.2015
Beim Lesen selten so gelacht; großartig! "Youth" guck ich mir an!
2. Suche nach der verlorenen Last
Luitpold Stanislaus 24.11.2015
Sollen doch froh sein, dass sie nicht drogengesteuert* sich weiter aufeinander stürzen. Also ob Bumsen der eigentliche Inhalt menschlichen Lebens -wie bei jedem Tier- ist. *Testosteron und Östrogen sind Drogen, die den Kopf bei den meisten Menschen ausschalten.
3.
schgucke 25.11.2015
ich weiß gar nicht, woher der Irrtum kommt, dass Männer nicht multitaskingfähig sind. ihre Sexualität muss, nach dem was man so liest, hört, sieht, erlebt, einen derartigen Einfluss auf all ihre Bewusstseinszustände haben, dass man sich fragt, wie schon Atmung daneben überhaupt funktionieren kann.
4. Verjüngungskur
windpillow 25.11.2015
Michael Caine und Harvey Keitel allein garantieren schon mal einen außergewöhnlichen und vor allen Dingen einen sehenswerten Film und Sorrentino wird mit jedem Film mehr, Fellinis würdiger Nachfolger.
5. Die Bilder
arthur_digby_sellers 25.11.2015
Ich weiß nicht, ob Autoren die Beliebigkeit ihrer eigenen Subjektive nicht mehr im Blick haben sollten und fairerweise mit ihrere Wortwahl nicht suggerieren sollten ihre Einschätzung sei eine unumstößliche Wahrheit, sondern eben nur die Perspektive eines einzelnen Zuschauers, der sich darauf spezialisiert hat seine Eindrücke öffentlich niederzuschreiben. Mit etwas mehr Präzision und Demut macht es dann auch mehr Spaß die Einschätzung zu lesen, vermute ich.
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