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Roboter-Thriller "Ex Machina": Dem Größenwahn ein Gesicht geben

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Künstliche Intelligenz als Kammerspiel: Der Film "Ex Machina" zeigt einen Internet-Tycoon, der eine verführerische Roboterfrau erschafft. Warum er das macht? Weil's geht. Aber es geht nicht gut.

"Sind wir bald da?", fragt der junge Caleb. Als flöge er nicht in einem Hubschrauber übers Gebirge, sondern säße auf dem Rücksitz des elterlichen Kombis. Caleb (Domnhall Gleeson) ist ein schlauer junger Mann, der beste Programmierer des Internetunternehmens "Blue Book", der größten und erfolgreichsten Suchmaschine der Welt. Man lese: Google. Aber Caleb ist eben auch ein naiver kleiner Junge.

"Wir fliegen schon seit zwei Stunden über seine Ländereien", antwortet der Helikopterpilot trocken. Nathan heißt der enigmatische Chef von "Blue Book", der Caleb zu sich in die Wildnis eingeladen hat, in seine hypermoderne Hipster-Variante einer Blockhütte: Stahl, Glas, Holz.

Zutritt erlangt man nur über eine personalisierte Codekarte. Das Refugium ist gleichzeitig auch ein Gefängnis - für den Internet-Entrepreneur und dessen größenwahnsinnige Ideen gleichermaßen. Denn Suchmaschinen zu programmieren ist für Nathan längst langweilig geworden. Als Frankenstein 3.0 drängt es ihn, die perfekte KI zu erschaffen, den künstlichen Menschen. Und Caleb, der emotional unterentwickelte Nerd, der kein Privatleben und keine Freundin hat, soll das Maschinenwesen für ihn testen.

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"Ex Machina": Zwei Männer und ein Maschinenmädchen
Bisher trat der britische Schriftsteller Alex Garland im Filmgeschäft vor allem als Drehbuchautor in Erscheinung, mit seinem Freund Danny Boyle drehte er das "Herr der Fliegen"-Update "The Beach", den Zombieschocker "28 Days Later" und die Weltraum-Odyssee "Sunshine". "Ex Machina" ist das Regiedebüt des 44-Jährigen. Und was für eins: Die Hybris und den Machbarkeitswahn der modernen Internetgurus verknüpft er in seinem intensiven, in blutiger Gewalt eskalierenden Kammerspiel mit Reflexionen über Geschlechterrollen, männliche Dominanz-Ansprüche, Science-Fiction und Body-Horror.

Die trügerische Unschuld des Roboters

Nathan ist ein Kumpeltyp, er begrüßt den unsicheren, eingeschüchterten Caleb im Workout-Dress. Oscar Isaac, Hollywoods neuer Mann für schwierige Männerfiguren ("A Most Violent Year"), spielt ihn mit einer überbetonten Physis fern schmächtiger Realvorbilder wie Steve Jobs oder Larry Page. Mit zur Glatze geschorenem Schädel und schwarzem Vollbart sieht er eher nach Salafismus als nach Silicon Valley aus. Wenn er nicht an schweren Hanteln schwitzt, säuft er Wodka wie Wasser. Aber hey, alles locker: "Willst du mal was Cooles sehen?", lockt er Caleb in sein intrigantes Spiel.

Der junge Mitarbeiter soll den berühmten Turing-Test an der Roboterfrau Ava vollziehen: Wenn der Fragesteller nach einer Unterhaltung mit der KI nicht mehr unterscheiden kann, wer Mensch und wer Maschine ist, dann ist der Test bestanden, und der synthetische Geist ist dem menschlichen ebenbürtig. Erste Konversationen mit Ava verlaufen noch etwas holprig, aber Caleb ist dem sexy Roboter, tricktechnisch brillant inszeniert und mit trügerischer Unschuld von Alicia Vikander verkörpert, alsbald völlig verfallen. Schon bald irritiert ihn das leise Surren ihrer Bewegungen nicht mehr, sondern fasziniert und lullt ihn gleichermaßen ein.

Was, wenn wir im Machbarkeitswahn den Kürzeren ziehen?

Kann der Mensch auf die eigenen Bedürfnisse verzichten, seinen Geschlechtstrieb im Schöpfungsakt abstrahieren, seine Kreatur los- und leben lassen? Und was, wenn das erschaffene Wesen so schlau ist, dass es selbst den klügsten Meister austricksen kann? Wie verantwortlich gehen wir mit den technischen Errungenschaften um, die wir im Turbotempo erfinden? Was, wenn wir im Machbarkeitswahn den Kürzeren ziehen? Ein Themenkomplex, mit dem sich das Kino zurzeit in zahlreichen Facetten beschäftigt, vom Mega-Blockbuster "Avengers: Age Of Ultron" über Trash wie "Chappie" bis zu stillen Dramen wie "Her" .

Alpha-Mann Nathan versucht, diese quälenden Fragen in Alkohol zu ertränken. Caleb hingegen, von zwei Seiten manipuliert, verliert sich in einer Identitätskrise: Wie kann er Gefühle und Lust für ein Maschinenwesen empfinden? Noch ahnt er nicht, dass Nathan Ava nach Vorgaben aus Calebs Internetpornovorlieben gestaltet hat, um ihn verführbarer zu machen: "Wozu hat man die größte Suchmaschine der Welt?", fragt er ihn spöttisch.

Zumindest im Film bleiben Größenwahn und Datenmissbrauch nicht ungesühnt. Vor den Allmachtsfantasien der realen Internetgötter warnt Alex Garland mit seinem klugen und stilvollen Hybrid aus Psychodrama und Gruselschocker.

Filmtrailer: "Ex Machina":

Ex Machina

USA/UK 2014

Regie/Buch: Alex Garland

Darsteller: Oscar Isaac, Alicia Vikander, Domnhall Gleeson

Produktion: DNA Films, Film4

Verleih: Universal

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12

Start: 23. April 2015

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Abel Frühstück 23.04.2015
Der Unterschied zu "Blade Runner" ist...?
2.
themistokles 23.04.2015
Man beachte die Merkel- Raute im Trailer bei 0:35... Das ist ein Hinweis!!!! ;-)
3.
themistokles 23.04.2015
Zitat von Abel FrühstückDer Unterschied zu "Blade Runner" ist...?
Vermutlich ein sehr gravierender. Das bisher gezeigte unterscheidet sich schon sehr von Blade Runner.
4.
AliceAyres 23.04.2015
Klingt wie „Her“ meets „Real Humans“. Werde ich mir schon allein wegen des großartigen Oscar Isaac anschauen.
5.
BlakesWort 23.04.2015
Zitat von Abel FrühstückDer Unterschied zu "Blade Runner" ist...?
Gute Frage... Aber meiner Meinung nach gibt es zu wenige "Blade Runner" und zu viele "Transformers".
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