Bibel-Epos "Exodus" Eine Plage von einem Kinofilm

Ridley Scotts Bibel-Epos "Exodus" mit Christian Bale als Moses ist eine endlos lange Materialschlacht, die den religiösen Anlass vergessen lässt - mit anderen Worten: der perfekte Film zu Weihnachten.

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Ridley Scott erzählt in "Exodus" die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten neu und überraschend. Er bereitet den Stoff nämlich so konfus auf, dass man verblüfft davor sitzt und erst mal zusammenklauben muss, wie das noch mal war mit Moses, dem Dornenbusch, den Plagen, dem geteilten Meer und den zehn Geboten. Hat man alles wieder präsent, hört "Exodus" zum Glück nicht auf, weiterhin zu überraschen und zu amüsieren, denn neben der eigentlichen Geschichte greift Scott auch bei Ausstattung, Spezialeffekten und Besetzung beherzt daneben.

Wirklich stümperhaft sieht es auf den ersten Blick natürlich nicht aus, wenn Kameramann Dariusz Wolski das antike Memphis samt Pyramiden und Sphinxen in 3D auferstehen lässt und darin die Ziehbrüder Moses (Christian Bale) und Ramses (Joel Edgerton) platziert. Das Findelkind und der Thronfolger werden von Pharao Seti (John Turturro) zunächst ebenbürtig erzogen und beschützen einander ehrenhaft, wenn es in die Schlacht geht. Dass die beiden mehr trennt als verbindet, ist dennoch buchstäblich augenscheinlich: Der künftige Prophet Moses kommt hellhäutig und mit stattlichem Haupthaar und Vollbart daher, während der künftige Despot Ramses Stoppelglatze und Lidstrich trägt und seine dunklere Haut stets ölig glänzt.

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"Exodus" mit Christian Bale: Superheld mit Draht zu Gott
Wer so grob in der Figurenzeichnung verfährt, dem gelingt auch kein vielschichtiger Moses, der einen daran Anteil nehmen lässt, wie er zögerlich zu seinem Glauben und schließlich zu seiner Berufung als Anführer der Israeliten kommt. Aber wo Pathos Tiefgang verdrängt, ist Christian Bale stets die richtige Wahl. Er hat schon in Christopher Nolans "Batman"-Filmen den Fledermaus-Mann mit einer Gravitas versehen, die das Franchise an den Rand der Groteske brachte.

Als Moses beweist Bale wieder unendlichen Stoizismus im Angesicht des Albernen. So zuckt er nicht mit der Wimper, wenn ihm honorige Schauspielkollegen wie Ben Mendelsohn mit zentimeterdickem Bronzepuder im Gesicht entgegentreten, er über endlose Tiger- und Zebrafelle in den Pharaonen-Palast schreiten muss oder ihm Gott in Form eines zehnjährigen Jungen mit breitem nordenglischen Akzent erscheint. "Das ist die erste Darstellung von Gott, die mir untergekommen ist, die aussah, als sollte man ihr mal den Hintern versohlen", schrieb Christopher Orr im "Atlantic".

Überhaupt das Casting. Bereits im Vorfeld gab es Kritik daran, dass die Ägypter nicht historisch akkurat mit Nordafrikanern besetzt wurden. Das riss Ridley Scott zu der Aussage hin: "Ich kann bei einem Film mit so einem Budget nicht daherkommen und sagen, dass mein Hauptdarsteller Mohammed-so-und-so aus Da-und-da ist. Da kriege ich einfach nicht das Geld zusammen."

Auf mehr als das Geschäftskalkül scheint Scott auch sonst nicht geachtet zu haben, denn im Verlauf der 150 Filmminuten fragt man sich beständig, was genau sein persönlicher Bezug zu dem Stoff gewesen sein mag, der ihn dazu gebracht hat, den Film zu machen. Dass Scott bekennender Atheist ist, ist in diesem Zusammenhang egal. Atheisten und Agnostiker wie Roberto Rossellini oder Pier Paolo Pasolini haben furiose Filme über religiöse Lichtgestalten wie Jesus und Franz von Assisi gemacht.

Womöglich liegt die Antwort eher in Hollywoods aktueller Produktionsweise. Zurzeit kann ein Film ohne nennenswerte pre-awareness, also bereits bestehende Bekanntheit von Marke oder Geschichte, kaum noch Budgets im zweistelligen Millionenbereich zusammenbekommen. Die Studios vertrauen vornehmlich auf Superhelden und Kinder-/Jugendbuchklassiker, setzen diese endlos fort oder erfinden sie als Reboot neu. Für beide Genres kommt Scott aufgrund seines Alters (77) und seines sehr durchmischten Karriereverlaufs ("The Counselor") nicht mehr infrage. Insofern bleibt ihm unter den heutigen Umständen nur eine universell bekannte Geschichte wie die vom Exodus übrig, um noch mal ein ganz großes Budget zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Als Variante des Superhelden-Films verstanden, ergibt "Exodus" denn auch leidlich Sinn. Dann muss man nämlich nicht danach fragen, warum so sehr auf brachiale Kampfszenen, pompöse Stadt- und Wüstenpanoramen sowie opulente Ausstattung gesetzt wird, auf dass die sieben Plagen schließlich wie ein CGI-Gimmick unter vielen ausfallen: Im zeitgenössischen Action-Film müssen die Schauwerte halt von Anfang an aufgefahren werden, da ist für ein sorgfältig komponiertes erzählerisches Crescendo keine Zeit. Auch dass Moses' Zeit auf dem Berg Sinai, als Gott ihm die zehn Gebote verkündet, zum läppischen Epilog gerät, erscheint aus dieser Perspektive verzeihlich.

Wer sich auf imposante Wasserszenen freut, ist dennoch besser bei "Interstellar" und seinen extraterrestrischen Wellen aufgehoben, und wer Christian Bale gern sieht, der kann sich auf seinen Auftritt in Terrence Malicks "Knight of Cups" freuen, von dem soeben der Trailer veröffentlicht wurde.

Mit anderen Worten: Es gibt wirklich keinen einzigen Grund, sich "Exodus" anzuschauen.

Exodus: Götter und Könige

Originaltitel: Exodus: Gods and Kings

USA 2014

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Adam Cooper, Bill Collage, Jeffrey Caine, Steven Zaillain

Darsteller: Christian Bale, Joel Edgerton, Ben Mendelsohn, Ben Kingsley, Sigourney Weaver, Aaron Paul

Produktion: Scott Free Productions, Chernin Entertainment, Babieka et al.

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 150 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 25. Dezember 2014

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