Exorzismusdrama "Jenseits der Hügel" Zwei Frauen, 464 Sünden

Eine junge Frau stirbt an den Folgen eines Exorzismus - aber wer ist schuld? In dem Drama "Jenseits der Hügel" fächert Cristian Mungiu ein Panorama menschlicher und gesellschaftlicher Nöte auf. Ein Meisterwerk.

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Schon bei Sünde Nummer zwei kommt Alina nicht mehr mit dem Aufschreiben hinterher. Den Glauben an Gottes Hilfe und sein Mitleid verloren; gedacht, dass Gott sie vergessen habe und sie als Sünderin in die Hölle geschickt werden würde - all dessen hat sich die Ungläubige schuldig gemacht. Die Nonne, die aus dem Sündenkatalog vorliest, schlägt ihr vor, nur die Nummer der Sünde zu notieren und einen Strich dahinter zu setzen, falls sie die Sünde begangen habe. Fortan notiert Alina Nummer um Nummer und setzt Strich neben Strich, denn das Register umfasst ganze 464 Sünden, und die Nonne hat gerade genug Schwung, um Alina jede einzelne vorzulesen.

Es ist der einzige Anflug von so etwas wie Humor, den Autor und Regisseur Cristian Mungiu seinen Zuschauern in "Jenseits der Hügel" zugesteht. Über 150 Minuten hinweg erzählt er die wahre Geschichte einer jungen Frau nach, die 2005 in einem weit abgelegenen Kloster in Rumänien an den Folgen eines Exorzismus starb.

Was wie eine überschaubare Geschichte mit einem eindeutig benennbaren Schuldigen, nämlich der Kirche, klingt, wird in den Händen des meisterhaften Erzählers Mungiu zu viel, viel mehr. Obwohl der Film das Kloster bis kurz vor Schluss nur dreimal verlässt, gelingt es Mungiu, von der kärglichen Häuseransammlung aus verblüffende Perspektiven auf eine Gesellschaft freizuschlagen, die den Mächten der sozialistischen Vergangenheit und der kapitalistischen Gegenwart scheinbar nichts entgegenzusetzen vermag.

Ohne Freunde, ohne Besitz

Als Kinder lernten sich Alina (Cristina Flutur) und Voichita (Cosmina Stratan) einst im Waisenheim kennen, einer dieser furchtbaren Hinterlassenschaften des Ceausescu-Regimes. Das glaubte, durch das Verbot von Verhütungsmitteln und Abtreibungen das Bevölkerungswachstum steuern zu können, sorgte aber so nur für eine Heerschar von Kindern, die von ihren Eltern nicht gewollt waren. Alina und Voichita werden zu engsten Vertrauten, auch körperlich kommen sie sich nah. Doch ökonomische Zwänge bringen sie auseinander. Ohne Perspektive, als Ungelernte in ihrem Heimatland von Lohnarbeit leben zu können, geht Alina für einige Jahre nach Deutschland und arbeitet dort als Kellnerin und Dienstmädchen.

Nach Rumänien kehrt sie nur zurück, um Voichita nachzuholen. Doch die hat ihre eigene Antwort auf die Armut gefunden: Statt gegen sie anzukämpfen, hat sie sie in der bewussten Entscheidung für die Askese des Nonnenlebens für sich umgedeutet und angenommen. Nach Deutschland möchte sie, obwohl einst anders abgemacht, nicht mehr gehen. "Wenn man Gott gefunden hat, braucht man weder Freunde noch Besitz", verkündet sie stolz. Genau diese Sicherheit widerlegt die Geschichte jedoch aufs Grausamste. Wenn am Ende ihre Freundin verdurstet und verhungert auf einem behelfsmäßig zusammengeschusterten Holzkreuz festgebunden ist, dann wird Voichita so einsam sein, wie man es auf dieser Welt nur sein kann. Und ein Pullover von Alina wird das einzige sein, was ihr noch Trost spenden kann.

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"Jenseits der Hügel": Der stille Horror
Ist die Kirche mit ihren mitleidlosen Ritualen nun schuld an Alinas Tod? Mungiu nimmt das Publikum mit auf eine vorurteilsfreie Ursachenforschung. Mit großer intellektueller Rigorosität legt er dabei offen, warum Alina und Voichita, aber auch die Nonnen womöglich gar nicht anders handeln konnten, als sie es schließlich taten. Verzweifelt über Voichitas Entscheidung, doch nicht mir ihr zu kommen, sucht Alina die Konfrontation mit den Nonnen und ihrem Pater, die schließlich durch das Verschulden aller brutal eskaliert.

Keine Ornamente

In Cannes wurde Mungiu 2012 für "Jenseits der Hügel" der Preis für das beste Drehbuch zugesprochen. Zu Recht, denn in der sorgsamen Auffächerung der Begebenheiten, die zu Alinas Tod führten, ist die analytische Wucht des Films begründet. Dafür braucht es auch jede der zunächst vielleicht überwältigend anmutenden 150 Filmminuten. Gleichzeitig wurden in Cannes auch die Hauptdarstellerinnen Flutur und Stratan für ihre Leistungen ausgezeichnet.

Das ist einerseits angemessen, denn die beiden Frauen, die in "Jenseits der Hügel" ihr Kinodebüt gaben, beeindrucken durch ihre unangestrengte Präzision. Andererseits ist es die große Stärke des Films, seine Protagonistinnen eben nicht als Solitäre darzustellen, sondern immer auch die Verstricktheit ihres Verhaltens in soziale Zusammenhänge aufzuzeigen. Noch stärker als in seinem erschütternden Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage", mit dem Mungiu 2007 in Cannes triumphierte und in dessen Mittelpunkt ebenfalls zwei Freundinnen stehen, zielt Mungiu auf die gesamtgesellschaftliche Verortung seiner Figuren ab und gewinnt damit ungleich mehr an politischer Relevanz, als es etwa Hans-Christian Schmid mit seinem Exorzismusdrama "Requiem" von 2006 vermochte.

Diesen Impuls nimmt auch Kameramann Oleg Mutu auf, der den Blick der Zuschauer deutlich weniger lenkt, als er es etwa bei der spektakulären Plansequenz einer Familienfeier in "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" getan hat. Überaus zurückhaltend fängt er das Leben im Kloster ein, den visuell eindrücklichsten Effekt setzt allein der Schnee, der sich im Verlauf des Films über die Landschaft legt und das Schwarz der Nonnenkluft grell kontrastiert.

"Jenseits der Hügel" wirkt deshalb zunächst spröder und weniger kunstfertig, doch in der Hinterfragung seiner filmischen Stilmittel und ihrer Anpassung an die Geschichte erweist sich Mungiu als Meister seines Stoffs. "Jenseits der Hügel" ist eine intellektuelle Anstrengung, die kein Ornament kennt und sich genau deshalb bedingungslos lohnt. Ganz kurz vor Schluss schaut Voichita plötzlich mit schreckenstarren Augen in die Kamera. Mit dem Wissen um ihre Geschichte kann mal als Zuschauerin nicht anders, als mit ebenso großem Schrecken zurück zu starren.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
jan.lolling 13.11.2013
1. Eine ganz simple Ursache.... Religion+mangelde Bildung
Schuld an dem Unglück ist auf jeden Fall fehlende Bildung gepaart mit Religiosität. Eine wie auch immer geartete Ideologie die nicht hinterfragt werden darf und Bildung grundsätzlich als Weg in die Hölle verteufelt muss ganz zwangsläufig zu solchen oder anderen Katastrophen führen. Will man die Armut besiegen geht das nur über mehr Bildung und weniger Religion, wobei mehr Bildung automatisch zu weniger Religiosität führt.
atech 13.11.2013
2. Exorzismus-Seminare
Zitat von jan.lollingSchuld an dem Unglück ist auf jeden Fall fehlende Bildung gepaart mit Religiosität. Eine wie auch immer geartete Ideologie die nicht hinterfragt werden darf und Bildung grundsätzlich als Weg in die Hölle verteufelt muss ganz zwangsläufig zu solchen oder anderen Katastrophen führen. Will man die Armut besiegen geht das nur über mehr Bildung und weniger Religion, wobei mehr Bildung automatisch zu weniger Religiosität führt.
so lange an der „Regina Apostolorum“ immer noch Exorzismus-Seminare für angehende Priester und Theologen angeboten werden: Gruselstudiengang: Exorzismus studieren VON RICHARD KEHL auf UNI.DE (http://uni.de/redaktion/exorzismus-studieren) so lange ein Papst immer noch von "dem Bösen" und "Satan" reden kann als ob Schwerverbrecher nicht böse Menschen wären, die für ihr Handeln voll selbst verantwortlich sind, sondern als ob sie von einem bösen Geist besessen wären, den man "austreiben könnte, hat das nichts mit "fehlender Bildung" zu tun. Denn an "Bildung" mangelt es diesen Männern nicht. Schuld ist ein bedingungsloser Glaube an tausende Jahre alte Schriften, in denen nun einmal geschrieben steht, dass ein gewisser Jesus "böse Geister" ausgetrieben haben soll. Weil es die damals lebenden Menschen eben nicht besser wussten. Und meinten, dass Epilepsie, Geisteskrankheiten oder überhaupt Krankheiten von bösen Geistern verursacht würden. Die man austreiben könnte. Erst wenn der moderne Staat solche Praktiken als schädlichen Aberglauben verbietet und es nicht mehr erlaubt, dass kinderschändende Priester der Justiz entzogen werden, wenn er Frauen- und Homosexuellenhass predigende Priester zu Gefängnisstrafen verurteilt und den Staatsvertrag mit der katholischen Kirche aufkündigt, damit die RKK ihre Angestellten wie Menschen mit Menschen- und Bürgerrechten behandeln muss, dann werden solche Umtriebe zumindest in Deutschland nicht mehr möglich sein. Solange die Repräsentanten des deutschen Staates aber der Kirche freie Hand lassen, geht das Geschäft mit der "Sünde" und dem institutionell geförderten Aberglauben weiter: Exorzist: Der Teufel ist heute aktiver denn je (http://www.kath.net/news/42369)
t-tiger89 13.11.2013
3.
"Das (Regim) glaubte, durch das Verbot von Verhütungsmitteln und Abtreibungen das Bevölkerungswachstum steuern zu können, sorgte aber so nur für eine Heerschar von Kindern, die von ihren Eltern nicht gewollt waren." Was soll denn bitte dieser zusammenhangslose Satz in dem Artikel? Hauptsache immer mal wieder unterschwellig erwähnen, dass jede Frau das "Recht" auf Abtreibung hat.. *Hust.. Und ungewollte Kinder sind ja sowieso besser dran, wenn man sie einfach tötet. Damit habe ich das Problem nämlich an der Wurzel gepackt.
t-tiger89 13.11.2013
4. ...
"Das (Regim) glaubte, durch das Verbot von Verhütungsmitteln und Abtreibungen das Bevölkerungswachstum steuern zu können, sorgte aber so nur für eine Heerschar von Kindern, die von ihren Eltern nicht gewollt waren." Was soll denn bitte dieser zusammenhangslose Satz in dem Artikel? Hauptsache immer mal wieder unterschwellig erwähnen, dass jede Frau das "Recht" auf Abtreibung hat.. *Hust.. Und ungewollte Kinder sind ja sowieso besser dran, wenn man sie einfach tötet. Damit habe ich das Problem nämlich an der Wurzel gepackt.
StFreitag 13.11.2013
5. Was hat der
Papst mit der rumänisch-orthodoxen Kirche zu tun? Oder gehts hier um ein katholisches Kloster?
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