Experimental-Doku "Interior. Leather Bar." Ach Gott, ist das mutig

Mit "Interior. Leather Bar." dokumentieren Hollywood-Star James Franco und Regisseur Travis Mathews ihren gescheiterten Versuch, die 40 verschollenen Minuten aus dem Lederschwulen-Klassiker "Cruising" zu rekonstruieren. Und scheitern dabei.

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Pro-Fun Media

Eine Zeitlang, es ist noch gar nicht lange her, sah es einmal so aus, als gäbe es keinen cooleren Hollywood-Star als James Franco. Berühmt und reich geworden vor allem durch seine Mitwirkung in den ersten drei "Spider-Man"-Filmen, fing er an, außerhalb des Mainstreams nach Erfüllung und Anerkennung zu suchen. Er ging wieder an die Uni und studierte Film. Er moderierte die Oscar-Verleihung so apathisch, als interessierte ihn auf der Welt nichts weniger als die Oscar-Verleihung. Er veröffentlichte eine Kurzgeschichtensammlung. Er drehte als offen heterosexueller Mann schwule Kurzfilme. Er nahm eine Gastrolle in einer TV-Seifenoper an und erklärte es zu Performance-Kunst. Galerien in New York, Berlin und London stellten seine Multimedia-Installationen aus.

Es gab natürlich auch einige, die das alles eher nervig als cool fanden, aber immerhin setzte hier einer im Zeichen künstlerischer Selbstverwirklichung seine Karriere aufs Spiel. Dafür: Respekt. Und manche seiner Ideen waren wirklich spektakulär. Zum Beispiel sich mit dem derzeit angesagtesten schwulen Underground-Regisseur pornografischer Kunstdokumentarfilme zusammenzutun, um zu versuchen, die verschollenen, angeblich wegzensierten 40 Minuten aus William Friedkins legendärem Skandalfilm "Cruising" zu rekonstruieren. Muss man erst mal drauf kommen.

Für den avantgardistischen Kick

Irgendetwas scheint bei dem Projekt aber massiv schiefgelaufen zu sein. Denn nur einige wenige der insgesamt 60 außergewöhnlich endlosen Minuten in "Interior. Leather Bar." von Franco und seinem Co-Regisseur Travis Mathews, versuchen sich vorzustellen, was Friedkin und sein Hauptdarsteller Al Pacino damals nicht zeigen durften: eine halbherzige Orgie. Männer beim Oralsex. Ein bisschen Patschepatsche-SM. Nicht irrsinnig skandalös, aber bei weitem noch das Interessanteste an diesem Film. Denn sonst wird die ganze Zeit geredet. Und das vor allem über ein Thema, das sich auf Dauer als bestürzend unergiebig erweist: James Franco.

Denn statt wirklich "Crusing" zu rekonstruieren, in dem Al Pacino 1980 als Undercover-Cop in der Lederschwulen-Szene einen Serienkiller suchte, haben Franco und Mathews eine Art Dokumentarfilm darüber gedreht, wie es ist, in einem James-Franco-Kunstfilm mitzuwirken. Die nicht gerade mühevoll zusammengecasteten, meist heterosexuellen Darsteller werden nicht müde zu erzählen, dass sie nur in einem schwulen Experimentalkunst-Porno mitspielen, weil es ein James-Franco-Projekt sei. Wobei sie dann nie wirklich spielen, sondern immer nur darüber quatschen.

Manchmal schleicht Franco selbst durchs Bild und beschwert sich darüber, dass man in Hollywood keinen Sex zeigen dürfe, aber immer Gewalt. Alle nicken. Dann macht sich Hauptdarsteller Val Lauren Gedanken darüber, ob so ein bahnbrechendes Filmprojekt womöglich seine Karriere ruiniere, und lässt sich von seiner Frau am Telefon bestätigen, dass er total mutig sei.

Um den avantgardistischen Kick zu erhöhen, ist meist nicht klar, was in "Interior. Leather Bar." gerade echter Dokumentarfilm ist und was doch einem Drehbuch folgt. Ist - auch egal. Erkenntnis lässt sich hier in beiden Fällen nicht gewinnen. Unterhaltung noch weniger.

Gar nicht cool.


Interior. Leather Bar. Start: 17.10. Regie: Travis Mathews, James Franco. Mit Val Lauren, Christian Patrick.
Die Lesbisch-Schwulen Filmtage in Hamburg zeigen den Film am Freitag, 18.10. zusammen mit "Cruising". Bis zum 20.10. sind dort auch noch deutlich spannendere Filme zu sehen.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
arrifutz 17.10.2013
1. vielleicht doch gelungen
als Parabel über die allgegenwärtige Zensur in Hollywood. Wie wohl im Film erwähnt wird: Gewalt darf gezeigt werden, Sex nicht. Das ist doch widersinnig.
frubi 17.10.2013
2.
Zitat von sysopPro-Fun MediaMit "Interior. Leather Bar." dokumentieren Hollywood-Star James Franco und Regisseur Travis Mathews ihren gescheiterten Versuch, die 40 verschollenen Minuten aus dem Lederschwulen-Klassiker "Cruising" zu rekonstruieren. Und scheitern dabei. http://www.spiegel.de/kultur/kino/experimental-doku-interior-leather-bar-von-james-franco-a-928204.html
Franco macht einfach und deswegen mag ich ihn. Er ist Vielschichtig und kreativ. Leute die Scheitern, haben wenigstens etwas gewagt und etwas versucht.
gekreuzigt 17.10.2013
3. Ein gescheiterter Versuch,
über etwas zu schreiben, das man nicht versteht. Gar nicht cool.
bücherwurm73 17.10.2013
4. Sehr guter Artikel!
Nur eine Sache zur Oscarverleihung: Bitte Apathie nicht mit Talentlosigkeit verwechseln. Ansonsten herzlichen Glückwunsch zum Artikel!
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