"Extrem laut und unglaublich nah": 9/11 auf die kindische Tour

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Die Anschläge aufs World Trade Center als Blockbuster-Bombast: Zwei Superstars, viel Gefühl und ein Heer an Nebendarstellern fährt der Oscar-Kandidat "Extrem laut und unglaublich nah" auf - und überzeugt doch höchstens, wenn er mal ganz still von Schmerz und Verlust erzählt.

Warner Bros.

472 Menschen mit dem Nachnamen Black leben in New York City. Sie alle will der elfjährige Oskar besuchen, um herauszufinden, ob sie ein Schloss haben, das zu seinem zufällig gefundenen Schlüssel passt.

Was das mit den Anschlägen vom 11. September 2001 zu tun hat, erschließt sich auch nach 129 Filmminuten nicht. Die hochkarätige Besetzung - Tom Hanks und Sandra Bullock spielen Oskars Eltern, Viola Davis und Max von Sydow glänzen in den Nebenrollen - tut zwar alles, um von diesem Grundproblem abzulenken. Fahrlässige Unglaubwürdigkeit hat aber schon weniger ambitionierte Projekte zu Fall gebracht. Einem Film, der sich dem prägenden politischen Ereignis eines ganzen Jahrzehnts annimmt, bricht sie vollständig das Genick.

Dass "Extrem laut und unglaublich nah" so viel Missmut erzeugt, liegt aber nicht an Regisseur Stephen Daldry ("Der Vorleser") oder Drehbuchautor Eric Roth ("Forrest Gump") - zumindest nicht in allererster Linie. Die Schwächen des Films sind fast ausnahmslos in der Buchvorlage von Jonathan Safran Foer angelegt.

Für sein Debüt "Alles ist erleuchtet" weltweit gefeiert, brachte der New Yorker Safran Foer mit "Extremely Loud and Incredibly Close" 2005 seinen zweiten Roman heraus. Darin erzählte er die Geschichte von Oskar Schell, der am 11. September 2001 den Vater verliert, aber nicht von der Erinnerung an ihn loslassen kann. Als er in den Hinterlassenschaften seines Vaters einen Schlüssel findet, auf dessen Umschlag das Wort Black steht, ist Oskar sofort davon überzeugt, dass sich sein Vater eine letzte Schnitzeljagd für ihn ausgedacht hat. Er muss nur den richtigen Menschen namens Black auftun, dann findet er auch, was ihm sein Vater hinterlassen wollte.

Eine Heimat für alle Wunderlichen

Die Reise zu allen Blacks von New York City lässt Oskar die unterschiedlichsten Menschen treffen. Längst nicht alle dieser stets schicksalsträchtigen Begegnungen haben den Weg in den Film gefunden - die surreal-verspieltesten haben Daldry und Roth sogar dankenswerterweise ausgelassen.

Überhaupt haben sie noch weiter in Safran Foers überladenem Roman ausgemistet, der Versuchung widerstanden, typografische Spielereien in filmische zu übersetzen und Querverweise, etwa auf die Atombombe von Hiroshima, gestrichen. An der Künstlichkeit der Hauptfigur Oskar haben sie aber nicht gerührt, im Gegenteil - sie kommt im Film sogar schlechter weg als im Buch.

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9/11-Drama "Extrem laut und unglaublich nah": Kind und Kitsch

"Ich wurde auf das Asperger-Syndrom getestet, aber die Ergebnisse waren nicht eindeutig", erzählt Oskar dem Portier seines Apartmenthauses. Ob der Junge tatsächlich eine Form von Autismus hat, ist im Buch unerheblich. Oskar zeigt zwar typische Merkmale wie Probleme in der sozialen Interaktion oder fanatische Spezialinteressen. In Safran Foers magischem Stadtkosmos New York ist er aber nur eine von vielen wunderlichen Figuren, die in der Stadt ihre Heimat gefunden haben. Wie so viele künstlerische Auseinandersetzungen mit 9/11 ist denn auch "Extrem laut" zu allererst eine Verneigung vor den Toten - und den Überlebenden.

Günther Grass trifft Sandra Bullock

Im Film dagegen hebt sich Oskars Verschrobenheit störend ab, schließlich hat er mit Sandra Bullock und Tom Hanks die cleansten aller Superstars an die Seite gestellt bekommen. Wie die Filmemacher darauf gekommen sind, Safran Foers Variation auf Günther Grass' Oskar Matzerath mit zwei US-Darlings zu kombinieren, lässt sich nur mit dem Blockbuster-Potential der großen Namen erklären. Als glückliche Familie wirken die drei jedenfalls absurd.

Dennoch gibt es inmitten des Bombasts durchaus Szenen, die berühren. Bezeichnenderweise sind dies die reduziertesten, die einfach das Familienleben nach den Anschlägen zeigen. Einmal versucht Oskar verzweifelt, seiner Mutter eine Erklärung für den Tod des Vaters abzuringen. Kurz setzt sie an, dann bricht sich die Wut bei ihr Bahn - Wut über den unsinnigen Verlust, aber auch Wut über den Sohn, der so dumm ist, auf einer Erklärung für das Unerklärliche zu bestehen.

In solchen Momenten läuft der elfjährige Hauptdarsteller Thomas Horn als Oskar zu Hochform auf. Dann darf er schreien und wüten und toben - und dann scheint auch durch, warum es sinnvoll sein kann, eine Geschichte über 9/11 aus der Perspektive eines Kindes zu erzählen. Allein die politische Einordnung der Anschläge könnte noch etwas Ähnliches wie eine Erklärung bieten. Für ein Kind ist aber auch Politik nicht relevant. Es muss mit dem Nichts klarkommen.

Keine Analyse, keine Lektion, keine Erklärung - das ist ein durchaus interessanter Ansatz, um sich 9/11 zu nähern. Warum es dazu des riesigen Umwegs über den Besuch von 472 Menschen namens Black bedarf, bleibt aber ein Rätsel. Nur die Oscar-Academy scheint es für sich gelöst zu haben: Sie hat "Extremely Loud and Incredibly Close" als Besten Film nominiert. An den US-Kinokassen ist der Film hingegen zu Recht gescheitert.

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1. Zu wenig flache Reflexionen
Suppenhahn 15.02.2012
Zitat von sysopWARNER BROS.Die Anschläge aufs World Trade Center als Blockbuster-Bombast: Zwei Superstars, viel Gefühl und ein Heer an Nebendarstellern fährt der Oscar-Kandidat "Extrem laut und unglaublich nah" - und überzeugt doch höchstens, wenn er mal ganz still von Schmerz und Verlust erzählt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,814553,00.html
Eigentlich fehlen uns zu 9/11 Reflexionen der kindischen Art, die ohne Analysen auskommen, aber auch ohne patriotischen Amoklauf und ohne die vorgeschriebene Meinung über die Geschehnisse dick, extra dick aufzutragen. Die Ära der Fassungslosigkeit sollte vorüber sein - Zeit, 9/11 als Teil der Geschichte und der Realität zu begreifen. Und da ist dieser Film sicherlich hilfreich, zeigt er doch, wie ein einzelner damit fertig wird. Leider war der Rezensent allerdings irgendwie unzufrieden, weil er mit seiner festgenagelten Erwartungshaltung keine Berücksichtigung gefunden hat. Und irgendwie gingen ihm ja dann auch noch die Worte aus. Ein sicherlich gutes Zeichen für die Qualität des Films.
2. Aber gemeinsam sind wir stark
Duzend 15.02.2012
Zitat von sysopWARNER BROS.Die Anschläge aufs World Trade Center als Blockbuster-Bombast: Zwei Superstars, viel Gefühl und ein Heer an Nebendarstellern fährt der Oscar-Kandidat "Extrem laut und unglaublich nah" - und überzeugt doch höchstens, wenn er mal ganz still von Schmerz und Verlust erzählt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,814553,00.html
Dieser Artikel ist eine eindrückliche Demonstration der Stärke. Die Nachwelt der Terroranschläge vom 11. September 2001 hätte schon das schlechte Buch nicht gebraucht und wahrscheinlich den noch schlechteren Film zum schlechten Buch noch weniger. Und am allerwenigsten eine schlechte Besprechung des schlechten Films zum schlechten Buch. Aber halt: Der Film ist für den Osacar nominiert, seine Schauspieler haben schon mehrere davon in der Tasche, der Regisseur geht für gewöhnlich auch nie leer aus. Und der Artikel ist auch nicht schlecht geschrieben. Was wird gesagt? Es wird gesagt, dass wenn alles andere noch so nervtötend und lästig sei, man es getrost vergessen, aber immerhin noch diese Botschaft mit nach Hause nehmen kann: In den Trümmern der WTC-Türme kleine Metallstücke mit einem starken Verweisungscharakter zu finden und nach den Dingen zu suchen, auf die sie verweisen, ist etwas für Leute mit Asperger-Syndrom. Nur kindische Kinder wollen für alles eine Erklärung und tun sich enorm schwer damit, mit der schlechthinigen Unerklärbarkeit gewisseer Ereignisse und Wendungen in ihrem Leben fertig zu werden. Ganz im Gegensatz zu den wirklich Erwachsenen, die gelernt haben, dass menschliches Leben immer auch eine politische Dimension hat und man so die Dinge, wenn auch nicht naturwissenschaftlich oder forensisch, so doch wenigstens politisch erklären und akzeptieren kann. Die zum Autismus neigenden amerikanischen Grübler finden dann ihre besten Seelenverwandten im netten Onkel mit "German Accent". Aber Hannah Pilarczyk hat schon recht: Die Nicht-Aufklärung, das Einfach-auf-sich-beruhen-Lassen, die Nicht-Begründung und das alles, das hätte man sogar noch viel billiger haben können. Und diese ökonomische Route hatte ja im unmittelbaren Nachgang zu den Anschlägen auch die Mehrheit der Politiker vorgeschlagen. Aber es waren, wie im Film auch, ein paar lästige, nicht mundtot zu bekommende Hinterbliebene, die durchsetzten, dass die gefundenen Couverts mit den Schlüsseln wenigstens öffentlich vorgelesen und geöffnet wurden. Nach heutigem Stand hat man die Schlüssel an etwa einem Drittel der Türen schon ausprobiert und noch nichts Entscheidendes gefunden. Das hängt vor allem damit zusammen, dass viele Türen der Adressen mit den meisten Übereinstimmungen von Amtes wegen verschlossen bleiben, beziehungsweise schon das Betreten der Vorgärten verboten wurde. Da kommt so ein Film doch gerade recht. So wie dieses Dreigespann aus Buch, Film und Medienaufmerksamkeit für den Film müssen wir uns die "Kopfnüsse" eines Cass Sunstein vorstellen, damit wir alle in die gewünschte Richtung blicken. Sie tun kein bisschen weh, wenn man nicht zulange nachdenkt.
3. war ich in einem anderen Film?
mwen002 15.02.2012
Zitat von SuppenhahnEigentlich fehlen uns zu 9/11 Reflexionen der kindischen Art, die ohne Analysen auskommen, aber auch ohne patriotischen Amoklauf und ohne die vorgeschriebene Meinung über die Geschehnisse dick, extra dick aufzutragen. Die Ära der Fassungslosigkeit sollte vorüber sein - Zeit, 9/11 als Teil der Geschichte und der Realität zu begreifen. Und da ist dieser Film sicherlich hilfreich, zeigt er doch, wie ein einzelner damit fertig wird. Leider war der Rezensent allerdings irgendwie unzufrieden, weil er mit seiner festgenagelten Erwartungshaltung keine Berücksichtigung gefunden hat. Und irgendwie gingen ihm ja dann auch noch die Worte aus. Ein sicherlich gutes Zeichen für die Qualität des Films.
Ich kann mich dem nur anschliessen! Ich habe einen fantastischen, gefühlvollen, exzellent inszenierten Film gesehen. Ein Film der berührt und mit den wunderbaren Augen eines jungen Hauptdarstellers versucht mit dem Unfassbaren umzugehen. Und auch die Besetzung mit Tom Hanks, als grandiosen, liebevollen Vater, und Sandra Bullock, als unglaublich schlaue Mutter, ist perfekt. Ich glaube jede Sekunde das es diese Familie gibt. Der Film ist ein amerikanischer und gehorcht deswegen auch anderen Gesetzen, aber das dies die Seele eines durch und durch deutschen Kritikers überfordert, ist nicht das Problem des Films. Zu Recht die Oscar Nominierung, nur leider nicht für die exzellente Arbeit von Regisseur Stephen Daldry!
4. Einen Film...
Tary 15.02.2012
...bzw. ein Buch, welches 9/11 nur als "Nebenhandlung" bzw. Anlass für seine Geschichte nimmt dafür zu kritisieren, dass es genau das tut, halte ich für ziemlich daneben. Das impliziert ja, dass Geschichten über den 11. September nur existieren dürfen, wenn sie sich hauptsächlich mit genau diesem Ereignis auseinandersetzen und alles andere außen vor gelassen wird. Genau das wäre doch aber die langweiligste aller Aufarbeitungen und würde von jedem Film-/Buchkritiker heftigst kritisiert werden.
5. Nun ja...
järven 15.02.2012
Zitat von mwen002Ich kann mich dem nur anschliessen! Ich habe einen fantastischen, gefühlvollen, exzellent inszenierten Film gesehen. Ein Film der berührt und mit den wunderbaren Augen eines jungen Hauptdarstellers versucht mit dem Unfassbaren umzugehen. Und auch die Besetzung mit Tom Hanks, als grandiosen, liebevollen Vater, und Sandra Bullock, als unglaublich schlaue Mutter, ist perfekt. Ich glaube jede Sekunde das es diese Familie gibt. Der Film ist ein amerikanischer und gehorcht deswegen auch anderen Gesetzen, aber das dies die Seele eines durch und durch deutschen Kritikers überfordert, ist nicht das Problem des Films. Zu Recht die Oscar Nominierung, nur leider nicht für die exzellente Arbeit von Regisseur Stephen Daldry!
Vielleicht ist es ein Fehler wenn Politikwissenschaftlerinnen gefühlvolle Filme mit politischem "Hintergrund" kritisieren. Da bleibt möglicherweise das wesentliche des Films auf der Strecke. Ich will sagen- da war ich auch in einem anderen Film wie es scheint. ;-)
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