Extremsport-Drama "127 Hours" Das tapfere Abschneiderlein

Sterben oder sich selbst verstümmeln? Regisseur Danny Boyle hat mit "127 Hours" die wahre Geschichte eines Mannes verfilmt, der sich mit einem Taschenmesser seinen eigenen Arm abtrennen muss, um zu überleben - ein grandioses Drama über die Macht des menschlichen Willens.

20th Century Fox

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Die meisten von uns kriegen schon beim Blutabnehmen Schweißausbrüche, wenn die nette Schwester mit der klitzekleinen Spritze einmal pieks macht. Stellen Sie sich jetzt mal vor, Sie müssten sich selbst stechen, nur mit dieser dünnen Nadel. Genau: autsch. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie müssten das mit einem Messer tun. Ausgeschlossen! Apropos Messer: Wie wäre es, wenn Sie sich mit diesem Messer einen Finger abschneiden würden? Undenkbar, richtig. Und zu guter Letzt stellen Sie sich vor, dieses Messer ist nicht frisch geschärft, sondern stumpf wie ein billiges Standard-Taschenmesser aus dem Supermarkt. Und damit sollen Sie sich nun den rechten Unterarm abschneiden. Sie möchten lieber sterben?

Dann haben Sie jetzt eine vage Vorstellung davon, welche Qualen der junge US-Ingenieur Aron Ralston im Jahr 2003 durchleben musste, als er in einer einsam gelegenen Felsspalte in einem Canyon im US-Bundesstaat Utah plötzlich feststeckte, eingeklemmt mit dem rechten Handgelenk zwischen einer Felswand und einem massiven Felsbrocken, der herabgestürzt war, als Ralston in der engen Schlucht herumkletterte. Fünf Tage hielt Ralston durch, bis er sich entschloss, das Undenkbare zu tun, weil er beschlossen hatte, an seinem Leben mehr zu hängen als an seinem Arm.

Der britische Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting") hat diese unglaubliche, aber wahre Geschichte, die Ralston in seinem Bestseller "Between a Rock and a Hard Place" mit viel Lakonie beschreibt, in ein so schockierendes wie faszinierendes Kinodrama übersetzt, das diese Woche in Deutschland anläuft und für insgesamt sechs Oscars nominiert ist, unter anderem als bester Film.

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"127 Hours": Ultimativer Kick, Amputation inklusive
Boyle, der hier nach seinem bunten Erfolgsfilm "Slumdog Millionaire" auf jegliche Opulenz verzichtet, stand vor keiner leichten Aufgabe: Wie hält man die Spannung in einer Story aufrecht, deren schaurig-blutiges Ende jeder kennt? Was kann man erzählen außer der sehr reduzierten, linearen Geschichte eines Mannes, eines existenziellen Dilemmas und dessen schockierender Lösung? Wie schafft man Sympathie für einen Mann, der so gedankenlos war, sich auf einen gefährlichen Klettertrip in eine gottverlassene Gegend zu begeben, ohne jemandem zu sagen, wo er ist und was er vorhat? Ohne Handy, ohne ausreichende Wasser- und Nahrungsvorräte - und mit einem nahezu unbrauchbaren Klappmesser als einzigem Werkzeug.

Auf der Suche nach dem ultimativen Outdoor-Kick

Dass "127 Hours" dem Zuschauer trotz dieser dramaturgisch schwierigen Voraussetzungen buchstäblich unter die Haut geht, liegt vor allem an Hauptdarsteller James Franco. Der US-Schauspieler, bisher vor allem durch seine Rolle als Harry Osborn in den drei "Spider-Man"-Filmen von Sam Raimi bekannt, erhielt mit der Rolle als Aron Ralston die bisher größte Chance seiner Karriere: Er ist in jeder einzelnen Szene zu sehen, von seinem Spiel hängt die Glaubwürdigkeit, die Dramatik des gesamten Films ab.

Und Franco meistert diese Herausforderung mit Bravour und wurde dafür ebenfalls mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Sein Aron Ralston wird eingeführt als ein Mann, der die Begegnung mit der Wildnis sucht, der schlicht nicht darüber nachdenkt, sich bei Verwandten oder Bekannten abzusichern, weil er sich wie ein kleines Kind darüber freut, ein Wochenende lang dem Alltagstrott zu entrinnen, mit dem Mountainbike wie ein Irrer durch zerklüftete Landschaften zu heizen, zu stürzen, weiterzutollen, auf der Suche nach dem ultimativen Outdoor-Kick.

Franco stellt diesen Super-Hedonisten als ein wenig durchgeknallt, aber grundsympathisch dar. Als er zwei verirrte Teenager trifft, nimmt er die Mädchen unter seine Fittiche, zeigt ihnen eine Canyon-Spalte, aus der heraus man in einen unterirdischen See springen kann, quasi das Nirvana eines jeden Kletter-Extremisten. Ralston kennt sich aus in diesem unwirtlichen Gelände, er scheint einen Pakt geschlossen zu haben: So lange er die Erhabenheit der Natur akzeptiert und sie hinreichend durch seine draufgängerische Energie würdigt, lässt sie ihn aufs Halsbrecherischste herumspringen.

Doch die Natur erweist sich als grausame und unberechenbare Schönheit. Der Gesichtsausdruck auf Francos Gesicht, jener Übergang vom amüsierten "Was-soll-mir-schon-passieren?" zum Entsetzen der Erkenntnis, dass sein Arm sich auch mit größter Anstrengung nicht mehr befreien lässt, ist eine der stärksten Szenen des Films. Statt über die Gesetze der Natur muss Ralston nun über sich selbst, seinen eigenen Körper triumphieren.

Willkommen in der Felsspalte!

Es wäre leicht, "127 Hours" als Horrorschocker mit genretypisch konservativer Botschaft abzutun: Wer sich zu sehr auf sich selbst verlässt und sich von der Gemeinschaft isoliert, also die traditionellen Familienwerte ignoriert, der gerät in die Klemme und stirbt einsam. Tatsächlich sind es Traumbilder von einer niedlichen Kleinfamilie, die der notorische Einzelgänger Ralston mit sich und einer längst verflossenen Ex-Gefährtin halluziniert, die ihm, schon halbverhungert und dehydriert, letztlich die Kraft für den Selbstverstümmelungsakt liefern.

Doch die recht banale, glücklicherweise aber nicht von religiöser Symbolik überfrachtete Botschaft wird wettgemacht durch die virtuose Inszenierung des Geschehens durch Boyles mehrfach preisgekröntes Kamerateam Anthony Dod Mantle und Enrique Chediak sowie den rasanten Schnitt des ebenfalls für einen Oscar nominierten Cutters Jon Harris. Sie schaffen einen krassen, sehr effektvollen Gegensatz zwischen den teils poetischen, teils dynamischen Landschaftsaufnahmen zu Beginn und der klaustrophobischen, mit Handkamera gefilmten Enge der Felsspalte, in der sich mehr als zwei Drittel des Films abspielen.

Und natürlich ist es wiederum James Franco, der die vergeblichen Versuche Ralstons, sich zu befreien, mit einer schönen Balance aus Hysterie und Selbstironie darstellt. Hinreißend die Szene, in der sich Ralston, dem Wahnsinn nah, mit seiner Videokamera selbst als Gast einer imaginierten TV-Frühstücksshow interviewt: Nonchalant gibt er den Survival-Experten, bis die obligatorische Frage kommt, ob er denn jemandem Bescheid gesagt hätte, wo er zu finden sei. Ralston: "Oops!" Erschütternd ist es wiederum, wenn er allen Ekel überwindet und aus Wassermangel seinen eigenen Urin trinkt oder zwecks Schmerztest mit dem Messer in seinen schon halb abgestorbenen Arm sticht.

Das alles gipfelt in einer der extremsten Szenen, die in jüngster Zeit im Kino zu sehen waren - viel eindringlicher als alle Massaker und Verstümmelungen, die Horrorpornos wie "Saw" zu bieten haben. Denn das Bewusstsein, dass das, was gezeigt wird, in der Realität passiert ist, lässt den Abstrahierungseffekt, der beim Anschauen eines Splatterfilms einsetzt, nicht zu: Wenn Ralston sich zunächst beide Unterarmknochen bricht und sich dann daran macht, mit mühseligen Sägebewegungen durch sein eigenes Gewebe zu schneiden, bis er schließlich, begleitet von irrsinnig machenden Soundeffekten, auf den Nerv trifft, der diese unfassbaren Schmerzen an das Gehirn meldet, dann gibt es kein comic relief mehr, dann liegen auch die Nerven des Publikums blank. Und wenn man sich dann in seinem Polstersessel zusammenkrümmt und nicht mehr hinsehen kann, weil man mit der aufwallenden Übelkeit ringt, dann ist man mit Aron Ralston da unten in dieser kalten Felsspalte - und kann die übermenschliche Willensanstrengung dieses Mannes zumindest ansatzweise nachvollziehen.

Der alte Spruch "Ich würde meinen rechten Arm geben, um hier rauszukommen" geht Ihnen danach nicht mehr so leicht über die Lippen, garantiert.



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
mrorange55 18.02.2011
1. Danke für die spoilende Überschrift!
Unglaublich wie SPON es schafft, allein in der Überschrift bereits den ganzen Film zu "spoilen". Bitte das nächste Mal ein wenig die Sensibilitäten von Filmfans in Acht nehmen. MFG
Parwes 18.02.2011
2. unglaublich ....
Zitat von mrorange55Unglaublich wie SPON es schafft, allein in der Überschrift bereits den ganzen Film zu "spoilen". Bitte das nächste Mal ein wenig die Sensibilitäten von Filmfans in Acht nehmen. MFG
Oh ja, ich lese die Kritiken schon lange nicht mehr. Und jetzt auch noch auf der Hauptseite. Das ist wirklich sehr ärgerlich! Weiter so und ich verbanne SPON aus meiner "Top Sites" Übersicht, ich bin gerade richtig sauer! Bevor man sowas schreibt, kann man erwarten, dass man das Ding zwischen den Ohren ab und zu mal nutzt, aber scheint ja sehr schwer zu sein bei SPON!
Predo 18.02.2011
3. naja-...
Zitat von mrorange55Unglaublich wie SPON es schafft, allein in der Überschrift bereits den ganzen Film zu "spoilen". Bitte das nächste Mal ein wenig die Sensibilitäten von Filmfans in Acht nehmen. MFG
...die Handlung beruht ja auf dem Buch des Bergsteigers. Und der läuft in Talkshows halt..ohne Arm rum. Und da es in dem Film um nichts anderes geht, ist es halt nicht soo brutales Spoilern. Es ist halt das einzige worums in dem Film geht.
GeorgAlexander 18.02.2011
4. Wieso spoiler?
Zitat von mrorange55Unglaublich wie SPON es schafft, allein in der Überschrift bereits den ganzen Film zu "spoilen". Bitte das nächste Mal ein wenig die Sensibilitäten von Filmfans in Acht nehmen. MFG
Die Geschichte ging vor ein paar Jahren durch die Medien und deren Ende ist vorallem deshalb gut bekannt, WEIL er überlebt hat. Ich denke, es kann trotzdem spannend sein, wenn es nicht der übliche US-B-movie-Schrott ist.
dfer 18.02.2011
5. asd
Auch ich bedanke mich herzlichst (NOT) dafür, dass im Titel bereits so schön verraten wurde,wie der Film ausgeht. Ich habe ansonsten nichts von dem Typen, dem Buch o.ä. mitbekommen und mich eigentlich auf den Film gefreut. Unglaublich sowas.
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