"Fack Ju Göhte 3" Der Maßstab in Sachen Pubertät

Dachgeschädigt, lernresistent, hormonübersteuert: Das gilt für die Schüler aus der "Fack Ju Göhte"-Reihe - und für die Filme selbst. Der letzte Teil beweist das nachdrücklich.


Gefühlt dauert das Ende wieder länger als der Rest. Nicht dass es sich hinzöge oder besonders ereignisarm wäre; es ist eher so, dass "Fack Ju Göhte 3", wie seine beiden Vorgängerfilme auch, am Ende noch so viel Energie übrig hat, dass er einfach früher damit anfängt, aufzuhören.

Aus demselben Grund gibt es auch in den Abspännen aller drei Filme immer noch etliche Filmschnipsel, Outtakes und Animationssequenzchen zu sehen - bis zum allerletzten Logo und zum allerletzten Tusch. Der Spaß ist nicht vorbei, solange man noch Reste mischen kann.

Das ist der Witz der Fack-Ju-Göhte-Reihe - dass sie sich gerade nicht ums Maß schert, sondern ausschließlich um Masse: Szenen-Masse, Sprüche-Masse, Pointen-Masse. Es geht in diesen Filmen nicht um Dramaturgie und Abläufe, nicht darum, dass sich die Geschichten über einen bierfrühstückenden Lehrer und seine bildungsfernen Schüler raffiniert ineinander verflechten, oder um das, was man im Drehbuch-Sprech gern Figurenentwicklung nennt.

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"Fack Ju Göhte 3": Die Unreifeprüfung

Chantal, Danger, Zeynep, Burat und die anderen "geplatzten Kondome" aus der 11ten kriegen zwar trotz ihrer Dachschäden, ihrer Lernresistenz, ihrer hormonellen Übersteuerungen und ihrer unheilbaren Schwäche, jedes 'er' als 'a' auszusprechen, zu guter Letzt immer die Kurve, schaffen ihre Prüfung, lernen was fürs Leben, sind dann aber doch am Anfang jedes Films wieder vollends dachgeschädigt, lernresistent und hormonübersteuert.

Aber zu glauben, dass es Zeki Müller (Elyas M'Barek), der an der Goethe Gesamtschule in München einst ziemlich versehentlich als Pädagoge eingestellt wurde, tatsächlich auch schafft, den chaotischen Terrorverein, den er als Klasse zu unterrichten hat, zu sozialisieren, wäre nicht nur naiv, es wäre auch langweilig.

Schon am ersten Schultag sternhagelvoll

Es gelingt nun nämlich auch "Fack Ju Göhte 3" wieder unglaublich gut, dass man sich umso stärker zu ihm hingezogen fühlt, oder sich wenigstens umso affirmativer zu ihm verhält, je dämlicher der Murks ist, den er präsentiert und je vulgärer der Spruch, den er serviert. Im Grunde gibt es ja nur zwei Optionen: Entweder man schlägt sich auf die Seite des Lehrers, wenn der einen Schüler (einen Grundschüler, wohlgemerkt) auf der Schultoilette mit den Worten "Lass mich pissen, du Zecke!" ankeift. Oder man kann gemeinsam mit einer hosenanzugtragenden Uschi Glas, alias Chemielehrerin Ingrid Leimbach-Knorr, die Nase rümpfen gehen.

Wie es einem ergeht, wenn man zu viel die Nase rümpft, hat niemand besser gezeigt als Karoline Herfurth, die eine großartige Nasenrümpferin ist und die mitsamt ihrer Rolle als spießige Masterplan-Didaktikerin Lisi Schnabelstedt schon im vorherigen Teil nach kurzem Schülerscherz-Prozess aus der Filmreihe flog. Ersetzt wurde sie nun durch Biggi Enzberger (Sandra Hüller), die sich das Pädagogisieren von Beginn an spart und schon am ersten Schultag sternhagelvoll in die Schule wankt.

Ist ja auch wurscht, schließlich ist bei den Schülern der 11B ohnehin Hopfen und Malz verloren. Im Berufsinformationszentrum wird ihnen nahegelegt, später möglichst verantwortungsarme Berufe anzunehmen, und das irgendwie auch zu Recht, denn dem ein oder anderen gelingt es noch nicht einmal, ein abörtliches Exponat im Museum von einer echten Toilette zu unterscheiden.


"Fack Ju Göhte 3"
Deutschland 2017
Buch und Regie: Bora Dagtekin
Darsteller: Elyas M'Barek, Jella Haase, Sandra Hüller, Katja Riemann, Max von der Groeben, Uschi Glas
Produktion: Constantin
Verleih: Constantin Film Verleih
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 120 Minuten
Start: 26. Oktober 2017


Aber wie es eben so ist: Man kann alles schaffen, solange man Träume hat - und die gilt es nun in "Fack Ju Göhte 3" zu verfolgen. Zum Beispiel würden alle ganz gern ihr Abi schaffen. Und wenn der Müller, immer inszeniert wie ein Bundesligaprofi in einer Deo-Werbung, nicht gerade voll auf Crack über den Pausenhof stolpert, tut der auch alles, was in seiner experimental-pädagogischen Macht steht, um seine Prüflinge verantwortungsvoll aufs Leben vorzubereiten.

Und apropos Leben: Es gibt auch dieses Mal wieder eine ganze Reihe suizidaler Mobbingopfer, um die sich gekümmert werden muss - und die vor allem ihr Fett wegkriegen.

Klar, die Fack-Ju-Göhte-Filme handeln nicht nur von einem pubertären Figurenpersonal, ihren Problemen und ihren Energien. Sie wollen auch konkret diese Energien anzapfen und selbst pubertär werden - pubertär nicht nur im Sinne des Chaotischen, Anarchischen, durchaus auch Sinne des Verunsicherten, des Protestierens und Suchens.

Video-Snacks für fade Chemiestunden

Auch Teil 3 hat wieder eine unglaublich kurze Aufmerksamkeitsspanne: Jede Szene steht für sich und stets ausnahmslos im Dienste der Pointe, auf die sie es abzielt; ob das der Bayern-München-Kader ist, der mal kurz durchs Bild hoppst, der selbstmörderische und von "I Believe I Can Fly" begleitete Zeitlupensprung des ohnehin schon namensgestraften Justin vom Schulhausdach oder der homophobe Schreck-Reflex gegen einen Bestseller von Max Frisch.

Es sind allesamt Szenen, die auch jenseits des Films als Instagram-Storys funktionieren könnten: Video-Snacks für fade Chemiestunden in der Sechsten. Die Scherze werden außerdem grenzentestender, unangemessener, derber - etwa wenn sich zwei elbisch-sprechende Emo-Sonderlinge im Caravan vergasen wollen, nur um nach ihrer Rettung als "Netflix-Opfer" blamiert zu werden. Und am Schluss hat sich der Film nach so viel halbwüchsiger Überspanntheit dann derart warmgelaufen, dass er nicht mehr aufhören kann.

Ganz so bündig wie die letzten beiden Teile - das muss man trotz etlicher Sprüche, die wunderbar daneben sind, zugeben - ist dieser nun nicht mehr. Irgendwie glaubt man aber auch "Fack Ju Göhte 3" wieder, dass er doch ziemlich genau weiß, was es bedeutet, heutzutage pubertär zu sein.

Im Video: Der Trailer zu "Fack Ju Göhte 3"

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
neuss66 25.10.2017
1.
Und? - Ist das auch wieder so ein Tabakwerbefilm wie die vorherigen zwei Folgen, bei denen man den Eindruck haben musste, die Tabakindustrie habe sie bezahlt?
hausfeen 25.10.2017
2. Effekthaschende Anbiederung ans zahlende Publikum.
Vorallem an die Pubertiere. Die phantasievolle aber inhaltsleere Interpretation von Jugendproblemen muss jeden Lehrer zur Verzweifelung treiben. Aber in ihrer Not nutzen sie gar diesen Film, um durch gemeinsame Betrachtung, gar im Unterricht, Verbrüderung mit ihren Peinigern in die Wege zu leiten. Am Ende kommt keiner gut weg. Lehrer, Eltern, Schüler. Schon gar nicht wird ein Verstehen eingeleitet. Im Gegenteil. Problembenennungen und Lösungsansätze werden mit Lachern weggefegt. Gesehen an Teil 1.
christian simons 25.10.2017
3.
Wie bitte? Nach nur drei Filmen ist schon Schluss? Schwaches Bild. Die kongeniale „Lümmel von der ersten Bank“-Franchise aus den 60ern und 70ern hat es auf stolze acht Episoden gebracht: 1. Zur Hölle mit den Paukern 2. Zum Teufel mit der Penne 3. Pepe, der Paukerschreck 4. Hurra, die Schule brennt 5. Musik, Musik – da wackelt die Penne 6. Wir haun die Pauker in die Pfanne 7. Morgen fällt die Schule aus 8. Betragen ungenügend! Kein Durchhaltevermögen mehr, die Schoolsploitation-Pfeifen von heute.
joernthein 25.10.2017
4. Auch bei diesem Film,
gehöre ich wohl eher zu denjenigen, die naserümpfend am Kinoeingang vorbei gehen.
gnarze 25.10.2017
5.
Zitat von hausfeenVorallem an die Pubertiere. Die phantasievolle aber inhaltsleere Interpretation von Jugendproblemen muss jeden Lehrer zur Verzweifelung treiben. Aber in ihrer Not nutzen sie gar diesen Film, um durch gemeinsame Betrachtung, gar im Unterricht, Verbrüderung mit ihren Peinigern in die Wege zu leiten. Am Ende kommt keiner gut weg. Lehrer, Eltern, Schüler. Schon gar nicht wird ein Verstehen eingeleitet. Im Gegenteil. Problembenennungen und Lösungsansätze werden mit Lachern weggefegt. Gesehen an Teil 1.
Ja, es ist alles so schrecklich.... wenn man zum Lachen in den Keller geht. Nur zur Erinnerung - es handelt sich um den Nachfolger der "Pauker"-Filme aus den Siebzigern und nicht um ein georgisches Pubertätsdrama mit isländischen Untertiteln.
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