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"Fack ju Göhte"-Star Katja Riemann: "Deutschland hat eine zerschmetterte Identität"

Katja Riemann: Glänzende Direktorin Gudrun Fotos
Constantin

Ihr furioser Auftritt in "Fack ju Göhte" hat Katja Riemann zur Favoritin für den Deutschen Filmpreis gemacht. Mit den meisten derzeitigen Komödien aber ist sie unzufrieden - und fordert eine Quote für deutsche Filme.

SPIEGEL ONLINE: Frau Riemann, Sie sind Lehrerkind und Mutter - haben Sie das Schulsystem je als verbesserungswürdig empfunden?

Riemann: Ja, und das finde ich immer noch. Es hat ja auch einen Grund, dass meine Tochter irgendwann im Ausland zur Schule ging, übrigens eine Entscheidung, die ich mit ihr zusammen traf. Kurz nach dem Mauerfall sind sehr viele Schulen in Berlin geschlossen worden, ich dachte damals schon: Das wird nicht gut gehen. Und jetzt schießen, na klar, Privatschulen aus dem Boden; der erste Schritt zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in Sachen Bildung, so wie es in England bereits der Fall ist. Bildung sollte umsonst sein, finde ich, soviel Sozialdemokratie sollte noch sein.

SPIEGEL ONLINE: Liegt es auch an überforderten Lehrern wie den Figuren aus "Fack ju Göhte"?

Zur Person
Katja Riemann, geboren 1963 im niedersächsischen Kirchweyhe, wurde in den neunziger Jahren mit Filmen wie "Der bewegte Mann" zu Deutschlands berühmtester Komödien-Darstellerin. Mittlerweile ist sie kaum mehr auf ein Genre festgelegt und spielt sowohl im Kino ("Das Wochenende") als auch im TV ("Die Fahnderin"). Zuletzt feierte sie großen Erfolg als Direktorin Gudrun in der Blockbuster-Komödie "Fack ju Göhte" von Bora Dagtekin. Für diese Rolle ist Riemann jetzt beim Deutschen Filmpreis, der am Freitagabend in Berlin verliehen wird, in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin" nominiert.
Riemann: Na ja, es gibt genug schlaue und gebildete Menschen in Deutschland, die gute Lehrer sind oder wären. Meine Geschwister sind beide Oberstudienräte, allerdings für Kunst, sozusagen ein Outlaw-Fach, aber ich glaube, sie sind beide tolle Lehrer. Von ihnen kenne ich aber auch die andere Seite und weiß, welch bekloppte Lehrpläne Lehrern vorgegeben werden von irgendwelchen Pappnasen, die die Pisa-Studie gewinnen wollen, statt zu schauen, was die jungen Menschen heutzutage brauchen, um für ihr Leben gerüstet zu sein.

SPIEGEL ONLINE: "Fack ju Göhte" verpackt eine sehr ernste Botschaft, nämlich dass man unbedingt an jedes Kind glauben sollte, in eine herrliche Komödie - weil es so besser vermittelbar ist als mit einem Drama zum Thema?

Riemann: Wahrscheinlich wären keine sieben Millionen Leute in das Drama gegangen. Komödie löst einfach weniger Berührungsängste aus als der ernste Film, eventuell nimmt man etwas mit, ohne es zu merken. "Fack Ju Göhte" hat ja ein total moralisches Ende, ein Happy End im schönen Kleid.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben die Menschen in anderen europäischen Ländern weniger Berührungsängste in Bezug auf ernste Filme?

Riemann: In Frankreich gibt es beispielsweise ein Regularium darüber, wie viele inländische Filme in den Kinos gespielt werden müssen. So laufen dort weniger als 50 Prozent nicht-französische Filme. Und es ist auch Gewohnheit und Sozialisierung: Franzosen sind viel patriotischer, das darf man nicht vergessen. Deutschland hat ja eh eine etwas zerschmetterte Identität.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie für eine solche Quote auch für deutsche Filme in Deutschland?

Riemann: Das fände ich schön, ja. Ich behaupte mal, dass viele der tollen Filme, die hier gedreht werden, tatsächlich jeder Menge Menschen gefallen würden, wenn sie sie sähen. Man müsste also damit anfangen, die Berührungsängste zu den eigenen Produktionen zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: In "Fack ju Göhte" haben Sie und Alwara Höfels als Junglehrerin Caro eine Menge klasse Gags ins Drehbuch geschrieben bekommen. Das ist immer noch ungewöhnlich: Frauen übernehmen in Komödien oft eher den Part der ernsten, moralischen, unselbstbewussten Frau.

Riemann: Kann ich leider absolut unterschreiben, da haben wir uns bisschen zurückentwickelt... Bei "Fack ju Göhte" liegt es daran, dass der Autor Bora Dagtekin modern und zeitgeistig schreibt und einfach unfassbar lustig ist, sowohl in der Geschichte als auch in den Situationen und den Dialogen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wieso dürfen Frauen so selten für die Schenkelklopfer sorgen?

Riemann: Als wir in den neunziger Jahren begannen, deutsches kommerzielles Kino zu machen, das das Genre der Komödie stark bediente, war das ein gewöhnungsbedürftiger Schritt, sowohl beim Publikum wie auch bei der Presse, sogar bei den Filmleuten. Der Trend momentan, der mich tatsächlich ein wenig beunruhigt, ist der Rückschritt in eine gewisse Bürgerlichkeit. Gerade gibt es eine Menge Komödien mit starken Männerhauptrollen, in denen sie sich schon im Titel zum Opfer machen, die Frauenrollen sind eher schwach. Und ich denke: Da waren wir in den Neunzigern weiter, allein mit den Lebensentwürfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das also ein gesellschaftlicher Rückschritt?

Riemann: Ich weiß nicht, vielleicht auch ein Spiegel. Immerhin gibt es mehr Ensemblekomödien und darum auch eine größere Vielfalt an Charakteren, die man lieben kann. Bei "Fack ju Göhte" gibt es angeblich schon Hardcore-Fanzirkel, die gemeinsam ins Kino gehen und die Chantal-Ackermann-Parts mitmachen! Wie bei der "Rocky Horror Picture Show".

SPIEGEL ONLINE: Steht so eine Figur wie die rotzig-unbedarfte Schülerin Chantal in ihrer Überzeichnung auch für moderne Mädchen, die das Thema Geschlechterklischees gar nicht mehr diskutieren?

Riemann: Ich glaube, die haben viele Dinge - Gott sei Dank - schon so verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr darum kämpfen und darüber diskutieren müssen.

Das Interview führte Jenni Zylka

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 176 Beiträge
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1.
Peter Werner 09.05.2014
Wenn in Deutschland Filme produziert würden, welche die Menschen interessieren, würde keine Quote benötigt. Zur Zeit besteht der dt. Film jedoch hauptsächlich: - Sozialdramen - (Beziehungs- ) Komödien Andere Genres (z.B. Action, Thriller, Science Fiction, Horror, Fantasy) finden im dt. Kino (abseits von Amateurproduktionen) defacto nicht statt. Sozialdramen werden zu genüge frei Haus im Fernsehen geliefert. Und nur Behiehungskomödien ist dann doch etwas wenig. Die mengenmäßig schlechte Repräsentation des dt. Films in den Kinos liegt an den produzierten Filmen, und nicht an den Kinos. Wann gab es den letzten, auch international vermarktbaren, Kinoerfolg aus Deutschland? Lange ists her.
2. ...
Dirk Ahlbrecht 09.05.2014
Zitat von sysopConstantinIhr furioser Auftritt in "Fack ju Göhte" hat Katja Riemann zur Favoritin für den Deutschen Filmpreis gemacht. Mit den meisten derzeitigen Komödien aber ist sie unzufrieden - und fordert eine Quote für deutsche Filme. http://www.spiegel.de/kultur/kino/fack-ju-goehte-star-katja-riemann-zum-deutschen-filmpreis-a-968231.html
Die Sondersteuer GEZ-Gebühr zzgl. der Kosten für die deutsche Filmförderung belaufen sich auf ungefähr 13 Milliarden Euro im Jahr. Diese beispiellose Subventionierung eines Systems hat nicht dazu geführt, daß deutsche Filme und Serien in der Regel über unsere Grenzen hinaus irgendeine Relevanz gezeitigt haben. Und nun soll dieses System auch noch zusätzlich dadurch geschützt werden, daß bestimmte Quoten eingeführt werden? Der Markt, liebe Leute, ist hier offenbar wieder einmal stärker als jeder Versuch einer Reglementierung. Das eine Frau wie Katja Riemann, die auf Grund ihres Talents auch in jedem marktwirtschaftlichen System ihre Rollen bekommen würde (noch dazu in besseren Produktionen, weil Schrott nämlich als solcher erkannt und vom Zuschauer umgehend aussortiert würde), einen Artenschutz für den deutschen Film fordert, lässt einen mit Kopfschütteln zurück.
3. Falsch.
mactor2 09.05.2014
Zitat:"Frauen übernehmen in Komödien oft eher den Part der ernsten, moralischen, unselbstbewussten Frau." Das ist nicht mein Eindruck. Frauen im Deutschen Film haben oft unrealistische Rollen. Besserwisserisch, Moralisch überhöht, Wichtigtuerisch und Überheblich. So dass man oft um- oder abschaltet.
4. Leider...
hanno achenbach 09.05.2014
taugen die weitaus meisten deutschen Filme nichts.
5. Denken erlaubt?
Hastewasamkopp 09.05.2014
Zitat von sysopConstantinIhr furioser Auftritt in "Fack ju Göhte" hat Katja Riemann zur Favoritin für den Deutschen Filmpreis gemacht. Mit den meisten derzeitigen Komödien aber ist sie unzufrieden - und fordert eine Quote für deutsche Filme. http://www.spiegel.de/kultur/kino/fack-ju-goehte-star-katja-riemann-zum-deutschen-filmpreis-a-968231.html
Endlich sagt Frau Riemann wie es ist. Ihre Legitimation: Geschwister sind Oberstudienräte im geistigen Exil, Lehrplanoutlaws natürlich, wo andere überangepasst ihre Stunden schrubben. Glückwunsch zu beidem! Und dann der deutsche Quotenfilm mit moralinsaurem Ende a la internalisierter Reeducation-Korrektheit. Da ist doch Hollywood direkt entspannt, wenn der Nazi zu Recht gequält wird, dürfen wir klatschen. Oder doch die Tatort-Korrektheit, die wie ein heiß dampfender Nebel durch die Subkulturtoleranzkiste wabert? Frau Riemann sagt uns, wie es geht. Ein neuer deutscher Film bleibt ohne sie undenkbar. Allet auf Linie, wie jehabt. Und das ist so progressiv wie die Ufa im 21 Jahrhundert.
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