"Fahrenheit 9/11"-Premiere Die Wahrheit? Find' ich gut

Jürgen Trittin sah sich am Mittwochabend im Innenhof des Charlottenburger Schlosses Michael Moores Anti-Bush-Film "Fahrenheit 9/11" an. Der Bundesumweltminister und rund 2000 Zuschauer kamen zur Deutschlandpremiere unter freiem Himmel. Die Stimmung: fröstelnd und verhalten amüsiert.

Von Mia Raben


"Fahrenheit 9/11"-Premiere im Innenhof des Charlottenburger Schlosses: Die volle Dosis Moorsche Polemik
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"Fahrenheit 9/11"-Premiere im Innenhof des Charlottenburger Schlosses: Die volle Dosis Moorsche Polemik

Berlin - Ein grünes Mitglied der Bundesregierung schaut sich Michael Moores neuen Film an: Hochpolitisch, so ein Ereignis - könnte man meinen. Bundesumweltminister Jürgen Trittin kommentierte das Gesehene später lapidar mit den Worten: "Etwas sehr in die Länge gezogen." Moores letzte Dokumentation "Bowling For Columbine" habe ihm besser gefallen. Andere Mitglieder der Regierung hatten sich nicht im Innenhof des Charlottenburger Schlosses eingefunden. Der Rest der Berliner Prominenz zog es wohl vor, zusammen mit Star-Friseur Udo Walz dessen 60. Geburtstag zu feiern.

Gänzlich unaufgeregt war die Stimmung auch im Publikum, das bei der Deutschlandpremiere des Films auf den rund 2000 Klappstühlen in der kühlen Abendluft fröstelte. Keine Protestschreie waren im Schlossgarten hören, keine Buh-Rufe erklangen beim ersten Bild des US-Präsidenten. Laut und ausgelassen lachten die Zuschauer hingegen an Stellen, die George W. Bush in unvorteilhaften Posen zeigten. Es war, als würden sie jetzt endlich das genießen können, was ihnen die Medien seit Tagen versprachen: die volle Dosis Mooresche Polemik.

So schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Dass Bush feixt und grinst, wirkt unangenehm, sagt jedoch nichts über die Moral seiner politischen Entscheidungen. (...) Aber aus diesem Paparazzomaterial zieht Moore die visuellen Indizien für seine Anklage gegen Bush." Die "Berliner Zeitung" nannte den Film "geniale Propaganda", während die "Bild" fragte: "Darf eine Doku so sehr hassen?" Urteil des Boulevard-Blattes: "Ein zu sehr von persönlichem Hass geprägter Anti-Bush-Werbespot".

Dennoch waren viele Berliner von der Faktenfülle beeindruckt. "Danke, Michael Moore!", rief Zuschauer Hans Conrad Walter, 34, begeistert. Einige Besucher fühlten sich schlicht bestätigt: "George W. Bush ist eine Marionette. Das wusste ich schon vorher", sagte Eva Neumann, 24. Andere dagegen waren verärgert: "Zu platt, zu drastisch und zu stumpf. Der Film verkauft uns Zuschauer für dumm!", schimpfte Silke Böschen, 35. Auch Klaus Bischoff, 50, fand den Film "manchmal übertrieben". Doch wirkliche Empörung über "Fahrenheit 9/11" wurde trotz aller Kritik nicht laut.

Schon vor dem Film sichtbar erregt hingegen war Ann Wertheimer von der Organisation "American Voices Abroad": "Bitte, sagen Sie ihrer amerikanischen Freundin, dass sie sich zur Wahl registrieren soll, bitte", sagte sie fast flehend zu einer jungen Frau. Seit 33 Jahren lebt die 60-jährige Amerikanerin in Deutschland und hat eine klare Mission: Sie will die rund 20.000 in Berlin lebenden Amerikaner an die Wahlurne treiben.

Bisher haben sich nur rund 2000 Exil-Amerikaner zur Wahl angemeldet. Anders als in Deutschland muss man sich in den USA aktiv registrieren lassen, bevor man wählen kann. Die Stimmen aus dem Ausland sind nicht unerheblich: Bei der letzten Präsidentschaftswahl waren es unter anderem auch die kurzfristig mobilisierten Briefwähler, die George W. Bush ins Amt hievten. Doch in Berlin hoffen Wertheimer und ihre Helfer auf Stimmen für den demokratischen Kanidaten John F. Kerry. Ihren kleinen Stand werden sie in den nächsten Wochen noch vor vielen Berliner Kinos aufbauen.

Andy Hasse, ein 39-jähriger Amerikaner, ist alarmiert: "Ich glaube, unsere Demokratie gibt es schon nicht mehr. Das Parlament wird zu 80 Prozent von den großen Firmen bestimmt. Dieser Film fördert die Debatte in den USA. Das ist gut für die Demokratie", sagt er. Ganz in seinem Sinne findet Schülerin Sandra Mann, 13, kurze, klare Worte für Michael Moores Film: "Es ist ja die Wahrheit, deswegen find ich's gut."



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