Familien-Doku Chronik einer Zersetzung

Zwischen DDR und BRD, zwischen Politiker- und Künstlerlaufbahn: Die Kino-Dokumentation "Familie Brasch" zeigt deutsche Geschichte als Familiengeschichte.

Edition Salzgeber

"Naja, im Leben war das so eine Sache", sagt Petra Schramm, die Freundin des dritten Brasch-Sohns Peter (1955-2001) in Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Familie Brasch", im für den Film so charakteristischen uneitel-trockenen Berliner Tonfall. Sie meint damit die Begegnung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen den Geschwistern selbst.

Die Braschs sind zweifellos ein Stoff, der für die Nachwelt von Interesse ist. Über den berühmtesten Sohn, den Schriftsteller und Regisseur Thomas (1945-2001), gibt es schon einige dokumentarische Arbeiten, die für dessen existenzielle Verzweiflung sowie den Eros der charismatischen Figur ("In Thomas hat man sich sofort verliebt", sagt jemand in diesem Film) eine Form gesucht haben.

Der Reiz der Familiengeschichte liegt in ihrer Verworfenheit: Vater Horst (1922-1989), ein bayerischer Katholik jüdischer Herkunft, konvertiert im englischen Exil als Jugendlicher zum Kommunismus. Die Treue zur Partei wird ihn ein Leben lang nicht verlassen, auch wenn die SED das ZK-Mitglied und den einstigen stellvertretenden Minister für Kultur (1966-69) zwischenzeitlich demütigt und abstraft, nach Moskau schickt oder als 2. Sekretär der Bezirksleitung nach Karl-Marx-Stadt.

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"Familie Brasch": Fliehkräfte einer Tragödie

Die Härte des Vaters gegen sich selbst verschattet seine Frau, Gerda (1921-1975), eine Wiener Bürgerstochter, die lieber Künstlerin als Funktionärsgattin geworden wäre und erst ein Jahr nach dem Mann nach Ost-Berlin zieht, wo sie nie heimisch wird.

Dieses Drama wird nur angedeutet, auch weil es für die anderen Konflikte innerhalb der Familie reicheres Material und mehr Auskunftsgeber gibt. Vor allem das lebenslange Ringen zwischen Horst und Thomas, dem Erstgeborenen, steht im Mittelpunkt von Hendels Film: die Kadettenanstalt, in die der Vater den Sohn wider dessen Willen schickt; das kleine 1968 in der DDR, das Thomas mit Freunden wie Bettina Wegner oder Florian Havemann letztlich auch gegen den Vater mitbetreibt; schließlich der Gang in den Westen nach der Biermann-Ausbürgerung 1976.


"Familie Brasch"
Deutschland 2018
Regie und Buch: Annekathrin Hendel
Produktion: IT WORKS! Medien GmbH, Vietinghoff-Filmproduktion GmbH, rbb, SWR
Verleih: Edition Salzgeber
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 16. August 2018


"Familie Brasch" ist zuerst eine Chronik. Die Fliehkräfte innerhalb der Braschs sind zu groß für einen Film, der das Gesamtbild nicht aus dem Blick verlieren will - der Film hat dafür ein Motiv in dem eigens angefertigen Gemälde von Leif Heanzo gefunden, aus dem nach und nach verschwindet, wer stirbt, nach der Mutter Sohn Klaus (1950-1980), der Schauspieler.

Mit solchen tableauhaft-dramatischen Visualisierungen der Szenen, für die es kein filmisches Archivmaterial gibt, hat Hendel schon in ihren DDR-Sittengemälden "Vaterlandsverräter" (2011) und "Anderson" (2014) gearbeitet. Anders als in den beiden Filmen bebildert das Gemalte hier aber nur die eine Ausgangssituation, auf die der Film in seinen Kapiteln immer wieder zurückkommt: eine Familienaufstellung.

Und anders als in den vorherigen Filmen, in denen die Regisseurin als Erzählerin und Rechercheurin der Geschichten in Erscheinung trat, bleibt sie hier als Fragestellerin im Hintergrund. Es gilt, die Abläufe und Beziehungen zu ordnen, um eine Linie durch die Geschichte zu finden, an deren Rändern sich Tragödien ereignen.

Die meiste Zeit gilt dabei Thomas, der bleibende Sätze von widersprüchlicher Schönheit ("Vor den Vätern sterben die Söhne") und markante Auftritte hinterlässt, die das Potential zu YouTube-Hits haben: Braschs Dankesrede für den Bayerischen Filmpreis etwa, den er 1981 für "Engel aus Eisen" entgegennimmt, aus den Händen des bei der Linken damals hochverhassten Franz Josef Strauß. Die Stellungnahme ist eine eindrucksvolle Reflexion über die Arbeit des Künstlers "im Zeitalter des Geldes" ("Die Widersprüche sind die Hoffnungen") und ein bockiger Auftritt gegen das Nicht-Vereinnahmtwerden ("Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung").

Ganz am Ende von "Familie Brasch" ist nur noch Marion (geboren 1961) übrig, die Radiomoderatorin, die vor ein paar Jahren ein Buch über ihre Familie geschrieben hat, weil sie die einzige Überlebende ist.

Gleichzeitig ist Marion aber die Protagonistin von "Familie Brasch", die wichtigste O-Ton-Produzentin über all die Kämpfe, die an ihr vorbeigegangen sind. Hendels Film ist eine interessante und unterhaltsame Annäherung an einen Komplex, der so nur durch die gewaltsamen Bewegungen des deutschen 20. Jahrhunderts möglich war, die in der Familie Brasch beispielhaft zu einer Entwurzelung und Dekontextualisierung von Leben als Politiker, Künstler, gesellschaftlichen Figuren geführt haben.

Was sich gegen "Familie Brasch" einwenden lässt, ist vor allem seine Kürze: Der Film aus dem aufs 90-Minuten-Format fixierten deutschen Fördersystem funktioniert nämlich eigentlich als Teaser zu einer Doku-Serie, die mit mehr Zeit und einzelnen Folgen viel besser den spezifischen Bewegungen ins Tragische dieser Familiengeschichte folgen könnte.

Hinweis der Redaktion: Wir haben den Buchtitel von Thomas Brasch korrigiert.

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insgesamt 2 Beiträge
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bronstin 15.08.2018
1. Falscher Werktitel
Hier steht "Vor den Söhnen sterben die Väter" tatsächlich nennt sich der Prosaband ''Vor den Vätern sterben die Söhne.". MfG - - - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum/Redaktion Kultur
unky 15.08.2018
2. Was sind denn das für unsinnige Bildunterschriften?
Statt die abgebildeten Personen zu benennen, werden völlig unpassende Sätze aus dem Artikel unter die Fotos gesetzt. Zu den Abgebildeten: Christoph Hein kenne ich ja - aber wer sind die anderen Menschen?
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