Familiendrama "Der Architekt" Grausam rieselt der Schnee

Denkbar unheimelig geht es in "Der Architekt" zu. Das Alpendrama erzählt, wie sich eine ganze Familie vor einer wunderschönen Schneekulisse selbst zerfleischt. Ein grausamer Film aus dem frostigen Winterhorrorland des Bildungsbürgertums.

Von


Die Gnade des Schnees ist doch eigentlich unermesslich: Sanft bedeckt er die Ängste der Menschen, dämpft ihre Aggressionen und verwandelt soziale Schlachtfelder in stille weiße Landschaften. Allerdings nicht in diesem Film. Wenn es hier schneit, dann tut es das geradezu erbarmungslos. Denn mit jeder einzelnen Flocke spitzt sich die Tragödie zu.

Ausgerechnet Winter heißt die Familie, um die es in dem wenig heimeligen Alpendrama "Der Architekt" geht, in dem die eisige Landschaft so kunstvoll wie konsequent zur Metapher für das kaputte Miteinander erhoben wird. Nichts bewegt sich mehr, nur der Schnee fällt und fällt und fällt.

Und das entspricht genau dem Albtraum, von dem Familienoberhaupt Georg Winter (Josef Bierbichler) immer wieder heimgesucht wird. Da sieht er sich selbst tot auf der eingeschneiten Straße seines Heimatdorfes liegen, verreckt auf der Flucht vor dem eigenen Zuhause.

Verständlich, dass er nach all den Jahren der Abwesenheit nicht so gerne ins Geburtshaus zurückkehrt. In Hamburg ist Georg ein erfolgreicher Architekt, da ist er Herr über transparent gestaltete Großbauprojekte in Hamburgs weitläufiger HafenCity. Doch hier in dem Alpendorf sieht man in ihm einfach nur den aussätzigen Sohn, der in die klaustrophobisch verwinkelte Hütte seiner verstorbenen Mutter zurückkehrt, um die Alte unter die Erde zu bringen.

Der Spätheimkehrer gibt sich betont unterkühlt, nur bei der alten Jugendfreundin Hannah (Sophie Rois) vergisst er kurzzeitig die Abwehrhaltung. Offensichtlich teilen die beiden ein Geheimnis, so was schafft selbst bei einem wie Georg eine Art Nähe. Ansonsten lässt dieses Väterchen Frost nichts und niemanden an sich ran. Nicht die Ehefrau (Hilde Van Mieghem), der er im Bett verächtlich die kalte Schulter zeigt. Nicht den Sohn (Matthias Schweighöfer), der unter der vom Erzeuger vorgegebenen Architektenlaufbahn leidet. Und auch nicht die Tochter (Sandra Hüller), deren unendliche Liebe zum Vater von diesem nur mäßig zärtlich grummelnd erwidert wird.

Wie soll man auch zu jemandem Nähe aufbauen, der wie ein Fremder durch sein eigenes schneeverwehtes Leben stapft? Und in dem mit alten Marmeladengläsern und altertümlicher Miederware voll gestellten Haus der verachteten Mutter spürt der Aufsteiger Georg die eigene Unbehaustheit natürlich am stärksten. Nur einen Wunsch hat er: Möglichst schnell raus aus dem Kaff, das im Laufe des Kondolenzbesuches bedrohlich einschneit.

Langfilmregiedebütantin und Autorin Ina Weisse hat mit "Der Architekt" eine Art umgekehrtes Heimatdrama in Szene gesetzt. Die bislang vor allem als Schauspielerin erfolgreiche Künstlerin ("Die Weisheit der Wolken"), die in Berlin aufgewachsen und also mutmaßlich von gebirgsprovinziellen Traumata verschont geblieben ist, beschreibt die pittoresk verschneite Heimat vor allem als größtmögliche Fremde.

Frau Weisses Gespür für Schnee ist erstaunlich, sie ringt dem Stoff allerlei unkonventionelle Konnotationen ab. Anheimelndes Alpenglühen sucht man hier jedenfalls vergeblich. Am Anfang sieht man den ganzen Winter-Clan nackig und ausgelassen durch den morgendlichen Neuschnee vor der Bergdorfhütte hüpfen, doch diese Jungfräulichkeit kann das kalte Weiß nicht halten; eiskristallklar funkeln hier bald die familiären Konflikte.

Sicher, gelegentlich kommt die akademisch verbrämte Tyrannei des Patriarchen arg stereotyp daher. Muss er denn den ungeliebten Sohn ausgerechnet zum Architekturstudium verdammen, muss die mäßig begabte Tochter unbedingt zum Geigenstudium aufs Konservatorium? Die bildungsbürgerliche Selbstzerfleischung (Drehbuch: Daphne Charizani und Ina Weisse) wird zudem leider nicht immer ganz dialogsicher ausgebreitet.

Seine Kraft entwickelt "Der Architekt", diese Bergweltvariation von Ingmar Bergmanns "Schweigen", aber immer dann, wenn nicht viel gesprochen wird und sich die Charaktere in abstrusen Handlungen ihren Autoaggressionen hingeben, um die Stille zu durchbrechen.

So befriedigt sich Georgs Frau im Bett neben ihm selbst, weil er sich angewidert abwendet. So lässt sich die Tochter vom Sohn unter der Dusche in die Ferse treten. Ein brutales infantiles Ritual, durch das ein tauber Körper sich des Restgefühls vergewissern will. Wenn der Alte schweigt, muss man sich die Zuwendung eben anders holen.

Was für ein wunderschönes, was für ein grausames Winterweltdrama: Vater, Mutter, Tochter, Sohn – hier wurden sie für eine Familienaufstellung schockgefrostet in all ihren Neurosen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.