Familiendrama "Die Frau, die singt" An der Wurzel menschlichen Elends

Kino, das weh tut und trotzdem glücklich macht: In Denis Villeneuves Melodram "Die Frau, die singt" spürt ein Zwillingspaar der Vergangenheit seiner Mutter nach, der in einem nahöstlichen Land unvorstellbares angetan wurde - ein intensiver Film, der zu Recht für einen Oscar nominiert wurde.

Arsenal Filmverleih

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Ein ganz normaler Tag im Schwimmbad, es ist warm, die Menschen haben gute Laune. Nawal (Lubna Azabal ) ist mit ihrer erwachsenen Tochter Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) dort, sie wirkt leicht entrückt, aber das ist immer so, alles scheint normal.

Doch auf einmal verlässt Nawal das Wasser, bleich wie eine Tote, setzt sich mit leerem Blick auf einen Liegestuhl und sagt kein Wort mehr. Die Tochter bringt sie ins Krankenhaus, aber die Ärzte können nicht helfen, körperlich scheint alles mit ihr in Ordnung. Irgendetwas saugt ihr den Lebenswillen aus, sie ist unerreichbar, bleibt stumm, in den Augen nur eine unbestimmte Mischung aus Nichts und Entsetzen. Bald ist sie tot, niemand kann es erklären.

Verrottete Wurzeln

Sie hinterlässt ihrer Tochter Jeanne und deren Zwillingsbruder Simon (Maxim Gaudette) zwei Briefe. Einen für den Vater, einen anderen für den gemeinsamen Bruder. Nur kennen die beiden keinen Vater, der sei tot, hatte Nawal früher gesagt. Einen Bruder hatte sie nie erwähnt. Jeanne reist zur Spurensuche von Kanada aus in das namenlose, von Glaubenskriegen geschüttelte Land im Nahen Osten, das der Mutter einst Heimat war und das sie verließ, um dem Grauen zu entkommen, das sie später doch einholte. Simon bleibt zunächst zu Hause, er will von einem angeblichen Vater oder Bruder nichts wissen, er hielt seine Mutter schon immer für verrückt. Doch auch ihn wird es bald in die Heimat ziehen, die er nie gesehen hat, um seine Wurzeln zu finden, so verrottet und kaputt sie sein mögen.

Dieses Land im Nahen Osten, das der frankokanadische Regisseur Denis Villeneuve in "Die Frau, die singt" beschreibt, hat keinen Namen, aber es erinnert stark an den Libanon. Ein Ort, an dem Muslime und Christen versuchen zusammen zu leben und an dem nach Zeiten der Ruhe immer wieder der Hass losbricht, der Krieg, und das gegenseitige Morden beginnt. In Rückblenden erzählt Villeneuve davon, wie aus dem hoffnungsvollen christlichen Mädchen Nawal erst eine Verstoßene wird, dann eine Kämpferin, eine Verzweifelte, eine Gnadenlose, eine Eingesperrte - und irgendwann eben die Frau, die singt, weil es im Angesicht ihrer Folterer nichts anderes mehr gibt, was sie tun könnte.

Anklänge an eine Seifenoper

Was Villeneuve in großen, bitterschönen, teilweise unvergesslichen Bildern nach einem Theaterstück von Wajdi Mouawad präsentiert, ist die Geschichte einer Frau, der Unvorstellbares angetan wurde, und der Film wird seinem Publikum auch die grausamsten Details dieser traurigen Geschichte nicht ersparen. Das ist Kino, das weh und trotzdem guttut, denn einmal gefangen in dieser Geschichte, lässt sie einen nicht mehr los.

Villeneuve erzählt druckvoll, aber immer voller Mitgefühl für seine tragische Heldin. "Die Frau, die singt", in diesem Jahr völlig zu Recht für den Auslands-Oscar nominiert (und eher zu Unrecht Susanne Biers nur fast so gutem Familiendrama "In einer besseren Welt" unterlegen), hat mit seinen unglaublichen Wendungen und schockierenden Enthüllungen zwar immer wieder Anklänge an eine Seifenoper, vor allem aber die Kraft eines epischen Melodrams, das dem menschlichen Elend an die Wurzel will.

Es geht um Glauben, Krieg, um unbedingte und mörderische Liebe. Eine überlebensgroße Tragödie, unglücklich und unwiderstehlich.


Die Frau, die singt. Start: 23.6. Regie: Denis Villeneuve. Mit Lubna Azabal, Mélissa Désormeaux-Poulin, Maxim Gaudette.



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