Kino-Debakel "Fantastic Four" Die verfluchten Vier

Schon wieder vergurkt: Die Neuverfilmung des Comic-Klassikers "Fantastic Four" ist genauso mies wie ihre Vorgänger. Woran liegt es bloß, dass ausgerechnet die einst populärsten Marvel-Helden nicht auf der Leinwand glänzen?

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"There's no more Victor, there's only DOOM!", zürnt gegen Ende der ziemlich langwierigen 100 Minuten von "Fantastic Four" der Bösewicht des Films, der Victor von Doom heißt und damit Triumph und ewige Niederlage in seinem für Comic-Fans ikonischen Namen vereint. Der geniale, aber vom Bösen besessene Wissenschaftler ist der Erzfeind der "Fantastischen Vier" und eine der tragischsten Figuren des Comic-Universums.

Tragisch an Dr. Dooms Darstellung in dieser neuen, vierten Verfilmung des Stoffes ist jedoch nur die Armseligkeit der visuellen Effekte, die seine weltverschlingende Wut illustrieren: Grüne Schlieren und blaue Blitze zucken aus seinem misshandelten Körper hervor, als hätte sich die Tricktechnik seit den Sechzigerjahre-B-Movies nie weiterentwickelt. Darf ein Superhelden-Film im Jahr 2015 so erbärmlich aussehen?

Klar, darf er, wenn das Ganze ironisch gemeint ist und seine Billigheimer-Attitüde zur Tugend macht. Marvel Studios hat mit seiner neuesten Produktion "Ant-Man" gerade vorgemacht, wie man B-Movie-Flair charmant in einen launigen Kinoerfolg verwandelt. Ohnehin hat Marvel mit den "Iron Man"-, den "Avengers"-Filmen und der Space-Komödie "Guardians of The Galaxy" in den vergangenen Jahren die Maßstäbe für Comic-Verfilmungen gesetzt.

Experiment schon vor dem Start gescheitert?

Mit den immens populären "Fantastic Four" leiteten Autor Stan Lee und Zeichner Jack Kirby ab 1961 die erfolgreichste Phase des Comic-Verlags ein. Doch ausgerechnet die Filmrechte an der "First Family" des Marvel-Universums wurden, ebenso wie "Spider-Man" und die "X-Men", in den finanziell knappen Neunzigern an Fox verscherbelt. Während letztere zum Teil zu qualitativ hochwertigen Kino-Franchises aufgebaut wurden, warten die "Fantastischen Vier" immer noch darauf, endlich auf der Leinwand zu glänzen.

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"Fantastic Four": Verdoomt noch mal!
Mehrfach wurde es bereits versucht: Eine dem Vernehmen nach höchst krude Erstverfilmung von 1994, produziert von Bernd Eichinger, gedreht von B-Movie-Legende Roger Corman, erblickte nie das Licht der Öffentlichkeit. Gleich zweimal durfte dann Mitte der Nullerjahre Regisseur Tim Story ran, seine bunt-naiven Filme waren zwar durchaus erfolgreich an der Kinokasse, versäumten es aber, Story und Charaktere ernst zu nehmen.

Das immerhin kann man Josh Trank nicht vorwerfen. Der junge US-Regisseur hatte 2007 mit Anfang Zwanzig seinen Debütfilm "Chronicle" gedreht, eine beunruhigende im "Blair Witch"-Stil inszenierte Mockumentary über Teenager, die plötzlich über Superkräfte verfügen. Und worin geht es in "Fantastic Four"? Um vier junge Wissenschaftler, die sich in eine andere, feindselige Dimension teleportieren und mit wundersamen Fähigkeiten zurückkehren. Passt doch perfekt, dachte man sich wohl bei Fox, als der Newcomer für das 120 Millionen Dollar teure Helden-Spektakel angeheuert wurde.

Doch auch Trank unterlag dem seltsamen Fluch, der offenbar auf den "Fantastic Four" lastet. Schon früh während der Dreharbeiten gab es Probleme. Trank galt, so heißt es, als unentschlossen und nicht teamfähig. Das Studio zog die Notbremse, heuerte drei neue Autoren an und ließ wichtige Teile des Films kurz vor knapp noch einmal neu drehen. Das Experiment, Mainstream-Kino mit Indie-Regisseuren cooler zu machen, von Marvel bei der zweiten "Captain America"-Episode oder den "Guardians" erfolgreich praktiziert, schien Fox entglitten, bevor es überhaupt ins Kino kam.

Als in den USA in der vergangenen Woche die ersten katastrophalen Kritiken veröffentlicht wurden, twitterte Trank trotzig, dass das Debakel nicht seine, sondern die Schuld des Studios sei: "Vor einem Jahr", so Trank in seinem inzwischen gelöschten Tweet, habe er "eine fantastische Version des Films gehabt, die großartige Kritiken bekommen hätte. Ihr werdet sie wahrscheinlich nie sehen. Das ist leider die Realität."

Tranks Vision ist erkennbar

Was man nun ab Donnerstag zu sehen bekommt, ist ein Film, der zwei Drittel seiner knappen Laufzeit mit der Einführung seiner Figuren verdaddelt: Reed Richards (Miles Teller) ist ein bereits an der High School genialer Kopf, der zusammen mit seinem mechanisch begabten Kumpel Ben Grimm (Jamie Bell) eine Teleportationsmaschine erfindet. Bei einer Ausstellung der Schule werden die beiden vom Top-Wissenschaftler Dr. Storm (Reg E. Cathey) entdeckt.

Zusammen mit seinem draufgängerischen Sohn Johnny (Michael B. Jordan), seiner nerdigen Adoptivtochter Susan (Kate Mara) und seinem neidzerfressenen Ex-Assistenten Victor von Doom (Toby Kebbell) sollen Ben und Reed ihren Teleporter in Groß nachbauen, für Menschentransporte. Bis das Ding endlich fertig ist, vergeht Zeit, viel Zeit, die der Film kaum inspiriert mit Charakter-Interaktion füllt.

Was dann geschieht, ist Comic-Legende: Richards verfügt nach dem Unglückstrip in die fremde Dimension, bei dem Victor vermeintlich ums Leben kommt, über beliebig elastische Gliedmaßen, Johnny Storm ist die "menschliche Fackel", Susan kann sich unsichtbar machen oder wahlweise Kraftfelder errichten - und der arme Ben Grimm wird zum monströsen, steinbewehrten "Ding". Auftritt Tim Blake Nelson als reptilienhafter Regierungsmann, der die Mutanten sogleich in den Militärdienst zwingen will.

In den gefühlt zehn Minuten, in denen die vier, interniert in einer finsteren Geheimbasis, mit ihren neuen Kräften zurechtkommen müssen, ist ein Rest von Tranks Vision vielleicht am deutlichsten sichtbar: Der Horror und die Ängste der in ihrem Körper ohnehin unbehausten Jugendlichen ob ihrer scheinbar unkontrollierbaren Kräfte, ist mit Dramatik und Intensität inszeniert. Hieraus hätte womöglich ein guter, charaktervoller Film entstehen können, der nicht versucht, Marvels Erfolgsrezept ohne Verve zu kopieren, sondern ein in Tonalität und Atmosphäre eigenständiges Universum entwirft.

Doch allzu schnell verlieren die sonst hervorragenden Darsteller Teller ("Whiplash"), Mara ("House of Cards"), Jordan ("Fruitvale Station") und Bell ("Billy Elliot") die Gelegenheit, ihren Figuren charakterliche Tiefe zu verleihen. Ihre fürs moderne Heldenkino angemessene Ernsthaftigkeit wird von den billig inszenierten Tricks konterkariert und verschwindet letztlich hinter Gefackel, Geflirre und digitalem Felsengerümpel.

Der gesamte Film wirkt wie eine zu lang geratene, schrecklich freudlose Exposition für die bereits für 2017 angekündigte Fortsetzung. Ob die allerdings nach dem bisher verhaltenen US-Kinostart noch realisiert wird, ist fraglich: Bis Samstag wurden lediglich 11,3 Millionen Dollar eingespielt. Zum Vergleich: Marvels "The Avengers: Age of Ultron" startete im Frühjahr mit 191 Millionen Dollar am ersten Wochenende.

Zum künstlerischen Desaster wird sich also aller Wahrscheinlichkeit nach auch noch ein finanzielles gesellen. "'Fantastic Four' is doomed", titelte, sehr passend, am Samstag bereits das Wirtschafsblatt "Forbes".

Fantastic Four

USA 2015

Regie: Josh Trank

Drehbuch: Simon Kinberg, Jeremy Slater, Hutch Parker

Darsteller: Miles Teller, Kate Mara, Michael B. Jordan, Jamie Bell, Toby Kebbell, Reg E. Cathey, Tim Blake Nelson

Produktion: Twentieth Century Fox

Verleih: Fox

Länge: 98 Minuten

FSK: Ab 12

Start: 13. August 2015

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 09.08.2015
1. Selbst schuld
Nein, die ersten beiden F4 Filme sind weder mies noch ein künstlerisches Debakel - sie sind ziemlichbgenau auf Linie der Comics. Und die Fans haben das durchaus honoriert. Bei diesem unnötigen reboot habe ich mir schon gedacht, dass das nichts wird. Die Hauptdarsteller haben was von gealterten Kinderstars und die ganze Stimmung wurde gekünstelt auf düster getrimmt. So wollen die Leute ihre F4 nicht sehen und deshalb wird der Film an den Kassen abgestraft. Doch verzaget nicht, der nächste reboot ist garantiert schon auf einer Serviette skizziert worden...
Cotti 09.08.2015
2.
Wie heißt es hier immer so schön? Wenn ein Film bei SPON verrissen wird, dann muss er gut sein. Aber ich glaube trotzdem, das dieser Gurkenfilm absoluter Schrott ist.
Atheist_Crusader 09.08.2015
3.
Der beste Fantastic-Four-Film ist immer noch "the Incredibles".
felix.ammon 09.08.2015
4. FF steht und fällt mit Doom
Gerade die FF Comics stehen und fallen mit Dr. Doom, da wäre eine Verfilmung nahe an den Comics oder an der alten Animated Series von Vorteil mit Dr. Doom als Herrscher über Latveria und Gegenspieler von Richards. Die Darstellung in den letzten beiden Verfilmungen war gar nicht so schlecht, das Zusammenspiel a la Prof. X und Magneto in Rise of the Silver Surfer war super, nur der Rest des Films einfach Schrott und diese Neuinterpretation kann einfach unter diesem Gesichtspunkt nicht funktionieren!
dreckswerbung73 09.08.2015
5. Schlechte Kritik bei SPON....
bedeutet in der Regel immer einen super Film. Die ersten beiden Filme sind nicht nur bei eingeschworenen Fans Kult, gerade Teil 2 läuft mindestens 3 mal im Jahr auf irgendwelchen Sendern und hat ordentliche Einschaltquoten.
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