"Fantastic Four" Vier verliert

Hollywood weigert sich beharrlich, Comics als Kunstform zu begreifen: Mit dem hirnlosen Action-Spektakel "Fantastic Four" werden die nächsten Marvel-Helden zu Grabe getragen. Hässlich, herzlos und humorfrei soll die Superhelden-Kinderei vor allem Kapital schlagen.


Szene aus "Fantastic Four" (mit Chris Evans): Folgenschwere Transformation

Szene aus "Fantastic Four" (mit Chris Evans): Folgenschwere Transformation

Comics sind Kunst, was längst sogar versnobte Hochkulturwächter zugeben. Und weil einer der schönsten und prägnantesten Standards dieser Kunst der Prolog ist, soll auch diese Kritik an der Verfilmung des Marvel-Klassikers "Fantastic Four" mit einem kleinen Vorspann beginnen - aus Respekt vor der Vorlage, aber vor allem, um das Ausmaß superschurkenmäßigen Unrechts zu zeigen, welches ihr im Kino angetan wurde. Doch, wie gesagt, zunächst zurück zum Anfang.

Zeichnung und Wunder

"Make mine Marvel!" lautet der berühmte Slogan des US-amerikanischen Comic-Imperiums, welches die westliche Popkultur seit den sechziger Jahren entscheidend mitgeprägt hat. Dabei ist der verheißungsvolle Werbespruch auch stets ein Versprechen an die Leserschaft, die jeden Monat durch aktuelle Abenteuer ihrer Superhelden in Erstaunen versetzt werden will. Unter den zahlreichen, über Jahrzehnte immer wieder neu erfundenen Parallelwelten im Marvel-Universum ist die der "Fantastic Four" sicher nicht die originellste, vermutlich aber die heimeligste: Von Über-Vater Stan Lee und seinem Kollegen Jack Kirby vor nunmehr 44 Jahren in die Welt geworfen, bildet das durch einen Strahlenunfall deformierte Quartett eine rührende Wohngemeinschaft, die sich um Anpassung an den Alltag bemüht und nebenbei die Welt rettet.

Comic-Klassiker "Fantastic Four": Ansammlung von Außenseitern

Comic-Klassiker "Fantastic Four": Ansammlung von Außenseitern

Zudem waren die vier Pioniere für Marvels Philosophie der unfreiwilligen Helden, denen der eigene Körper Gefängnis und Gabe zugleich ist. Im Gegensatz zum ewigen Konkurrenten D.C., der mit ursprünglich unbeirrbaren Lichtgestalten wie Superman und Batman reüssierte, war Marvels Personal im Grunde eine Ansammlung von Außenseitern, die nagende Selbstzweifel und gesellschaftliche Vorurteile überwinden mussten. Marvel stand für Toleranz gegenüber dem vermeintlich Fremden, und eben diese Prämisse gestattete etwa "Spider-Man" oder den "X-Men" effektvolle Sozialkritik jenseits einer bloßen Gut-versus-Böse-Erzählung.

Die Verfilmungen letztgenannter Titel übernahmen erfolgreich das progressive Credo ihrer Vorlagen und gehörten zu den erfreulichen Erscheinungen im anhaltenden Boom der Adaptionen aus dem Comic-Fundus. "Hulk", "Daredevil" und "Elektra" blieben hingegen auch im Kino eher Helden aus der zweiten Reihe, obwohl zumindest Regisseur Ang Lee versuchte, den grünen Giganten Hulk als existentialistischen Trauerkloß zu etablieren.

Superlativ der Ödnis

Schauspielerin Alba in "Fantastic Four": Talentbeweis schuldig geblieben
DPA

Schauspielerin Alba in "Fantastic Four": Talentbeweis schuldig geblieben

Aber auch diese schwächeren Filme - um vom Prolog auf das Unvermeidliche zu kommen - sind Triumphe angesichts der Tragödie, die mit der Kinoversion der "Fantastic Four" über Comic- und Filmfreunde gleichermaßen heftig hereinbricht. Denn aus den Leinwandrechten, auf denen Produzent Bernd Eichinger gut 20 Jahre brütete, ist unter der Regie von Tim Story ein abgrundtief hässliches, langweiliges und schlicht herzloses Bilder-Konglomerat geschlüpft.

Ohne jegliches Gespür für Figuren und Situationen wird dabei zunächst das schicksalhafte Werden des Helden-Kollektivs abgespult: Während einer riskanten Weltraumexpedition gerät ein Forscherteam in einen radioaktiven Sturm, der die genetischen Anlagen von Forschungsleiter Reed Richards (Ioan Gruffudd), seiner Ex-Freundin Sue Storm (Jessica Alba), Sues Bruder Johnny Storm (Chris Evans) sowie von Astronaut Ben Grimm (Michael Chiklis) fatal durcheinanderwirbelt. Auch ihr mitgereister Geldgeber, der arrogante Industriemagnat Victor von Doom (Julian McMahon), gerät in den Dunstkreis der kosmischen Wolke und durchläuft ebenfalls eine folgenschwere Transformation.

Laienspielschar in Latex

Buchstäblich jedes Kind, dessen Eltern kein Bilderverbot unter der Bettdecke verhängten, weiß um die spektakuläre Verwandlung der zur Erde heimgekehrten Abenteurer: Richards mutiert zum extrem flexiblen Gummimenschen "Mr. Fantastic", Sue Storm kann sich als "Invisible Woman" fortan allen Blicken entziehen, Johnny Storm entflammt zur fliegenden "Human Torch" und Kollege Grimm, jetzt ein schier unkaputtbarer Steinkoloss, firmiert unter dem äußerst pauschalen Namen "The Thing".

Szene aus "Fantastic Four" (mit Michael Chiklis als "The Thing"): Hinterlässt das Publikum mit versteinerter Miene

Szene aus "Fantastic Four" (mit Michael Chiklis als "The Thing"): Hinterlässt das Publikum mit versteinerter Miene

Diese ungleichen Persönlichkeiten müssen sich zusammenraufen, um ihre Heimatstadt New York vor den metallenen Klauen des "Dr. Doom" - so der naheliegende Nomme de Guerre ihres Gegenspielers Victor von Doom - zu bewahren. Eigentlich ein ebenso simpler wie vielversprechender Handlungsauftrag, der jedoch von den Beteiligten vor und hinter der Kamera schauspielerisch und inszenatorisch völlig in den Sand gesetzt wird.

So chargiert eine in Latex gehüllte Laienspielschar um die zweifellos fotogene, aber erneut den Talentbeweis schuldig bleibende Jessica Alba sowie die Fernsehstars Chiklis ("The Shield") und McMahon ("Nip/Tuck") durch willenlos platzierte Effektszenen, deren ohnehin minimaler Schauwert im dramaturgischen Nirvana verpufft. Nachgerade beeindruckend ist allenfalls die Konsequenz, mit der "Fantastic Four" als Film die Fähigkeiten seiner Protagonisten spiegelt: Er zieht sich wie alter Kaugummi, verfolgt keinen sichtbaren Zweck, ist voll und ganz hirnverbrannt und hinterlässt ein Publikum mit versteinerter Miene.

Da helfen auch keine heldenhaft ausgestanzten Dialogsätze, die selbst Haim Sabans sinnfreien TV-Plastikkrawall "Power Rangers" wie Shakespeare im Park wirken lassen. Allein die enervierende Human Torch krakeelt so oft "Wir sind die fantastischen Vier", dass man sich bald einen großen Aschenbecher herbeiwünscht. Einsamer Höhepunkt in Sachen Dialogdesaster ist jedoch die Verlobungsszene zwischen Mr. Fantastic und Invisible Woman: "Ich habe in der Raumstation einen Dichtungsring gefunden", raunt der erotikfreie Null-Charismatiker seiner Liebsten zu und sorgt so für den einzigen echten, wenn auch unfreiwilligen Lacher im Elend.

Hirnriss hoch vier

Spannung, Humor und Romantik sind so absent wie die inhärente Tragik der Figuren. Denn die halbgare Sinnkrise des körperlich verunstalteten "Thing" wird ebenso lieblos abgehakt wie der unvermeidliche Showdown mit Dr. Doom, dessen Motivation ähnlich schleierhaft bleibt wie die Begeisterung der spärlich drapierten Statisten, welche als diffuse New Yorker Bevölkerung den vier Aufschneidern zujubeln. Kurzum, es gelingt dem Film in keinem Augenblick, die zwingende Ikonografie und den humanistischen Unterbau der Vorlage in mehr als eine vorpubertäre Allmachtsphantasie zu übersetzen: "Make Mine Murks!"

Ioan Gruffudd als "Mr. Fantastic": Zäh wie alter Kaugummi

Ioan Gruffudd als "Mr. Fantastic": Zäh wie alter Kaugummi

Hier liegt das grundlegende Missverständnis - oder sträfliche Vergehen, je nachdem wie viel Überlegung man den Verantwortlichen zutrauen mag - dieses filmgewordenen Lizenzhandels: Die Geschichte, ihren Kontext und vor allem ihre Anhänger nicht ernst zu nehmen, Comics entgegen aller Beteuerungen eben nicht als Kunst zu begreifen, sondern als Kinderei abzutun, aus der sich mit einer hindigitalisierten, rummsdummen und genauso kindischen Revue der Belanglosigkeiten Kapital schlagen lässt.

Was wohl leider funktioniert, wie das erfolgreiche Startwochenende der "Fantastic Four" in den USA andeutet. Doch der kurzfristige monetäre Gewinn kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier langfristig der Kredit einer loyalen Fangemeinde verspielt wird. Angesichts der zahlreichen Titel, für die Marvel bereits Lizenzen an Filmproduzenten vergeben hat, drohen noch mehr Abstürze geliebter Helden, weshalb nur die Hoffnung auf Sam Raimis "Spider-Man 3" bleibt. Auf dass die neuen Leiden des jungen Parker wieder jenes Marvel-Mirakel bewirken, welches die geplatzte Wundertüte "Fantastic Four" so schmerzlich schuldig bleibt.


Fantastic Four

USA/Deutschland 2005. Regie: Tim Story. Buch: Michael France, Mark Frost. Darsteller: Ioan Gruffudd, Jessica Alba, Michael Chiklis, Chris Evans, Julian McMahon. Produktion: Constantin Film Produktion, MArvel Enterprises. 20th Century Fox, 1492 Pictures. Verleih: Fox. Länge: 106 Minuten. Start: 15. Juli 2005

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