Fantasy-Film "Der Goldene Kompass": Gib dem Seelenaffen Zucker

Von David Kleingers

Mit Nicole Kidman als Superschurkin und martialisch animierten Kuscheltieren könnte man sich prächtig amüsieren. Könnte. Denn leider mäandert der erste Teil von Chris Weitz' Trilogie zu sehr zwischen Märchen, Materialschlacht und Metaphysik.

Nicole Kidman sitzt lächelnd auf dem Sofa und streichelt ihr Seelenäffchen.

Ohne Zweifel, ein Film, dessen Beschreibung derart bizarre Sätze wie den obigen hervorbringt, hat grundsätzliches Interesse verdient. In "Der Goldene Kompass" sind solche Momente Legion, handelt es sich bei der aufwändigen Literaturverfilmung von Chris Weitz doch um den ersten Teil einer geplanten Fantasy-Trilogie.

Und wenn schon nicht die Welt darauf gewartet hat, dann umso mehr die Filmwirtschaft: Im Winter sehnt sich die Industrie nach einem Epos, welches das träge Weihnachtspublikum zur Bescherung ins Multiplex lockt. Für Warner Bros. und die Tochter New Line Cinema geht es dabei auch darum, den einst mit "Herr der Ringe" und "Harry Potter" abgesteckten Claim unterm Christbaum zu verteidigen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn Konkurrent Disney startet seine Fortsetzung der auf dieselbe Zielgruppe gemünzten "Chronicles of Narnia" erst im Sommer nächsten Jahres.

Unter ökonomischen Gesichtspunkten erscheint eine saisonale Aufteilung des Marktes für Familienspektakel sicher sinnvoll, doch ein direktes Aufeinandertreffen der Fantasy-Franchises hätte vielleicht einen interessanten ideologischen Wettbewerb ausgelöst. Schließlich gilt Philip Pullmanns Romanreihe "His Dark Materials", zu der "Der Goldene Kompass" gehört, gemeinhin als latent humanistischer Gegenentwurf zu C. S. Lewis' christlich geprägter Erlösungs- und Erweckungsmission im Lande Narnia.

Was jedoch keineswegs bedeutet, dass der Film von Chris Weitz auf etablierte Genrestandards verzichten würde. Das unvermeidliche Motiv des auserwählten Helden findet sich darin ebenso wie große Aufzüge herbeidigitalisierter Heerscharen, permanentes Orakeln aller Beteiligten und knuffige Kreaturen jeder Couleur.

Mit Knut und Kidman in den Krieg

All das gehört zum Abenteuer der zwölfjährigen Lyra Belacqua (Dakota Blue Richards), die als Waisenkind an der Universität Oxford aufwächst. Ihre Realität ist nur eine von unzähligen, verschieden geratenen Parallelwelten, die das Universum ausmachen. Lyras Welt zeichnet sich dabei durch die Existenz der Dämonen aus: Jeder Mensch hat einen solchen ständigen Begleiter in Tiergestalt, der nichts Geringeres als die physische Manifestation der eigenen Seele ist. Und wie bei allen Kindern wechselt auch Lyras Dämon Pantalaimon je nach Gemütslage seines menschlichen Pendants die Erscheinungsform; ein Umstand, der eigentlich mit Eintritt in die Pubertät enden soll, aber in Lyras Fall weiter anhält. Außerdem ist sie mit ihrer redseligen, mal als Hermelin, mal als Maus auftretenden Seele selten einer Meinung, was sich in einem konstanten Zwiegespräch äußert.

Die Heranwachsende hat jedoch noch ganz andere Probleme zu bewältigen, als ihr Onkel und Vormund Lord Asriel (Daniel Craig) zu einer gefährlichen Forschungsexpedition gen Polarkreis aufbricht. Gegen den Widerstand des Magisteriums – der allmächtigen, kirchengleich organisierten Weltverwaltung – will er dem kosmischen Staub nachspüren, der möglicherweise den Schlüssel zu den anderen Alternativrealitäten birgt. Damit nicht genug, entführt eine unbekannte Macht derweil überall Kinder, darunter auch Lyras Freund Roger (Ben Walker).

In der Hoffnung, ihrem Onkel folgen zu können und die verschleppten Kinder zu finden, nimmt Lyra das Angebot der mondänen Wissenschaftlerin Marisa Coulter (Nicole Kidman) an, die sie als Assistentin mit nach London nimmt. Vor der Abreise überreichen Lyras Lehrer ihr ein Instrument namens Alethiometer, jenen sagenumwobenen goldenen Kompass, der richtig angewandt die Wahrheit voraussagen soll. Tatsächlich muss das Mädchen schon bald seherische Fähigkeiten beweisen, denn Mrs Coulter ist Teil einer Verschwörung, die das gesamte Universum an den Rand des Untergangs und Lyra zu kampfhungrigen Eisbären, seefahrenden Gypsies, weisen Hexen und einem fliegenden Cowboy bringt.

Märchenstunde für Metaphysiker

Orientierungshilfe könnten indes auch die Zuschauer brauchen, wenn sie bei den Exkursen der Erzählung etwas die Übersicht verlieren. Als fast zweistündige Exposition führt "Der Goldene Kompass" ständig Figuren und Handlungsstränge ein, von denen etliche erst in noch zu drehenden Filmen relevant werden dürften. Dabei trägt der dauernde Spagat zwischen Schauwerten und quasi-philosophischem Anspruch nicht gerade zur Spannung bei, weshalb selbst das obligate Schlachtgetümmel am Schluss eher unbeeindruckt lässt. Die jüngsten Kinogänger werden sich ohnehin an Lyras riesigen Eisbär-Freund Iorek klammern, der als kriegsversessener Knut allerdings ein reichlich martialisches Kuscheltier abgibt.

Sein leider kaum genutztes Potential offenbart der Film in jenen wenigen, kleinen Szenen, die Schauspielern und Publikum gleichermaßen Raum zur Imagination lassen. Die Debütantin Dakota Blue Richards etwa überzeugt als rebellische Freidenkerin. Und ganz offensichtlich liegt diese Figur Regisseur Chris Weitz, der zusammen mit seinem Bruder Paul schon bei der gemeinsamen Nick-Hornby-Adaption "About a Boy" ein sicheres Gespür für adoleszente Nöte bewies. Ebenso gerne sieht man der bestens aufgelegten Nicole Kidman zu, wie sie ihre Superschurkin als maliziöse Mischung aus Schneekönigin, überspannter Society-Lady und Mad Scientist spielt.

Diese verheißungsvollen Ansätze scheitern jedoch am Zwang zum großen Bilderbogen, der hier als beliebiges Sampling aus visuellen Genregemeinplätzen von Tolkien bis zum Zauberer von Oz daherkommt. "Der Goldene Kompass" will alles zugleich: Metaphysisches Märchen und Materialschlacht, kindertauglichen Eskapismus und harsche Kirchenkritik, Fantasygeschwurbel und Philosophieseminar. Nur, wer in so viele divergierende Richtungen strebt, kommt zwangsläufig vom Kurs ab. Eine Fortsetzung sollte daher lieber bei den Menschen verweilen – und dem Seelenäffchen etwas Zucker geben.

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