Fantasy-Film "Eragon" Drache ist süß

Blockbuster aus der Retorte sind Hollywoods Spezialität. Was aber passiert, wenn man sich allzu sorglos aus dem popkulturellen Kanon bedient, zeigt das Fantasy-Spektakel "Eragon": Die Bestseller-Verfilmung hat große Effekte, niedliche Drachen und namhafte Darsteller - aber keine Seele.

Von Wiebke Brauer


Die Geschichte ist der feuchte Traum eines jeden Marketing-Managers: Ein 15-jähriger Junge aus Montana, der von seinen Eltern unterrichtet wurde, schreibt ein Buch. Das Buch handelt von einem Jungen, der ein Drachenei findet und in den Kampf ziehen muss. Es erzählt von attraktiven Elfen, Zwergen, bösen Königen und anderen Welten. Das Buch wird in Amerika ein Millionenerfolg, in 38 Länder verkauft und natürlich verfilmt. Und das Beste daran: Die Geschichte ist wahr. Heute ist Christopher Paolini 22 Jahre alt, schreibt an der Fortsetzung seiner Trilogie, und die 90 Millionen Dollar teure Verfilmung seines ersten Buches "Eragon - Das Vermächtnis des Drachenreiters" läuft heute in Deutschland, morgen in den USA an. So weit, so perfekt. Wäre da nicht dieses kleine Problem mit der Handlung und den Darstellern.

Szene aus "Eragon": Alles nur geklaut, alles schon geschrieben
20th Century Fox

Szene aus "Eragon": Alles nur geklaut, alles schon geschrieben

Streng genommen ist an der Story des Films gar nichts auszusetzen. Der 15-jährige Bauernjunge Eragon lebt mit seinem Onkel und seinem Cousin in Alagaësia, das vom düsteren König Galbatorix regiert wird. Eragon findet eines Tages auf der Jagd einen blauen Stein, aus dem ein blauer Drachen schlüpft. Der Drachen ist eine Sie, heißt Saphira und macht Eragon durch seine Berührung zum Besitzer und Drachenreiter. Kleines Problem: Einst ließ Galbatorix alle Drachen und ihre Reiter töten, um an die Macht zu gelangen. Schon wird Eragons Onkel von den Schergen des Königs gelyncht und der Junge muss samt Drachen fliehen, allerdings auch in Begleitung des grau melierten Geschichtenerzählers Brom. Wie sich herausstellt, ist Brom nicht nur ein ehemaliger Drachenreiter, sondern auch ein guter Lehrer in Sachen Schwertkampf und Magie. Der Kampf zwischen Gut und Böse kann also beginnen.

Bis hierhin ist "Eragon" durchaus unterhaltsam. Der kleine Drache ist reizend, der Erzählstrang übersichtlich, der Knabe blond, die Bilder bunt, und ein Kenner des Buches vielleicht noch gnädig. Eine Stunde später jedoch lässt sich trefflich darüber streiten, was der Film überhaupt noch mit der Vorlage zu tun hat. Figuren und ganze Handlungsstränge wurden herausgekürzt, denn schließlich ist der Film nur kinderfreundliche 104 Minuten lang, und nicht jeder Regisseur geht mit seinem Filmstoff so vorsichtig um wie Peter Jackson mit dem "Herrn der Ringe". Davon abgesehen ist es als Zuschauer schon schwierig genug, sich zu entscheiden, welche Fantasy-Vorlage der junge Autor nicht plünderte.

Ist der Schwertkampflehrer und Weisheitengeber Brom nicht eigentlich Obi-Wan Kenobi? Muss sich der junge Eragon nicht auch seine Hörner abstoßen wie einst Luke Skywalker? Vielleicht aber schlägt sich Eragon eher mit der gleichen tiefenphilosophischen Frage ("Warum ich?") wie Frodo Beutlin im Herrn der Ringe herum, während im Hintergrund die bösen Urgals stark an Tolkiens Orks erinnern und jeder Ort und Name seltsam vertraut klingt. Woher die Versatzstücke auch immer stammen mögen, "Eragon" ist der beste Beweis dafür, dass ein popkulturelles Gedächtnis existiert, aus dem sich immer neue Variationen desselben Themas generieren lassen: Ob Drachen, Magie, Zauberer, Monster, Zwerge und Initiationsriten von jungen Männern mit langen Schwertern: Alles nur geklaut, alles schon geschrieben, alles scheint schon einmal gelesen, déjà lu. Auch das kommt irgendwie bekannt vor? Ja, aber das Buch hieß Harry Potter und der hatte eine Eule namens Hedwig.

Wie passend, dass der Drache Saphira aus den Rechnern von Weta Digital stammt, die schon für "Der Herr der Ringe" und "King Kong" animierte Figuren und Heere zauberten. Die zweite Firma im Bunde: George Lucas' Industrial Light and Magic, die schon seit "Krieg der Sterne" im Geschäft sind. Und bei Industrial Light and Magic wiederum war "Eragon"-Regisseur Stefen Fangmeier lange Zeit tätig. Der Deutsche war unter anderem für die Special Effects in "Saving Private Ryan", "Twister" oder "Der Sturm" verantwortlich. Die scheinbar grenzenlose Welt der phantastischen Effekte scheint also in Wahrheit eine sehr kleine zu sein. Die Effekte in "Eragon" liegen übrigens qualitativ zwischen hervorragend wie in "King Kong" (Saphiras Mimik) und prähistorisch wie in "Die unendliche Geschichte" (Flugszenen mit Mensch). Da gab es übrigens auch schon so einen Drachen.

Doch es agieren natürlich auch Menschen. Abgesehen vom unbekannten Hauptdarsteller Ed Speleers (möge er unbekannt bleiben) sind es durchaus namhafte Schauspieler wie Robert Carlyle und Djimon Hounsou, Jeremy Irons als Brom oder John Malkovich als böser König. Charaktermime Irons ist allerdings allerspätestens seit "Dungeons and Dragons" Trash-verdächtig, und Malkovich wähnte sich wohl statt in einem B-Movie auf einer Theaterbühne und deklamiert jeden seiner Sätze inbrünstig. Zusammen mit den alles untermalenden Pauken und Trompeten, dem Drachenblut und dem blonden Helden rückt der Film zuweilen in Nibelungen-Nähe. Allein, es singt keiner. Immerhin.

Was bleibt, ist der wahr gewordene Marketing-Traum. Möglicherweise geht die Rechnung auf, und es werden viele Menschen in den einzig epischen Weihnachts-Blockbuster strömen, "Eragon"-Poster in Kinderzimmern aufhängen und nach dem Buch auch noch das Computerspiel kaufen, das seit November auf dem Markt ist. Vielleicht aber auch nicht. In den Fan-Foren regt sich bereits jetzt der Unmut. Vielleicht werden sich Millionen enttäuschter Leser rächen und den Film boykottieren: Keine Zuschauer, kein Geld, aus der Traum, weg war der Drache. Besser wär's.



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