Fantasy-Film "Wächter des Tages" Brutalos im Liebesrausch

Das russische Science-Fiction-Spektakel "Wächter der Nacht" war ein Überraschungshit. Im Nachfolger "Wächter des Tages" wird weniger gemetzelt, dafür mehr gefühlt: "Ich wollte Frauen in den Kinosaal locken", sagt der Regisseur.


Berlin - Eine aufgerüschte Russenbraut erklimmt im Sportwagen eine Hotelfassade, zwei übernächtigte Zauberwesen tauschen ihre Körper, ein Stück "Schicksalskreide" rettet die Menschheit vor der Apokalypse: Der Fantasy-Film "Wächter des Tages" (im Original: "Dnewnoj dozor"), seit Donnerstag in deutschen Kinos zu sehen, ist ein einziges Abstrusitäten-Kabinett.

Hauptdarsteller Khabensky, Poroshina: Action mit Herz
20th Century Fox

Hauptdarsteller Khabensky, Poroshina: Action mit Herz

Mit ihrer konsequenten Überdrehtheit übertrifft die Fortsetzung sogar ihren Vorgänger - was etwas heißen soll, denn selten war ein Exportschlager so krude und blutig wie "Wächter der Nacht" ("Nochnoj dozor") von 2004. Der russische Blockbuster machte mit kurzweiligem Gemetzel und wahnwitzigen Spezialeffekten klar: Russlands Filmindustrie rüstet sich für den Westen.

Bis dato fanden russische Produktionen allenfalls im Kunstkino Platz. Doch die Geschichte um den tragisch-herben Antihelden Anton Gorodetzky (Konstantin Khabensky) verführte ein Massenpublikum zum Kinobesuch: Das Fantasy-Spektakel spielte in seiner Heimat das vierfache der Produktionskosten ein, übertrumpfte damit "Herr der Ringe" und eroberte prompt deutsche, französische oder finnische Leinwände. "Dass wir Erfolg haben würden, war mir klar", sagt Regisseur Timur Bekmambetov mit dem Selbstbewusstsein eines Werbefilmers (er war tatsächlich mal einer), schließlich sei von Anfang an "ein großer Film für ein großes Land" angedacht gewesen.

Die Filmreihe bedient sich der Romanvorlage des russischen Schriftstellers Sergey Lukianenko, der selbst am Drehbuch mitwerkelte. Im Mittelpunkt der Saga um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse stehen die sogenannten "Anderen": Wunderwesen wie Vampire, Hexen oder Gestaltenwandler, die sich durch eine düstere Zwischenzone bewegen. Jeder "Andere" darf sich nur ein einziges Mal entscheiden, auf welcher Seite er stehen will.

Die Freaks sind unter uns

Seit dem Mittelalter regelt ein Nichtangriffspakt die Balance der Mächte. Um den Waffenstillstand zu sichern, kontrollieren Spezialagenten die Machenschaften der Gegenpartei: Die "Wächter der Nacht" nehmen die dunkle Seite, die "Wächter des Tages" die helle ins Visier. Clevere Plot-Idee: Die mythische Fehde wird ins heutige Moskau verpflanzt und zieht den Zuschauer mit der Vorstellung in den Bann, dass die Freaks unerkannt mitten unter uns leben.

Im ersten Teil strauchelt Hauptfigur Anton zwischen den Welten: Eigentlich ist er ein "Guter", verliert jedoch selbstverschuldet seinen Sohn Yegor an das Schattenreich. Während "Wächter der Nacht" mit einem gewissen Trash-Charme punktete und mit der Aufmüpfigkeit eines Nischenhits kokettierte, setzt der Nachfolger deutlicher auf ein breites Publikum. "Im ersten Teil war ich wie besessen davon, etwas explodieren zu lassen, die Grenzen auszuloten", erklärt Bekmambetov, "nun war es an der Zeit, eine Geschichte zu erzählen".

In der Story des zweiten Teils gerät Anton unter Verdacht, Mitglieder der dunklen Fraktion ermordet zu haben - und der Waffenstillstand zwischen den Mächten bröckelt. Gemeinsam mit seiner adretten Gefährtin Svetlana macht sich Anton auf die Suche nach der magischen Schicksalskreide, die Geschehenes rückgängig machen kann. Yegor, inzwischen ein abgebrühter Vampir-Teenie, avanciert zum Zögling des arglistigen Schattenführers Zavulon.

Science-Fiction mit einer Extraportion Gefühl

Was folgt, ist ein Zwei-Stunden-Marathon aus Mutanten-Gefechten und Verfolgungsjagden. Ähnlich wie sein Vorgänger strotzt "Wächter des Tages" vor Spezialeffekten, die zuweilen herrlich albern wirken - etwa, wenn ein Killer-Riesenrad die Innenstadt planiert oder Buchstaben im Untertitel wie Stimmungsringe die Farbe wechseln.

Trotzdem bezeichnet Bekmambetov das Sequel als "weiblicher": Denn zwischen all dem übernatürlichen Kräftemessen bleibt noch genügend Raum für eine Romanze des Agentenduos Anton und Svetlana. Liebe, Eifersucht, Rache und Schuld - "Wächter des Tages" bereichert die Fantasy-Mixtur mit einer Extraportion Gefühl. "Der erste Teil war ein Film für Jungs", sagt der Regisseur und grinst. "Aber warum sollte Science-Fiction nicht auch Frauen in den Kinosaal locken?"

Die Zielgruppe erweitern, das ist angesichts des internationalen Kinostarts wohl eine gute Idee. Nach dem Erfolg von "Wächter der Nacht" hatte sich 20th Century Fox die weltweiten Vertriebsrechte an den "Wächter"-Filmen gesichert. Der dritte Teil ("Wächter der Dämmerung") wird voraussichtlich komplett von Fox produziert.

Damit liegt der russische Blockbuster jetzt in amerikanischen Händen. Der Regisseur nimmt es gelassen: "Wenn ich einen Film drehe, ist es mir egal, was damit außerhalb von Russland passiert", sagt Bekmambetov fast trotzig. In erster Linie habe er die "Wächter" für das heimische Publikum gemacht - und wenn die Filme auch anderswo ankommen, "kann das nicht schlecht sein", sagt er.

"Fantasy funktioniert eben überall: Leben und Tod, Vorstellungen von einer Parallelwelt existieren in jeder Kultur".



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