Fantasy Filmfest Der Horror wird salonfähig

Sie meinen es ernst mit der Verstörung: Das Fantasy Filmfest tourt mit drastischen Gewaltbildern und ambitionierten Geschmacklosigkeiten durch Deutschlands Multiplex-Kinos.

Filmszene aus "Abattoir"
Constantin Film/ Fantasy Filmfes

Filmszene aus "Abattoir"

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Ein abgelegenes Haus, weite Felder, gefilmt in kontrastreichem Schwarz-Weiß, das Erinnerungen an die Bilder aus Alfred Hitchcocks "Psycho" wachruft. Die Mutter und die Tochter, Francisca, sind allein zu Hause. Ein Mann überredet die Mutter, ihn ins Haus zu lassen. Dort wird sie von ihm ermordet. Der Vater kommt nach Hause, findet den Mörder neben der Leiche seiner Frau und kettet ihn in der Scheune auf dem Grundstück an. Dort vegetiert der Mann jahrelang vor sich hin. Der Mann, sagt Francisca, sei ihr einziger Freund. Sie vernäht ihm die Augenlider. Als ihr Vater stirbt und der Mörder ihrer Mutter zu entkommen versucht, wird klar: Die Gewalt will Wiederholung. Und Francisca eine neue Familie.

Die Grausamkeit, die in Nicolas Peces Debüt "The Eyes of my Mother" nahezu jede der in ruhigem Rhythmus geschnittenen Sequenzen bestimmt, wird teilnahmslos aufgezeichnet, in zugleich drastischen wie sorgfältig komponierten, artifiziell wirkenden Bildern. Damit ist in "The Eyes of my Mother" konzentriert, was die Filmauswahl des Fantasy Filmfests ausmacht: der Hang zu drastischen Gewaltdarstellungen, verbunden mit dem - im Fall von "The Eyes of my Mother" geglückten - Versuch, dem jeweiligen Genre noch etwas Neues, Ungesehenes abzuringen. Es ginge ihnen nicht um einzelne Genres, sondern um Filme, die "fordern und überfordern, mit Konventionen brechen" und "provozieren", schreiben die Veranstalter im Programmheft.

Zum ersten Mal fand das Fantasy Filmfest 1987 statt, in der Hamburger Markthalle mit einer Reihe von Klassikern und ein paar Premieren. In diesem Jahr feiert es sein dreißigjähriges Bestehen. Ein reines Horrorfilmfestival ist der einwöchige Filmmarathon schon lange nicht mehr. Was als Underground-Veranstaltung begann, hat sich zum größten Festival für Genrefilme in Deutschland ausgewachsen und tourt jeden Sommer durch die großen Städte. Vor einigen Jahren schon ist man in die Multiplexe umgezogen (abgesehen von Hamburg, hier gastiert man wieder im Programmkino Savoy).

Organisatoren setzen auf Fantasie, Innovation, Skurrilität

Das Festival hat sich etabliert: 1988 spielte die Hamburger Punkband Angeschissen auf der "Gorenight" des Fantasy Filmfests - heute steuert die Zeitschrift "TV Spielfilm" das Preisgeld für den "Fresh Blood Award" bei. In dem Wettbewerb werden Debüt- und Zweitfilme von jungen Regisseuren ausgezeichnet. Das Publikum stimmt ab.

Vielleicht ist die Popularisierung auch ein weiteres Zeichen dafür, dass die besorgte Debatte um Gewaltbilder im Genrefilm zumindest bis auf Weiteres ein Ende gefunden hat. Auf die Filmauswahl hat die gewachsene Popularität des Festivals jedenfalls keinen Einfluss, Zugeständnisse an Sitte und Anstand werden keine gemacht. In diesem Jahr finden sich im Programm ambitionierte Geschmacklosigkeiten wie "The Greasy Strangler" oder der delirierende Debütfilm "We are the Flesh" neben dem südkoreanischen Blockbuster "The Priests", dem es gelingt, mehr als 40 Jahre nach William Friedkins "Der Exorzist" mitreißend von einer Dämonenaustreibung zu erzählen.

Weniger gelungene Filme im Programm zielen nicht auf die Aktualisierung etablierter Topoi, sondern versehen Altbekanntes mit einer Retro-Patina. Die Horrorkomödie "Beyond the Gates" reaktiviert die juxigen Spielarten des US-Horrors der Achtzigerjahre, während "Carnage Park" eine neunzigminütige Hommage an den Terrorfilm der Siebziger ist.

"Harry Potter"-Radcliffe eröffnet das Festival

Die interessanteren Impulse in diesem Jahr kommen von den Filmen, die es mit der Verstörung des Publikums spürbar ernst meinen: der erwähnte "The Eyes of my Mother" etwa oder der indische Serienkillerfilm "Psycho Raman". Überhaupt kommen einige der Highlights wie so oft aus dem asiatischen Raum. Der japanische Regisseur Kiyoshi Kurosawa ist mit dem auch für seine Verhältnisse beklemmenden Psychothriller "Creepy" vertreten. Und was "The Priests" für den Exorzismus-Horror gelingt, schafft auch der südkoreanische "Train to Busan", der erste Zombiefilm überhaupt, der im offiziellen Programm von Cannes gezeigt wurde, wenn auch außer Konkurrenz: die ungeheuer wirkungsvolle Reanimation einer eigentlich auserzählten Geschichte.

Am vielversprechendsten klingt der Eröffnungsfilm "Swiss Army Man", der jenseits aller etablierten Pfade zu wandeln scheint. Man darf auf eine radikal eigensinnige Robinsonade hoffen. "Fantasie, Innovation und Skurrilität" seien ihnen wichtig, schreiben die Organisatoren. Das sieht im Falle von "Swiss Army Man" so aus: "Harry Potter"-Daniel Radcliffe spielt den Titelhelden, eine Leiche mit Blähungen, die einem auf einer einsamen Insel gestrandeten Mann (Paul Dano) Gesellschaft leistet und sich bald als vielseitig einsetzbar und äußerst nützlich erweist. Klingt nach einem würdigen Opener für den runden Geburtstag.


Fantasy Filmfest 2016, Berlin ab 17. August, Nürnberg ab 18. August, außerdem in München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Hamburg

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
rolandholtz 16.08.2016
1. Die täglichen Gewaltdarstellungen, die schon am Nachmittag beginnen
und dann das. Ganz offen ich habe mich nie dafür interessiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die das zulässt billigend in Kauf nimmt, dass nicht gefestigte Persönlichkeiten sich soetwas zum Vorbild nehmen und das umsetzen. Wenn wir über Gewalt und Terror sprechen, dann findet der meiner festen Überzeugung nach, auch in solchen Darstellungen seine Ursache. Die eigentliche Frage ist: Wann wird dieser Wahnsinn beendet und wer beendet ihn. In einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt human zu sein, ist dafür keine Platz.
Newspeak 16.08.2016
2. ...
Zitat von rolandholtzund dann das. Ganz offen ich habe mich nie dafür interessiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die das zulässt billigend in Kauf nimmt, dass nicht gefestigte Persönlichkeiten sich soetwas zum Vorbild nehmen und das umsetzen. Wenn wir über Gewalt und Terror sprechen, dann findet der meiner festen Überzeugung nach, auch in solchen Darstellungen seine Ursache. Die eigentliche Frage ist: Wann wird dieser Wahnsinn beendet und wer beendet ihn. In einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt human zu sein, ist dafür keine Platz.
Was für ein Unsinn. Was Sie sagen, ist Faschismus. Sie legen fest, was moralisch ist? Wie anmaßend. Darf man daran erinnern, daß es den Zweiten Weltkrieg ganz ohne Killerspiele und Fantasy Filmfest gab. Oder daß sich kein Mensch über echte Armeen aufregt, die echte Kriege vom Zaun brechen und echte Menschen töten, aber die virtuelle Gewalt, die ist natürlich ganz schlimm. Wieso darf man in Deutschland Waffen produzieren, und wird als ehrenwert beurteilt, aber Computerspiele und Filme, die sind schlimm? Nebenbei, der Rezensent hat auch nicht verstanden, worum es beim Fantasy Filmfest geht. Gewalt und Splatter sind ein Teil davon, aber nicht alles. Es gibt viel mehr, was provozieren kann, als Gewalt. Die Mehrzahl der Filme ist vermutlich harmloser als das übliche Vorabendprogramm. Aber dazu muß man sich das mal ansehen, und nicht nur darüber schreiben.
amy_wong 16.08.2016
3. ...
Zitat von rolandholtzund dann das. Ganz offen ich habe mich nie dafür interessiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die das zulässt billigend in Kauf nimmt, dass nicht gefestigte Persönlichkeiten sich soetwas zum Vorbild nehmen und das umsetzen. Wenn wir über Gewalt und Terror sprechen, dann findet der meiner festen Überzeugung nach, auch in solchen Darstellungen seine Ursache. Die eigentliche Frage ist: Wann wird dieser Wahnsinn beendet und wer beendet ihn. In einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt human zu sein, ist dafür keine Platz.
Den Anspruch human zu sein kann eine Gesellschaft m.E. nur erfüllen, wenn sie demokratisch organisiert ist und es unter anderem so etwas wie die Freiheit der Kunst gibt. In einer humanen Gesellschaft kann es also die von ihnen geforderte Zensur nicht geben.
uzsjgb 16.08.2016
4.
Zitat von rolandholtzund dann das. Ganz offen ich habe mich nie dafür interessiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die das zulässt billigend in Kauf nimmt, dass nicht gefestigte Persönlichkeiten sich soetwas zum Vorbild nehmen und das umsetzen. Wenn wir über Gewalt und Terror sprechen, dann findet der meiner festen Überzeugung nach, auch in solchen Darstellungen seine Ursache. Die eigentliche Frage ist: Wann wird dieser Wahnsinn beendet und wer beendet ihn. In einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt human zu sein, ist dafür keine Platz.
Dann müsste man ja nur diesen nicht gefestigten Persönlichkeiten Liebesfilme vorführen und wäre das Problem los.
loki66 16.08.2016
5.
In einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt Demokratie, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst hochzuhalten ist für eine Zensur wie sie sie fordern kein Platz! Überdenken sie ihre eigenen Frorderungen bevor sie die geistige Integrität aller über 18 jährigen mündigen deutschen Bürgern unter Generalverdacht stellen!
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