Fantasyfilm "Der Brief für den König" Postbote ohne Fehl und Tadel

Jeder Ritter fängt als Ritterchen an. Die Kinoversion des Fantasyklassikers "Der Brief für den König" verzichtet auf große Schlachten, Effekte und Zauberwesen. Übrig bleibt eine sympathische Geschichte von tapferen Helden - und solchen, die es werden wollen.

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Eigentlich sollte sich der 16-jährige Tiuri (Yannick van de Velde) nicht groß beschweren, lebt er doch den Traum vieler heranwachsender Jungen auf dem ganzen Planeten: Zwar gibt es in seiner Welt aus längst vergangenen Zeiten im freundlichen Königreich Dagonaut weder Fernseher noch Handy, dafür aber massenweise echte Ritter. Sein Vater, Tiuri der Tapfere, ist sogar so etwas wie ein Rockstar unter den Rittern, und der kleine Tiuri könnte das auch bald sein, denn als Schildknappe steht er unmittelbar vor dem Ende seiner Ausbildung und dem damit verbunden Ritterschlag.

Doch ein richtiger Pubertierender kann sich ja über nichts so richtig freuen. Tiuri jedenfalls hätte gern noch ein paar Jahre mit der Ritterwerdung gewartet, und die Fußstapfen seines Vaters erscheinen ihm sowieso unausfüllbar.

Da trifft es sich, dass bei seiner letzten Ritterprüfung – eine schweigende Nachtwache mit den anderen Knappen in der Kapelle – ein Verwundeter an die Tür klopft und um Hilfe fleht. Im Gegensatz zu seinen Kollegen lässt sich Tiuri erweichen und fragt den Fremden, wo denn das Problem liege.

Den Ritterschlag kann er damit vergessen, doch dafür darf er sich nun als Edel-Postbote versuchen: Der Mann drückt ihm einen mehrfach versiegelten Brief in die Hände, von welchem das ganze Schicksal des Nachbarreiches Unauwen abhänge und der zwecks Weitertransports dringend in die Hände von Ritter Edwinem gelangen müsse.

Den findet Tiuri wenig später sterbend auf einer Lichtung, so dass er den Brief selbst zu König Unauwen bringen muss. Von Edwinem bekommt er immerhin noch einen Ring, ein Pferd und eine eher grobe Wegbeschreibung, und schon kann es losgehen mit gefährlichen Prüfungen und unglaublichen Abenteuern.

Die sind so gefährlich und unglaublich dann allerdings nicht.

"Der Brief für den König" vom niederländischen Regisseur Pieter Verhoeff verzichtet wie seine Vorlage – Tonke Dragts Jugendbuchklassiker aus dem Jahr 1962 – auf blutige Gewalt, große Schlachten und muntere Fabelwesen.

Tiuri muss zwar ein paar Schwertkämpfe meistern, durch eisiges Gebirge klettern, und ständig sind ihm die bösen Roten Reiter von Eviellen auf den Fersen, doch man hat nie den Eindruck, dass man sich um den Jungen ernsthaft Sorgen machen müsse. Hauptdarsteller van de Felde gönnt sich gelegentlich einen milde besorgten Blick, sonst schaut er auch unter bewaffneter Verfolgung oder zwischenzeitlicher Einkerkerung recht unbeschwert drein.

Viel mehr beschäftigen diesen Tiuri die Probleme mit seinem Vater, der ja zu Hause bitter enttäuscht von ihm sein muss, und außerdem muss er dauernd an das hübsche Burgfräulein Lavinia (Hanna Schwamborn) denken, nachdem sie ihn freundlicherweise aus dem Verließ ihres Vaters Rafox (Uwe Ochsenknecht) befreit hat.

Entwaffnend schlicht ist dieser Film, geradezu freundlich und unschuldig im Verhältnis zu teuren Hollywood-Spektakeln wie "Herr der Ringe" oder "Die Chroniken von Narnia", die sich an ein ähnliches Publikum wenden. "Der Brief für den König" wird eher die Unter-Zwölfjährigen faszinieren, die Größeren wünschen sich wahrscheinlich doch etwas mehr Spannung, wenigstens ein bisschen glaubwürdige Action und ein paar intelligentere Hauptfiguren.

Sie werden diesem Film aber auch nicht böse sein können. Dazu ist er einfach viel zu nett.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
mime 13.11.2008
1. Nett...
Zitat von sysopJeder Ritter fängt als Ritterchen an. Die Kinoversion des Fantasyklassikers "Der Brief für den König" verzichtet auf große Schlachten, Effekte und Zauberwesen. Übrig bleibt eine sympathische Geschichte von tapferen Helden - und solchen, die es werden wollen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,590005,00.html
...ist ein anderes Wort für EGAL.
Sydne, 13.11.2008
2. Interessant...
Was für ein wundervolles Buch. Zusammen mit dem Nachfolger "Der Wilde Wald" nehme ich es von Zeit zu Zeit aus dem Buchregal und versinke in der Ritterwelt des Tiuri. Ich hoffe, der Film wird dem Buch gerecht!
heikoprasse 13.11.2008
3. Gut so!
Ich freue mich auf eine "Buchnahe" Verfilmung - auch wenn ich weit über 12 Jahre alt bin... Vermutlich wird der Film Erwachsene, die NICHT das Buch als Kind gelesen haben, tatsächlich nicht besonders ansprechen - für mich wäre es eher schade, wenn die Produzenten zu krampfhaft versucht hätten, das sprichwörtliche "Kino für die ganze Familie" daraus zu machen. Das ist m.E. bei Narnia schon nicht gelungen - für kleinere Kinder und erwachsene Nostalgiker wie mich war die Grundstimmung zu gewalttätig, für Actionfilmfans die Handlung zu kindisch etc. Gerade bei Literaturverfilmungen finde ich es angebracht, ruhig ein wenig Zielgruppenorientiert zu bleiben - und bei diesem Film zähle ich mich als großer Fan des Kinderbuchs - zur Zielgruppe
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