"Fast and Furious 8" Galoppierendes Testosteron

Vin Diesel und Kollegen treten wieder das Gaspedal durch: "Fast & Furious 8" ist bemerkenswert infantiler Muckis-und-Motoren-Spaß mit gewohnt lautstarker Action. Nur beim Thema Familie werden die Machos weich.

Universal Pictures

Eine Herde Wildpferde, Mustangs, mit Funken schlagenden Hufen und flatternden Mähnen, die durch eine Siedlung galoppieren, während die Bewohner Schutz in Gebäuden suchen. Der Leithengst ein tiefschwarzer, starker Rappe, der mit Lassos nicht einzufangen ist: Daran erinnert die innovativste der vielen Verfolgungs-Action-Szenen im mittlerweile achten Teil von "Fast and Furious".

Pferde sind in der Materialschlacht-Reihe ein wichtiges Thema. Schließlich wird hier in Pferdestärken gemessen - und zwar ausschließlich. Ein "Mustang" ist zudem gleichzeitig ein wildes Pferd und Fords bekannteste Modellreihe, die im Teil 6 ausgiebig gefahren und verbeult wurde. "Straight Outta Compton"-Regisseur F. Gary Gray hat die Jagd demzufolge choreografiert wie eine überwältigende Stampede mitten durch Manhattan.

Die potentielle Menschheitsvernichterin Cipher (Charlize Theron) hat nämlich dank ihrer überdurchschnittlichen Programmierintelligenz von ihrer dekadenten Privatjetzentrale aus die Autopiloten sämtlicher selbstfahrender Autos in der Gegend in ihre Gewalt gebracht. Sie lässt die Autozombies durch die engen Straßen walzen und aus den oberen Etagen der Gründerzeit-Wolkenkratzer, in denen in den USA anscheinend die Autohäuser untergebracht sind, durch geschlossene Fensterscheiben auf die Straßen krachen, um sich der Herde anzuschließen.

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"Fast & Furious 8": Volle Familienfahrt voraus!

Ein wild-rasantes Schauspiel, dessen Höhepunkt in dem erfolglosen Versuch besteht, den starken, rappenschwarzen (!) Wagen des Protagonisten Dom (Vin Diesel) mit modernen Lassos, nämlich Blechseilen mit Metallhaken, einzufangen und zu zähmen. Doms Pferdestärken dominieren jedoch, und so darf er am Ende weiterbrausen.

Im ersten Sequel ohne den verstorbenen Paul Walker alias Brian, der bis dato eine der Hauptfiguren war und im letzten Teil noch per CGI und in wenigen Spielszenen in die Geschichte getrickst wurde, geht es wieder einmal um die Frage, wer gut und wer böse ist, wem man trauen kann und wem plötzlich nicht mehr. Dom scheint sich plötzlich gegen seine Crew zu stellen - dass er von der perfiden, dreadlocktragenden Cipher erpresst wird, ahnen Zuschauer und seine treue Freundin Letty (Michelle Rodriguez) allerdings schnell.

Familie, Freundschaft und Vertrauen sind also die Themen, die - wie in den Teilen davor - teilweise fast schon penetrant beschworen werden. Zum Freundeskreis gehören auch immer die Autos als brave Vollstreckungsgehilfen, mehr noch, als echte Freunde - anders als etwa bei James Bond haben sie einen immateriellen, persönlichen Wert, werden wie das sinkende Schiff erst verlassen, wenn nichts anderes mehr geht.

Tränen fließen bis zum Stiernacken

Dass Dom sich tatsächlich erpressen lässt, bei der Beschaffung der allergefährlichsten Atomraketen der Welt zu helfen, liegt an seinem im Plot aufgedeckten Schicksal, seinem "Fate of the Furious" (so der Originaltitel), und produziert Emotionalität galore. Die Tränen fließen bis zum Stiernacken hinunter, die Prioritäten ändern sich, und "We are family" bekommt eine neue Note.

Diese familiär-emotionale Komponente zieht sich durch alle Figuren des Blechballetts: Auch Doms Freund Luke (Dwayne Johnson) lässt sich vor lauter Vatersein anfangs gar kaum überreden, überhaupt nochmal als motorisierter Agent zu arbeiten, weil er seine niedliche Tochter nicht im Stich lassen will. Beim Agentenjungspund Eric, der mit der rüden Schrauberclique erst noch warm werden muss, schwingt das Thema subtiler, aber dennoch wahrnehmbar mit: Er wird von Scott Eastwood gespielt, dessen Vater einfach immer im Raum ist.


"Fast & Furious 8"
USA 2017
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Chris Morgan, Gary Scott Thompson
Darsteller: Vin Diesel, Jason Statham, Dwayne Johnson, Michelle Rodriguez, Tyrese Gibson, Ludacris, Charlize Theron, Kurt Russell
Produktion: Universal Pictures, One Race Films, Original Film
Verleih: Universal Pictures International
Länge: 136 Minuten
FSK: frei ab 12 Jahren
Filmstart: 12. April 2017


Und Jason Statham als der andere glatzköpfige Muckibudenfreund Deckard steuert eine Mutter bei, gespielt von Helen Mirren. Die viel zu wenigen Szenen mit ihr als im Hintergrund agierende abgeklärt-britische Teetrinkerin sind ein Highlight des Films, und eine Wohltat für Motoren-Glatzen-Muckis-Botox (Theron!)-gesättigte Augen.

Ansonsten haftet diesem achten, (fahr)technisch wieder beeindruckend präzisen Auswuchs der "Fast & Furious"-Reihe erneut etwas Infantiles an, das schon die anderen Teile verströmten, und den Film auch bei jüngeren Kinogängern so beliebt macht. Die assoziierten Pferde stehen in ihrem eigenen Genre, dem Pferdefilm, für den Übergang aus der Kindheits- in die Teenagerphase. An der Schwelle zwischen Kuscheltier und Loverboy oder Partner, den man noch nicht will, dessen Kraft und Potenz man aber schon ahnt. Gilt aber nur für Mädchen.

Fahrspaß pur, Romantik pur

Bei Jungen, denen Reiten als Hobby und der gemeine Pferdefilm meist durch Genderklischees ausgetrieben wird, sind es demzufolge die Pferdestärken: Fahren dürfen sie noch nicht, die Kraft und Potenz der Maschinen ahnen sie aber schon. Ein Film, in dem Männer mit Muckis und Motoren protzen, vergleichen, wer den längeren Auspuff hat, Rennen in verschiedenen Umgebungen fahren, sich mit Fäusten und verbal kloppen, und dabei von Models in Ultra-Minis und Push-Up-Bras umringt werden, ist eine reine, pubertäre Testosteronshow.

Die zwar Spaß machen kann, aber trotz Therons Bösewichtin-Darstellung und Rodriguez' Alphamännchenfreundin-Funktion keine Sekunde lang an Genderklischees rüttelt. Und in einer sich unaufhaltsam und notwendig in Richtung "autofrei" entwickelnden Welt fast schon rührend altmodisch auf puren Fahrspaß pocht.

Im soeben beendeten Verfahren gegen die Fahrer eines illegalen Straßenrennens in Berlin, das im Februar letzten Jahres ein Menschenleben forderte, wurde bekanntlich ein sehr hohes Strafmaß verhängt. Die Begründung der Richter lautete, die Angeklagten hätten den Tod von anderen Verkehrsteilnehmern zwar nicht hervorrufen wollen, ihn aber für möglich gehalten und sich damit abgefunden.

In der aufgemotzten Fiktionalisierung des Themas, das sich die "F & F"-Reihe seit Jahren auf die Fahne schreibt, sieht man bei den vielen illegalen Rennen selbstverständlich keine Opfer. Doch immerhin fahren im neuen Teil teilweise Freunde auf Motorrädern voraus und halten illegal störenden Verkehr auf. Damit das Autowunderland nicht durch reelle Gefahren erschüttert wird.

Im Video: Der Trailer zu "Fast & Furious 8"

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
barbara.hoven 12.04.2017
1. Liebe Frau Zykla
"infantiler Muckis-und-Motoren-Spaß mit gewohnt lautstarker Action. Nur beim Thema Familie werden die Machos weich" Ist Ihnen schon einmal aufgefallen wären hier die Darsteller Frauen hätten Sie bestimmt von "Powerfrauen" und "FrauenPower" geschrieben. Diese "Gleichbehandlung"ist doch bestimmt gewollt, oder?
cih 12.04.2017
2. @barbara.hoven
hat werte Redakteurin überhaupt den Film gesehen? :D "Dom scheint sich plötzlich gegen seine Crew zu stellen - dass er von der perfiden, dreadlocktragenden Cipher erpresst wird, ahnen Zuschauer und seine treue Freundin Letty (Michelle Rodriguez) allerdings schnell." Da die Freundin ja in Wirklichkeit im Film seine Schwester ist :D
Dengar 12.04.2017
3. Bitte?!
Zitat von cihhat werte Redakteurin überhaupt den Film gesehen? :D "Dom scheint sich plötzlich gegen seine Crew zu stellen - dass er von der perfiden, dreadlocktragenden Cipher erpresst wird, ahnen Zuschauer und seine treue Freundin Letty (Michelle Rodriguez) allerdings schnell." Da die Freundin ja in Wirklichkeit im Film seine Schwester ist :D
Letty ist auf einmal Doms Schwester? Dann schenke ich mit Teil 8. Bisher war Letty ja seine Freundin (und eigentlich Frau) und Mia seine Schwester. Wird das jetzt alles über den Haufen geworfen?
Pistol Pete 12.04.2017
4. Alles wie gehabt
Zitat von DengarLetty ist auf einmal Doms Schwester? Dann schenke ich mit Teil 8. Bisher war Letty ja seine Freundin (und eigentlich Frau) und Mia seine Schwester. Wird das jetzt alles über den Haufen geworfen?
Nein, Nein! Alles wie gehabt. Der werte Herr Forist hat sich da wohl vertan. Letty alias Michelle Rodriguez ist Freundin bzw. inzwischen Ehefrau und Mia alias Jordana Brewster immer noch Schwester, allerdings im neuen Film abwesend. Alles gut.
pauschaltourist 13.04.2017
5.
Ich mochte diese Filmserie wirklich - doch die beiden letzten Teile waren derart strunzdämlich und langweilig, dass ich auch für den neuen Teil keine großen Hoffnungen hege.
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