Pärchen-Komödie "Fast verheiratet": Überforderter Kuschelhase

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Der Frau die Karriere überlassen? Kein Problem, denkt sich die männliche Hauptfigur in der US-Romanze "Fast verheiratet". Doch das moderne Partnerschafts-Experiment schlägt auf anrührend-komische Weise fehl.

Normalerweise sind es in Hollywood die Frauen, die sich quälende Fragen nach dem Verbleib ihrer Identität im Dilemma zwischen Beziehung und Karrierewunsch stellen müssen. Arme verwirrte Dinger, die im Verlauf der typischen Romantic Comedy irgendwann auch noch zum Sex-Objekt degradiert werden, indem sie in sexy Unterwäsche posieren oder gleich ganz nackt im Bett liegen müssen, während die smarten Kerle sich ultra-determiniert oder gefühlskontrolliert geben.

In den extrem erfolgreichen Komödien von Produzent Judd Apatow hat sich dieses über Jahrzehnte zementierte Geschlechterverhältnis dankenswerterweise umgekehrt. Im Trennungsdrama "Forgetting Sarah Marshall" von 2008 (auf Deutsch etwas zotig "Nie wieder Sex mit der Ex" betitelt) ist es der Schauspieler Jason Segel, der blankziehen muss. Soeben aus der Dusche und nackt, muss er erdulden, wie seine Freundin mit ihm Schluss macht. Und auch für den Rest des Films bleibt er der Schutzbedürftige, der am Ende, als er mit der Ex dann doch wieder im Bett liegt, vor lauter Verwirrung keinen hochkriegt.

Jason Segel, 32, bekannt als gutmütiger Marshall Eriksen aus der TV-Serie "How I Met Your Mother" , ist der furchtloseste Schauspieler seiner Generation. Weil er den Mut hat, die Schwächen seines Geschlechts unter vollem physischen Einsatz zu zeigen. Und weil er sich traut, seinen schwabbeligen, riesigen Körper und seine nicht sehr feinen Gesichtszüge auf der Leinwand als Spiegelfläche zur Verfügung zu stellen - für den erschlafften, effeminierten Männertyp des modernen Um-die-Dreißigjährigen, der mit seiner generellen Orientierungslosigkeit durch westliche Großstädte schlurft.

Lady Di trifft Superbunny

In der von Apatow ("Knocked Up") produzierten Rom-Com "Fast verheiratet" spielt Segel erneut einen dieser amorphen Beziehungsbären. Durch einen Wink des Schicksals ist er mit einer unfassbar schönen Frau zusammen: Violet (Emily Blunt) ist eine gewitzte und sehr intelligente Psychologie-Doktorandin, die sich auf einer Neujahrsparty in Tom (Segel) verliebt, der in einem der angesagteren Restaurants von San Francisco als Koch arbeitet. Die Britin ist als elegante Lady Di verkleidet. Er als Superbunny im rosa Hasenkostüm.

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Komödie "Fast verheiratet": Der (fast) kastrierte Mann
Dennoch ist die Liebe groß, und als Tom seiner Violet einen charmant verunglückten Heiratsantrag macht, willigt die Schöne sofort ein. Zur Hochzeit allerdings kommt es so bald nicht, wie schon der Originaltitel des Films, "The Five Year Engagement", andeutet. Denn Violet erhält die Chance, zunächst für zwei Jahre als Post-Doc an einer Universität zu arbeiten, allerdings im US-Bundesstaat Michigan, in der tiefsten Provinz.

Tom nimmt es gelassen: Sind ja nur zwei Jahre, und kochen könne er überall. Das Pärchen vertagt also die Feierlichkeiten und zieht vom sonnigen Kalifornien in den winterlichen Mittelwesten. Violet ist argwöhnisch: Tom solle ehrlich sagen, wenn er nicht zu ihren Gunsten auf seine eigene Karriere verzichten wolle. Nichts sei schlimmer für eine Beziehung, als wenn einer der Partner sich für den anderen zum Märtyrer mache. Tom, der großäugige Teddy, winkt ab. Alles okay.

Doch - natürlich - ist bald nichts mehr in Ordnung. Der zum Fakultäts-Anhängsel Degradierte findet in Ann Arbor kein vernünftiges Restaurant und heuert schließlich beim (real existierenden) Fast-Food-Laden "Zingerman's" an, wo er unter der Ägide des sehr verschrobenen Gurkenfetischisten Tarquin (Brian Posehn) koschere Sandwiches belegt. Von anderen male spouses lässt er sich zur Hirschjagd mitnehmen und bewundert angeekelt die flauschigen, selbstgestrickten Pullover-Kreationen des zum Kinderaufpasser verdammten Bill (Chris Parnell).

Orgasmus faken mit Schmollmiene

Logisch, dass es nicht lange dauert, bis die vorbildlich fortschrittliche Beziehungsharmonie von Tom und Violet erste Kratzer bekommt. Denn während Tom durch die Sublimierung seiner Männlichkeit immer wunderlicher wird, sich einen der hässlichsten Backenbärte der jüngeren Filmgeschichte wachsen lässt, Met in der Badewanne braut und zu Hause gerne mal in dem inzwischen eklig versifften Bunny-Kostüm herumläuft, treibt Violet ihre akademische Karriere weit über die veranschlagten zwei Jahren hinaus voran und fühlt sich immer stärker zu ihrem hyperintelligenten walisischen Professor (Rhys Ifans) hingezogen. Als Tom das erfährt, klappt nichts mehr, schon gar nicht im Bett. Wie Segel mit selbstgerechter Schmollmiene vergeblich einen Orgasmus zu faken versucht, gehört zu den liebenswertesten Szenen des Films.

Zwischen skurrilsten Nebenfiguren wie Violets hysterischer Schwester Suzie (Alison Brie), teils brachialem Slapstick (es fließt viel Blut für eine romantische Komödie) und jenem sympathischen Peinlichkeitshumor, den die Apatow-Filme in den vergangenen Jahren zur Kunstform erhoben haben, gelingt Regisseur Nicholas Stoller ("The Muppets") und Drehbuchautor Segel mit "Fast verheiratet" ein durchaus nüchterner Blick auf die Nöte und Zwänge, mit denen Paare, die um Gleichberechtigung bemüht sind, zu kämpfen haben. Der Film zeigt, wie sich Tom und Violet zwischen ihrem beiderseitigen Anspruch, sich über ihre Arbeit zu definieren, und dem gleichzeitigen Wunsch, traditionellen Normen zu gehorchen, förmlich zerreiben.

Faszinierend an diesem neuen Genre der Sozial-Comedy, die Judd Apatow Wahlverwandte wie Seth Rogen, Jonah Hill und Chris Pratt erschaffen haben, ist die konsequente Verwurzelung der Filme im Hollywood-Mainstream. Apatows Vorbilder sind die überdrehten Screwball-Komödien der vierziger und fünfziger Jahre ebenso wie John Hughes' Teenager-Dramen der Achtziger. Von Independent-Filmern wie Todd Solondz borgt er sich indes authentische Härte und Hässlichkeit, die er seinem Publikum immer wieder in absurden Szenen unterjubelt. Etwa wenn Tom nach einer gar nicht mal so erotischen Kartoffelsalatschlacht mit einer "Zingerman's"-Kollegin nachts unten ohne durch den Winterwald wankt und schließlich am Straßenrand aufwacht - Hände und Jacke schützend übers Gemächt gezogen, aber ein großer Zeh, der ist für immer abgefroren.

Stoller und Segel kastrieren ihren Männertyp also nicht vollkommen, und am Ende, das könnte man dem Film vorwerfen, finden sie eine vielleicht allzu harmonische und emanzipatorisch fragwürdige Lösung für Tom und Violet. Aber die Schonungslosigkeit, mit der sie hier ganz normale Frauen und Männer beim Ringen um das kleine Glück zeigen, zeugt von viel Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Man lacht nicht über Tom und Violet, man ergötzt sich auch nicht, wie in Hollywoods 08/15-Romanzen, an idealisierten Supermodels, stattdessen lacht man über das ganze Geschlechterchaos. Und über sich selbst.

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1.
saxae 13.07.2012
Ein Film mit Jason Segel? Muss ich gucken! Den armen Kerl als schwabbelig und riesig zu bezeichnen finde ich dann doch ein wenig übertrieben. Natürlich, und das ist ja das gute an ihm, mimt er keinen Werbungs-Macho mit den immer gleichen Sprüchen und Gesten, aber so wie er es verkörpert ist er wesentlich näher dran am "Durchschnittsmann" als das viele Frauen sich erträumen. Großartiger Schauspieler mit Mut und Selbstironie! Was will man mehr!
2. Segel, naja
mcafro 13.07.2012
... ich habe mir mit meiner Tochter die Muppets angeschaut. Da hatte ich den Eindruck, er ist ein nur mittelmässig begabter Schauspieler. Die gleichen Gesichter, die gleichen Nummern wie in How I met your mother...
3. Also wirklich
aschu0959 13.07.2012
Nach dieser Ankündigung '"Durch einen Wink des Schicksals ist er mit einer unfassbar schönen Frau zusammen: " denk ich mir ich schau mal die Bilder an. Was bitte ist an dieser Frau "unfassbar schön"? Ich weiß zwar daß Geschmäcker verschieden sind, aber wirklich..........
4. Also wirklich!
desmoulins 13.07.2012
..."unfassbar" vielleicht nicht, aber die Emily ist schon schmuck - und keine schlechte Schauspielerin...
5. Überflüssig
christianharten 13.07.2012
Nur eine weitere überflüssige Liebskomödie mit schlechten Schauspielern. Ohne Inhalt, ohne Lacher. Nicht mehr und nicht weniger. Mich wunderts das solche Filme immernoch gedreht werden. Wahrscheinlich gibt es noch genug "mental herausgeforderte" Menschen die sich diesen Schwachsinn antun. "Voll verheiratet", "Zufällig verheiratet", "Fast verheiratet" ... und so weiter und so fort. Fehlen noch Filme mit Jennifer Aniston und Adam Sandler. Schade um Jason Segel. Bei How i met your mother is er vielleicht ganz lustig, aber er begibt sich bei Spielfilmen auf das selbe Terrain wie Kevin James und wird aus dieser Schublade zu recht nicht mehr rauskommen.
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Fast verheiratet

USA 2012

Originaltitel: The Five-Year Engagement

Regie: Nicholas Stoller

Buch: Jason Segel, Nicholas Stoller

Darsteller: Jason Segel, Emily Blunt, Alison Brie, Chris Pratt, Rhys Ifans

Produktion: Apatow Productions

Verleih: Universal

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 12. Juli 2012