Streit um Herrndorf-Verfilmung Mein "Tschick", dein "Tschick"

Das Buch des verstorbenen Wolfgang Herrndorf hat sich mehr als zwei Millionen Mal verkauft, nun soll "Tschick" verfilmt werden. Doch Regisseur David Wnendt flog raus, Fatih Akin übernimmt. Was steckt dahinter?

Reiner Bajo/ Studiocanal

Deutschsprachige Romane, die möglicherweise als Stoff für einen Film taugen, gibt es viele - aber kein Buch war in den vergangenen Jahren so begehrt und wurde von Lesern und Filmemachern so hemmungslos geliebt wie Wolfgang Herrndorfs "Tschick".

"Ich war sofort Feuer und Flamme", sagt Regisseur Fatih Akin über jene Zeit im Jahr 2011, in der er Herrndorfs Roman zum ersten Mal gelesen hat. Die Geschichte des 14-jährigen Jungen Maik, der von seinen reichen Eltern zwei Sommerwochen lang in einem schicken Haus mit Pool allein gelassen wird und dann mit seinem russlanddeutschen Kumpel Tschick in einem alten Lada zu einer Abenteuerreise aufbricht, habe ihn begeistert, sagt Akin. "Wie viele meiner Regiekollegen habe ich mich monatelang bemüht, die Rechte zu erwerben."

Den Zuschlag, aus dem weit mehr als zwei Millionen verkauften Buch "Tschick" einen Film zu machen, bekam aber zunächst ein anderer. Der Produzent Marco Mehlitz, der seinerseits den Regisseur David Wnendt mit dem "Tschick"-Regiejob beauftragte.

Das sah aus wie eine Prachtbesetzung. Mehlitz hat unter anderem die Buchverfilmung "Rico, Oskar und die Tieferschatten" und David Cronenbergs "Eine gefährliche Methode" als Produzent betreut, Wnendt hat Bestsellerstoffe wie Charlotte Roches "Feuchtgebiete" und, frisch im Kino, Timur Vermes' "Er ist wieder da" jeweils ziemlich eigensinnig in Erfolgsfilme verwandelt.

Fatih Akin (links) am Set von "Tschick": ein Angebot, das man nicht ablehnen kann
Reiner Bajo/ Studiocanal

Fatih Akin (links) am Set von "Tschick": ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Trotzdem dreht nun seit ein paar Wochen nicht der Regisseur Wnendt, sondern der Regisseur Akin den Film "Tschick", und zwar im Auftrag und unter Aufsicht von Mehlitz. Ende Juli haben Wnendt und Mehlitz offiziell die gemeinsame Arbeit an dem Projekt für beendet erklärt. Akin sagt über seine Zusage, den Regiejob für "Tschick" zu übernehmen: "Es war, um es in den Worten Don Corleones auszudrücken, ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte."

"Ich bin Wolfgang Herrndorf selbst nie begegnet"

Steckt hinter diesem Regisseurwechsel, wie manche Journalisten behaupten und wie nun auch auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert werden soll, eine Art Verrat? Die Tageszeitung "Die Welt" verkündete, "Tschick"-Autor Herrndorf, der sich im August 2013 schwer krebskrank das Leben nahm, habe in den letzten Monaten vor seinem Tod "David Wnendt als Regisseur für die Verfilmung seines Romans bestimmt".

Das ist offenbar falsch. "Ich bin Wolfgang Herrndorf selbst nie begegnet", sagt Wnendt. Alle Verhandlungen und Vertragsabschlüsse seien erst mit den Erben Herrndorfs und mit dessen Verlag Rowohlt erfolgt. Das bestätigt auch der bei Rowohlt für Medienrechte zuständige Lektor Michael Töteberg: "Es gab weder schriftlich noch mündlich Kontakt zwischen Herrndorf und Wnendt." Dass Herrndorf Wnendt "als Regisseur für die Verfilmung von 'Tschick' bestimmt habe, ist eine Legende, die durch nichts belegt ist."

Angeblich haben sich Produzent Mehlitz und Regisseur Wnendt vor allem aus Gründen der Zeitplanung entzweit, so stellt Mehlitz es dar. Der Produzent sagte: "Es war eine dramatische Situation." Weil Wnendt mit der Postproduktion des Films "Er ist wieder da" länger als erwartet beschäftigt gewesen sei, während der Drehtermin für "Tschick" näher rückte, habe großes Ungemach gedroht. "Das Projekt hätte abgebrochen werden müssen", sagt Mehlitz. "Es wäre ein Millionenschaden entstanden."

Zum Glück habe man in Fatih Akin "einen mit dem Projekt schon vertrauten Regisseur gefunden". Für Mehlitz "eine super Lösung". Im Übrigen sei er mit David Wnendt in Sachen "Tschick" "friedlich und freundlich auseinandergegangen", sagt der Produzent.

"Dieser Mythos ärgert mich sehr"

Der Regisseur Wnendt macht klar, dass es nicht bloß um Terminprobleme, sondern um ästhetische Fragen ging. Wnendt sagt, er wolle, auch wegen möglicher noch folgender juristischer Auseinandersetzungen, "kein Öl ins Feuer gießen". Die "dramatische Situation", von der Mehlitz spricht, habe es so nicht gegeben, "ich glaube, wir hätten das hingekriegt".

Zum Bruch mit Mehlitz ist es nach Ansicht des Regisseurs keineswegs allein deshalb gekommen, weil sich Wnendts Arbeit an "Er ist wieder da" länger als ursprünglich geplant hinzog. "Genauso entscheidend war", so Wnendt, "dass sich die Vorbereitung für 'Tschick' plötzlich als unerwartet kompliziert erwies. Es gab kreative Differenzen."

Fest steht, dass der Produzent Mehlitz nun die Öffentlichkeit suchen will - "um dafür zu sorgen, dass nicht ein falscher Mythos verbreitet wird, wir würden gegen Herrndorfs letzten Willen verstoßen. Dieser Mythos ärgert mich sehr."

Mehlitz wird an diesem Samstag auf der Frankfurter Buchmesse bei einem Panel über die "Tschick"-Verfilmung reden, an seiner Seite soll unter anderem der Drehbuchautor Lars Hubrich Auskunft geben. Hubrich war mit dem Schriftsteller Herrndorf befreundet, er hat das zunächst für David Wnendt verfasste Drehbuch zusammen mit Fatih Akin und Hark Bohm ("Nordsee ist Mordsee") noch mal komplett neu geschrieben; "von Grund auf", sagt er. Der Roman sei ein "wunderbar vielschichtiges Buch", meint der Drehbuchautor Hubrich. "Es gibt 50 verschiedene Lesarten und keine ist falsch."

Wolfgang Herrndorf war ein leidenschaftlicher Filmfan. In seinem Tagebuchblog "Arbeit und Struktur" hat er viel gelästert und geschwärmt und unter anderem einen frühen Film von David Wnendt ("Die Kriegerin") gelobt. Zu Literaturverfilmungen hatte er eine entschiedene Meinung: Die Regisseure müssten sich möglichst frei machen von den Romanvorlagen. Über das von Stanley Kubrick erfundene Tischtennismatch in "Lolita", einen seiner Lieblingsfilme, habe sich Herrndorf "unendlich gefreut", erinnert sich Hubrich, "wie fast immer, wenn ein Filmemacher nicht an der Vorlage klebte".

Inzwischen gibt Fatih Akin schon mal ein paar Anhaltspunkte dafür, welche Atmosphäre ihm für seine "Tschick"-Verfilmung so vorschwebt. "Seit ich Regisseur bin", sagt Akin, "träume ich davon, einen Film zu machen in der Tradition von 'Stand by me' oder 'Nordsee ist Mordsee'."

Ein Lieblingsspruch der beiden Freunde Maik und Tschick in "Tschick" lautet übrigens: "Wir stehen über den Dingen."

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insgesamt 3 Beiträge
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Sören 14.10.2015
1.
"Kurz und schmerzlos" war großartig, seitdem wird Akin mit seiner einfallslosen Lindenstraßen-Optik und dem ständigen Digger-Gequatsche aber seltsamerweise ständig in fassbindersche Höhen gelobt. Wäre bloß Wnendt nicht abgesprungen (worden)!
chromakey 14.10.2015
2. der Fatih
besitzt doch irgendwie einen feinen Humor, das Don Corleone Zitat ist Gold. Dann noch den Hark Bohm Film als Vorbild zu nennen; ich bin gespannt. Haste mal ne Rolle für mich?
GinaBe 14.10.2015
3. Da kann doch eigentlich nichts schief gehen, oder?
Da bin ich aber gespannt. Die Vorlage "tschick" ist ja derart sinnlich und bewegt verfasst, daß der Regisseur ja so gut wie gar kein Drehbuch mehr benötigt, sollte der Filmegucker das Buch wiedererkennen sollen. Ein road- movie eben. Lediglich die philosophischen Phasen der jugendlichen Gedankenwelten müssen klug eingebaut werden.
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