Fatih Akins "Gegen die Wand": Atemloses Ohnmachtsdrama

Von Oliver Hüttmann

Selten spürte man im Kino einen derartigen Lebenshunger: In seinem preisgekrönten Film "Gegen die Wand" entwirft der Hamburger Regisseur Fatih Akin virtuos und kompromisslos das hochemotionale Drama zweier Deutschtürken auf der Suche nach Identität.

Szene aus "Gegen die Wand" (mit Sibel Kekilli): "Ich will leben, lieben, tanzen, ficken"
Wüste Film

Szene aus "Gegen die Wand" (mit Sibel Kekilli): "Ich will leben, lieben, tanzen, ficken"

"Fühl mal meine Nase", sagt sie zu ihm. Ihr Bruder habe sie ihr gebrochen, weil sie die Hand eines Jungen gehalten hatte. "Und meine Titten." Fordernd, mit glühendem Blick hält sie ihm ihr Dekolleté hin. "Hast du schon mal so tolle Titten gesehen?" Ihre Stimme wird drängend, schneidend. Mit einem Hauch aus aggressiver Laszivität und kecker Unschuld erklärt sie: "Ich will leben, lieben, tanzen, ficken - und nicht nur mit einem Typen, verstehst du mich?"

Selten spürt man im Kino einen derartigen Lebenshunger. Mit wenigen Sätzen hat Fatih Akin in "Gegen die Wand" die Sehnsucht und das Dilemma der jungen Türkin Sibel (Sibel Kikelli) zusammengefasst. Die Atmosphäre dabei vibriert, die Gefühle in dieser Szene springen einen geradezu an. Man ist irritiert und zugleich angetan von der direkten Art. Selbst als Zuschauer fühlt man sich wie Cahit (Birol Ünel), der ihr gegenüber sitzt und Sibel stumm anstarrt. Als er sie für durchgeknallt hält, ritzt sie sich in der Kneipe vor seinen Augen eine Pulsader auf.

Für "Gegen die Wand" hat Akin, ein in Deutschland geborener, im Hamburger Viertel Altona lebender Türke, bei der Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Die Aufregung darüber war groß. Noch größer wurden die Schlagzeilen um die pornographische Vergangenheit von Sibel Kikelli. Das ist hässlich, aber hoffentlich bald vergessen. Der Film indes wird in Erinnerung bleiben und das verlogene Skandalgeschrei ihm auch nicht schaden. Auf Festivals prämierte Filme haben selten auch kommerziell Erfolg. Nun - das ist die bittere Ironie - kann man darauf hoffen und sich freuen, dass viele Leute erfahren, warum das Werk zu Recht ausgezeichnet worden ist.

Hauptdarsteller Kekilli, Ünel: Kennenlernen in der Psychiatrie
Wüste Film

Hauptdarsteller Kekilli, Ünel: Kennenlernen in der Psychiatrie

Sibel und Cahit lernen sich in der Psychiatrie kennen. Er ist betrunken und ohne zu bremsen mit seinem Auto gegen eine Mauer gerast. Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Während Cahit innerlich längst tot ist, ein Alkoholiker, der in einer engen und vermüllten Wohnung auf dem Kiez haust, will Sibel mit dem Leben, wie sie es sich vorstellt, erst richtig beginnen. Um ihrer Familie, den Traditionen und dem strenggläubigem Vater zu entfliehen, sucht sie zum Schein einen türkischen Ehemann. Cahit willigt ein. Sibel zieht zu ihm, räumt auf, kocht gelegentlich nach Rezepten ihrer Mutter. Sie lebt, lacht, tanzt, geht mit Männern ins Bett, wie es ihr passt. Ihn stört es nicht. Er stürzt wieder und tiefer ab, gibt sich dem Selbstmitleid und bei besserer Laune einer Affäre mit der Friseurin Maren (Catrin Striebeck) hin. Als Sibel und Cahit dann doch die Liebe dazwischenkommt, ist alles zu spät, wird alles nur noch schlimmer.

Die kulturelle Gratwanderung von Türken, die als dritte Generation in Deutschland leben und aufwachsen, sich mit ihren Wurzeln kaum noch identifizieren und doch davon noch bestimmt werden, wird hier nicht sozialpädagogisch zur Diskussion gestellt. Sie ist einfach da, als Teil des Alltags, der Orientierungssuche, der stillen Übereinkunft und unmerklichen Veränderung. Dafür hat Akin fast schon nebensächlich immer wieder nachvollziehbare, selbstverständliche Beispiele gefunden. Ein türkischstämmiger Busfahrer etwa wirft Sibel und Cahit hinaus wie ein bundesdeutscher Bürokrat, statt sich mit ihnen als Immigranten zu solidarisieren. Und in der Klinik wird Cahit von einem Psychiater gefragt, woher sein Nachname stamme. In der Türkei würde das doch immer etwas bedeuten. Cahit zuckt mit den Schultern: "Ist das so?"

"Gegen die Wand"-Darstellerin Kekilli: Das verlogene Skandalgeschrei wird nicht schaden
Wüste Film

"Gegen die Wand"-Darstellerin Kekilli: Das verlogene Skandalgeschrei wird nicht schaden

Allerdings spart Akin auch nicht aus, wie selbst Deutschtürken die alten Regeln klischeehaft instrumentalisieren. Einem ihrer deutschen Ex-Liebhaber, der ihr nachstellt, droht Sibel: "Ich wollte wissen, wie du im Bett bist. Ich bin eine verheiratete Frau - eine verheiratete türkische Frau. Wenn du mir zu nahe kommst, bringt mein Mann dich um, kapiert!?" In Istanbul jedoch werden Sibel und Cahit später sofort als Fremde wahrgenommen. Wo er herkomme, fragt dort den Hamburger Cahit ein Taxifahrer, der sich dann als Münchner zu erkennen gibt. Die Kluft zwischen Herkunfts- und Heimatland, Integration und Tradition kann man kaum subtiler und ironischer darstellen als in der klassischen Rivalität zwischen Nord- und Süddeutschland. Und gleichzeitig zeigt sich darin, dass Identität viele Facetten hat.

Akin verurteilt, verteidigt nichts. Er zieht keine Lebensart vor, sondern lässt sie aufeinander prallen. "Gegen die Wand" beginnt mit einem typischen orientalischen Lied, das eine Band mit Sängerin vor einem Postkarten-Panorama vom Hafen in Istanbul spielt und den Film wie eine griechische Tragödie in drei Akte teilt. Nach dem Auftakt blendet Akin über in gleißendes Scheinwerferlicht. In der "Fabrik", einem multikulturellen Veranstaltungsort in Hamburg-Altona, ist ein Jazz-Konzert von Maceo Parker zu Ende. Cahit hört Punk und Gothic Rock, Sibel wiederum HipHop und R&B. Akin setzt die Musik als emotionalen Leitfaden ein. Wie schmerzhafte Schnitte erklingen zwischen der Folklore mal Abwärts und "Temple Of Love" von Sisters Of Mercy, dann Soul oder ein Reggaestück von Jan Delay, um die Zerrissenheit der Charaktere zu kontrastieren, die Wucht ihrer Sehnsucht zu verdeutlichen, ohne dabei das Pathos zu weit zu treiben.

Berlinale-Gewinner Akin: Hart und trotzdem mitfühlend
AP

Berlinale-Gewinner Akin: Hart und trotzdem mitfühlend

"Gegen die Wand" ist ein konsequenter Zusammenprall der Leidenschaft und Verzweiflung, ein in allen Belangen virtuoses, weil atemloses, ungebremstes Ohnmachtsdrama. Akin lässt nichts aus falscher Rücksicht weg, ist hart und trotzdem mitfühlend gegenüber allen Figuren. Er hat das Gespür für wahrhaftige Bilder und Stimmungen sowie einen Witz, der ebenso entlarvend wie tröstlich und satirisch sein kann. Birol Ünels verkratertes, verkatertes Gesicht und Sibel Kikellis wandlungsfähige Aura, die hier von Schärfe bis zur Sanftmut alles einschließt, haben eine kaum zu beschreibende Präsenz. Beide lassen sich tief fallen in diesem Film, geben jede Hemmung auf, und Akin hat sie dafür nicht enttäuscht.

Lange blickten deutsche Filmemacher neidisch auf die Tragikomik des britischen Working-Class-Kinos oder die Kraft französischer Einwandererdramen. Nun wird wieder geschwatzt, das deutsche Kino sei doch nicht so schlecht und "Gegen die Wand" werde den deutschen Film verändern. Andere betonen plötzlich die Filme anderer deutsch-türkischer Regisseure, die es zu entdecken gilt. Diese Debatten langweilen und sind egal, wenn man "Gegen die Wand" erst gesehen hat. Denn es ist zwar ein türkisches Drama in Deutschland, aber ein grenzenloses Werk. Nicht einzigartig im Stil und Thema, das ähnlich auch in Asien oder Lateinamerika spielen könnte, aber ein unbändiger Film von ungeheurer Aufrichtigkeit.

Wenn Fatih Akins Regiedebüt "Kurz & schmerzlos" sein "Mean Streets" war, kann man "Gegen die Wand" als sein "Leaving Las Vegas" bezeichnen. Er ist jetzt 30 und hat schon vier beachtliche Filme gedreht. In zehn Jahren wird er zu den besten europäischen Regisseuren gezählt werden.


Gegen die Wand


Deutschland 2004. Regie/Drehbuch: Fatih Akin. Darsteller: Birol Ünel, Sibel Kikelli, Catrin Striebeck, Güven Kiraç, Meltem Cumbul, Cem Akin, Demir Gökgöl, Aysel Iscan. Produktion: Wüste Filmproduktion, NDR/Arte, Corazon International. Verleih: Timebandits Films. Länge: 121 Minuten. Start: 11. März 2004

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