Fatih Akins neuer Film Jedem seine eigene Heimat

Wo ist zu Hause? Für sein Drama "Auf der anderen Seite" kurvt Regisseur Fatih Akin zwischen Bremen und Istanbul, Elbstrand und Bosporus hin und her. Der neue Film des deutschen Oscar-Bewerbers steht für ein globalisiertes Kino, das über die Kategorien des Nationalen erhaben ist.

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Wo ist zu Hause? Die Menschen im neuen Werk von Fatih Akin, der in Hamburg lebt und der davon träumt, in der ganzen weiten Welt seine Filme zu drehen, pendeln zwischen Schwarzem Meer und Weser, zwischen Bosporus und Elbe. Auf Booten, in Autos, mit Flugzeugen. Und manchmal auch in Särgen. Denn einige von ihnen kommen gewaltsam ums Leben und werden per Luftpost in ihre Herkunftsorte zurück verfrachtet. Heimkehr möchte man diesen schlichten Akt der Überführung aber lieber nicht nennen.

Szene aus "Auf der anderen Seite" (mit Nurgül Yesilçay, Patrycia Ziolkowska): Da haben sich zwei gefunden
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Szene aus "Auf der anderen Seite" (mit Nurgül Yesilçay, Patrycia Ziolkowska): Da haben sich zwei gefunden

Wenn es eine Botschaft gibt in "Auf der anderen Seite", dann lautet die vollkommen unromantisch: Heimat wird einem nicht geschenkt, Heimat formt man sich. Irgendwo auf seiner Reise zwischen den Orten. Und mit jenen Rückständen der eigenen Biografie im Gepäck, die man einfach nicht los wird oder die man sich mit Müh' und Not zu bewahren versucht.

So tut es zumindest die türkische Hure Yeter (Nursel Köse), die ihr düsteres Souterrain-Zimmer im Bremer Rotlichtbezirk in orientalischen Schick kleidet. Und so tut es auch der Hamburger Universitätsdozent Nejat (Baki Davrak), ein Spezialist für deutsche Literatur, der türkische Wurzeln hat und auf einer Reise nach Istanbul Hals über Kopf eine deutsche Buchhandlung übernimmt. Trotz möglichem EU-Beitritt ist das natürlich nicht gerade eine sprudelnde Einnahmequelle.

Die türkisch-deutsche Prostituierte und der deutsch-türkische Professor – was könnte die beiden verbinden? Es ist der in die Jahre gekommene Einwanderer Ali (Tuncel Kurtiz), Freier von Yeter und Vater von Nejat. Eines Tages beschließt der einsame Witwer, die Hure gegen entsprechende Bezahlung zu seiner Lebensgefährtin zu machen; vielleicht glaubt er, der über all die Jahrzehnte niemals so recht in Deutschland angekommen ist, auf diese Weise ein wenig Heimat in seine Bremer Zweizimmer-Wohnung zu holen. Vielleicht hofft er auch nur, kostengünstig seinen Trieb befriedigen zu können. Doch Yeter will nicht so wie der Alte, der erschlägt sie deshalb im Rausch. Nejat, der Professor und Sohn des Totschlägers, reist daraufhin in die Türkei, um die Tochter der Verstorbenen zu suchen.

So entwickelt Regisseur Akin aus einer klassischen Roadmovie-Konstellation eine eigentümlich unaufgeregte Meditation zu den Begriffen "Heimat" und "Fremde", die über simple topographische Kategorien erhaben ist.

Die zweite Geschichte seines Films beschreibt eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung: Ayten (Nurgül Yesilçay), die Tochter der toten Prostituierten, ist als politische Aktivistin auf der Flucht vor den türkischen Behörden und taucht in Deutschland unter. Von den männlichen Gesinnungsgenossen in Hamburg wird sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt, doch in der Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) findet sie bald nicht nur eine selbstlose Helferin in der Not, sondern auch eine Geliebte.

Wie Ayten und Lotte sich bei viel Tequila in einer der wenigen, aber dafür umso herrlicheren Hamburger Sommernächte verlieben, das hat Fatih Akin, Schöpfer des wunderbar überhitzten Kiez-Krimis "Kurz und schmerzlos" und des bärengekrönten Absturz-Melodrams "Gegen die Wand", mal wieder mit der ihm eigenen Souveränität knapp und doch rauschhaft in Szene gesetzt. Es bleiben allerdings die einzigen Momente der Entfesselung.

Ansonsten scheitern in "Auf der anderen Seite" nämlich fast sämtliche Versuche, Grenzen und Widerstände zu überwinden. So schiebt man die linksradikale Aktivistin Ayten bald wieder in die Türkei ab, wo sie von den Behörden sofort eingebuchtet wird. Und als Lotte ihr folgt, um für ihre Freilassung zu kämpfen, wird sie in den Straßen Istanbuls erschossen. Mutter Susanne (Hanna Schygulla) reist an, um die Leiche ihrer Tochter zu überführen – und bleibt in der großen fremden Metropole hängen. Ausgerechnet in der Wohnung von Professor Nejat, der sich hier inzwischen niedergelassen hat, zieht sie zur Untermiete ein.

Gekappte Wurzeln, verschachtelte Figuren

Da haben sich zwei gefunden, deren Wurzeln aufs Drastischste gekappt worden sind: Er hat seinen gewalttätigen Vater abgeschrieben, sie die Tochter durch einen Akt der Gewalt verloren. Da stehen sie nun vor dem neuen improvisierten Domizil in der Istanbuler Altstadt: "Schade", sagt sie, "dass das Haus so runtergekommen ist". Worauf er nur stichwortartig erwidert: "Korruption, Parkhaus-Mafia, Kulturverfall". Ein Dialog, der aufs Lakonischste auch den inneren Zustand der Türkei vor dem Hintergrund des anvisierten EU-Beitritts beschreibt.

Für alte Akin-Fans ist dieser Zweistundenfilm eine schöne Zumutung. Gelegentlich kommt "Auf der anderen Seite" verstörend formalistisch daher für jemanden wie ihn, der bislang getrost als Instinktfilmer bezeichnet werden durfte und der stets einen guten Riecher für Typen und Milieus gehabt hat. Hier nun nähert er sich seinen Figuren sehr viel zögerlicher. Er schlachtet sie emotional nicht mehr aus – er schachtelt sie auf. Auch auf die Gefahr hin, dass sie ihm selbst und den Zuschauern dabei fremd bleiben.

"Auf der anderen Seite" ist natürlich auch der Versuch des Künstlers, sich der bekannten medialen Verortung zu entziehen. Akin will nicht länger den plietschen Streetboy aus Hamburg-Altona geben, sondern exponiert sich mit seinem neuen Werk als Vertreter eines Weltkinos, das die Wirkung der kleinsten Bewegung im entlegensten Winkel auf das große Schwingen der Welt nachzeichnet. Und umgekehrt, natürlich.

Identitätsstiftung in Zeiten der Globalisierung

So steht "Auf der anderen Seite" für ein neues globalisiertes Kino, das weniger als Abgrenzung zu Hollywood funktioniert als in der kritischen und unbedingt notwendigen Ergänzung zum US-Erzählmonopol. Akin ist mit seinen 34 Jahren und seinen fünf Spielfilmen extrem weit gekommen. Er spielt jetzt in einer Liga mit dem Mexikaner Alejandro González Iñárritu ("Babel"), dem Brasilianers Fernando Mereilles ("Der ewige Gärtner") oder dem armenisch-kanadischen Autorenfilmstar Atom Egoyan ("Das süße Jenseits"). Mit Regisseuren also, die in ihrem Schaffen stets die Grenzen alles Nationalen aufzeigen und zugleich ständig übertreten; die von der schwierigen Identitätsstiftung in Zeiten der Globalisierung berichten.

Man muss Akins neuen, in drei Sprachen gedrehten Film also nicht lieben, um "Auf der anderen Seite" als deutsche Bewerbung für den Oscar als besten Auslandsfilm unbedingt zu begrüßen. Eben gerade deshalb, weil er die Kategorien des Nationalen so rigoros durcheinanderwirbelt.

Aber wo ist denn nun zu Hause? Vielleicht ja an dem Ort am Schwarzen Meer, in das der deutsch-türkische Literaturdozent Nejat nach vielen Wendungen gelangt. Es ist, und dabei handelt es sich wohl nicht um einen Zufall, jenes Fischerdörfchen, wo auch die Eltern des Hamburger Filmemachers Akin herstammen. Ganz am Ende sitzt sein Held minutenlang am Strand und sieht aufs Wasser; begrenzt wird der Blick aufs Meer nur durch die Enden der Leinwand.

Heimat, so zeigt das radikal globalisierte Kino des Fatih Akin, ist vielleicht doch auch eine ganz pragmatische Angelegenheit: Ein Fenster, durch das es sich bequem in die große weite Welt schauen lässt.



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