Fatih Akins "The Cut" Die Passion des Herrn Nazaret

Fatih Akins neuer Film "The Cut", der vom Völkermord an den Armeniern erzählt und dem Regisseur Morddrohungen beschert hat, feiert beim Filmfestival in Venedig Weltpremiere. Und erweist sich als überwältigendes, nur stellenweise lehrstückhaftes Melodram.

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In der schönsten Szene seines Films über Hass, Gemetzel und die Gemeinheit einer von allen Göttern verlassenen Welt beschwört Fatih Akin die Trost spendende Kraft des Kinos. Im Jahr 1921 stolpert da der Held, ein abgezehrter, in schäbigen Kleidern schlotternder junger Mann, in einen Hinterhof im syrischen Aleppo.

Er entdeckt eine Menschenmenge, die gebannt auf eine Mauer starrt. Dort ruckeln die Schwarzweißbilder von Charlie Chaplins Film "The Kid". Und plötzlich stimmt der Held mit all den anderen von Hunger, Todesangst und Krieg schrecklich geschlagenen Menschen in ein großes Gelächter ein. Der Mann, der hier lacht, ist stumm.

Fatih Akins neuer Film "The Cut", der im Wettbewerb der 71. Filmfestspiele von Venedig am Sonntagabend Weltpremiere feierte, erzählt das Drama des seiner Stimme beraubten armenischen Dorfschmieds Nazaret Manoogian. Der brave Handwerksmann, gespielt von dem Schauspieler Tahar Rahim, lebt friedlich und anfangs fröhlich plappernd mit einer schönen Frau und zwei Zwillingsmädchen in der osmanischen Kleinstadt Mardin. Im Jahr 1914 wird er von türkischen Gendarmen aus dem Bett und zur Zwangsarbeit geholt. Er wird angebrüllt und ausgepeitscht. Er muss Vergewaltigungen und Exekutionen mitansehen. Er erfährt, dass seine Lieben in ein Todeslager getrieben wurden. Und er wird selbst beinahe ins Jenseits befördert: Nazaret überlebt nur deshalb, weil ihm der für seine Abschlachtung eingeteilte Türke nicht wie befohlen die Kehle aufschlitzt, sondern lediglich tief in den Hals sticht. Das raubt ihm die Stimme. Wenig später verhilft der Türke dem Verletzten zur Flucht.

Wie ein Märchenerzähler

All diese Gräuel und jähen Wendungen schildert der Regisseur Akin, und das ist eine Überraschung, wie ein Märchenerzähler, der seine Figuren oft in sehr langsamen, schwelgerischen Einstellungen durch schöne, karge Landschaften stapfen lässt. Zwar hat Akin schon früher mal ein Historiendrama namens "Solino" (2002) gedreht, berühmt geworden aber ist er mit rasanten, kraftstrotzenden, komischen Gegenwartsbeschwörungen wie "Gegen die Wand" (2004), "Auf der anderen Seite" (2007) und "Soul Kitchen" (2009).

"The Cut" beginnt nun mit der Schrifteinblendung "Once Upon A Time...", "Es war einmal...", und der Beschwörung einer armenischen Familienidylle im Haus des Schmieds Nazaret. Diese Idylle ist zu strahlend, als dass sie von dieser Welt sein könnte. Ähnlich surreal sind die Schrecken, die der Held bald zu Gesicht bekommt, lauter bizarre Albtraumerscheinungen: In einem Brunnen entdeckt Nazaret die ineinander verflochtenen Leiber von grausig massakrierten Männern, Frauen und Kindern. In einem Todeslager winden sich nackte Sterbende im Licht von flackernden Feuern, während Nazaret von seiner siechenden Schwägerin angewimmert wird, sie doch bitte von ihren Leiden zu erlösen.

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Fatih Akin: Ist die Türkei reif für seinen Film?

"The Cut" erzählt in überwältigenden, ihre Monumentalität mitunter stolz ausstellenden Bildern die Geschichte des Mannes Nazaret, der das Grauen des Genozids überlebt, den Glauben an jeglichen Gott verliert und gleichwohl den Mut nicht sinken lässt. Nazaret findet seine Mission, als er in Aleppo erfährt, dass seine Zwillingstöchter überlebt haben: Er geht für Jahre auf Wanderschaft, um sie zu finden.

Es verschlägt ihn in den Libanon, nach Kuba und in die USA. Er springt auf Züge, er schrubbt als Matrose das Deck eines Ozeandampfers und er erwehrt sich eines mordlustigen Wegelagerers, indem er selbst den Angreifer abmurkst. So beschmutzt der friedliebende Mann, der nach dem Ort benannt wurde, wo Jesus aufwuchs, die eigenen Hände mit Blut.

Sieben Jahre Vorbereitung

Der Filmemacher Akin hat seinen Film über das Schicksal der Armenier, den Völkermord und ihren Weg in die Diaspora fast sieben Jahre lang vorbereitet. Er hat penibel recherchiert. Er hat sich Hilfe von Historikern und von dem berühmten armenisch-amerikanischen Drehbuchgelehrten Mardik Martin geholt und er ist selbst viel durch die Welt gereist. Selbst in Syrien war er, bevor dort der Bürgerkrieg losbrach.

In der Türkei hat schon die Ankündigung, dass Akins Film in Venedig der Welt vorgestellt würde, dafür gesorgt, dass der Regisseur Morddrohungen erhalten hat von türkischen Nationalisten. Viele der Nationalisten leugnen bis heute, dass es den von Türken verübten Genozid an den Armeniern überhaupt gegeben hat. Nun wurde Akin am Sonntag bei der Pressekonferenz in Venedig gefragt, ob er Angst habe. Seine sehr frohgemut vorgetragene Antwort: "Es spricht für die Kunst, dass es diese Bedrohung gibt." Der Schauspieler Simon Abkarian, der armenische Vorfahren hat und in "The Cut" eine der Hauptrollen spielt, sagte während der gleichen Pressekonferenz: "Fatih Akin hat endlich den Film gedreht, auf den Armenier in der ganzen Welt seit vielen Jahren gewartet haben."

Mit der politischen Brisanz von "The Cut" kann die menschliche Brisanz nicht immer mithalten. Durch das Zentrum des Films schlurft ein merkwürdig naiver Märtyrerheld, der stets ein erschrockenes Staunen im Gesicht trägt und selbst in jenen Momenten nicht zu Hass fähig scheint, in denen er Schuld auf sich lädt. Dass der Held die meiste Zeit über stumm bleibt, macht die Sache nicht leichter - auch wenn man begreift, dass der Mann stellvertretend für sein halb ausgelöschtes Volk zum Schweigen verdammt ist.

So kann man den Filmemacher Akin für die Konsequenz bewundern, mit der er die Passionsgeschichte des Nazaret Manoogian als anthropologische Parabel erzählt: als Ballade eines Mannes, der gezwungen ist, es mit dem Bösen in der Welt aufzunehmen, dabei alle Gewissheiten verliert und eine neue, ihn selbst am allermeisten beunruhigende Freiheit gewinnt.

Aber die größte Leidenschaft und erzählerische Kraft spürt man in diesem Film immer dann, wenn kriegerische Reiter im Steppenland den Mythos des klassischen amerikanischen Westerns aufleben lassen, wenn in einer Fabrik in Minneapolis Fabrikarbeiterinnen an ihren Nähmaschinen zu sehen sind und dabei an die Büromädchen der Hollywoodfilme der Dreißigerjahre erinnern, oder wenn das Gehampel Charlie Chaplins die Bewohner von Aleppo verzückt.

Es sind die Momente, in denen man das große Herz des Kinoverrückten Fatih Akin schlagen sieht.



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
althus 01.09.2014
1. Großartig !
Endlich ein Film aus Deutschland, der dem Völkermord an den Armeniern ein Gesicht gibt.Danke, Fatih Akin!
Sokol 01.09.2014
2. Ich empfehle
auch "Das Haus der Lerchen". Ein sehr beeindruckender Film zum gleichen Thema.
vogeld 01.09.2014
3. Literarisch verarbeitet
Bereits 1933 hat der österreichische Schriftsteller Franz Werfel das Thema literarisch verarbeitet mit "Die 40 Tage des Musa Dagh" und es ist höchste Zeit, daß ein Film folgt- denn Völkermord, egal begangen von wem, Deutschen, Türken, IS... kann man nicht oft genug in das Bewusstsein der Menschen holen! Mein Aufruf an alle neue Generationen der Völker mit Täter- Vergangenheit- stellt Euch der Schuld eurer Vorfahren und lernt daraus! Ihr hattet keine Chance dafür oder dagegen zu sein-aber die Nationalität trägt das Schuldmal, deshalb müsst ihr besser sein und so etwas nie wieder zulassen. Der Anfang ist Anerkenntnis!
remmbremmerdeng 01.09.2014
4. Photostrecke Bild 3
"Im Mittelpunkt des Films steht ein Mann, der im Jahr 1915 die Massenmorde an Armeniern überlebt. Dieses Thema ist noch immer heikel in der Türkei(...)" Heikel - schön ausgedrückt. Der Völkermord an den Armeniern wird in der Türkei offen geleugnet, mithin als "notwendig" tituliert. Erdogans Bedauern dürfte wohl politisches Kalkül sein.
robeuten 01.09.2014
5.
Zitat von althusEndlich ein Film aus Deutschland, der dem Völkermord an den Armeniern ein Gesicht gibt.Danke, Fatih Akin!
Der Mut aller Beteiligten ist in höchstem Maße zu loben - hier haben Fatih Akin und alle anderen Beteiligten wirklich Mumm, sich gegen die türkische Geschichtsklitterung zu stellen. Dafür meinen Respekt!
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