Familien-Drama "Félicité" Das Leben erwacht in der Nacht

Die Welt um sie herum verkommt - und "Félicité"? Singt. Der Gewinner des Silbernen Berlinale-Bären kleidet den Kampf einer alleinerziehenden Mutter in eine Film-Oper mit einer tragischen Heldin.

Grandfilm

Mit der Abenddämmerung verlässt Félicité (Véro Tshanda Beya Mputu) Tag für Tag ihr Haus. Sie ist Sängerin in einer Bar, mitten in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa. Mit ihrer Kombo, den "Kasai Allstars", spielt sie für die biertrinkende, hauptsächlich männliche Klientel. Félicités Stimme ist hypnotisch; je später der Abend, desto tiefer ihr Tremolo. Der Beat der Band verselbstständigt sich, die Bilder verschwimmen und eine neue Nacht nimmt ihren Lauf.

Eines Morgens erfährt sie, dass ihr 14-jähriger Sohn Samo (Gaetan Claudia) nach einem Motorradunfall im Krankenhaus liegt. Die nötige Operation kostet ein Vermögen - Geld, das Félicité nicht hat. Doch sie beschließt, für ihren Sohn zu kämpfen. Egal, wo Félicité in der Folge um Geld bittet - es schlagen ihr Verachtung und offener Hass entgegen. Ihr wohlhabender Chef droht, sie umzubringen, Samos Vater beschimpft und verjagt sie, ihre Mutter wiegelt ab und leugnet jede Verantwortung.

Alle sind sich einig: Félicité wolle ja um jeden Preis unabhängig und frei sein, sich lossagen von ihrer Familie und ihrem tyrannischen Ex. Das habe sie nun davon. Zweifellos: Félicité ist allein. Mit sich und der Welt, ihrer Enttäuschung und ihrem Schmerz.

Vom Aktionskino zum Familienporträt

Die erste Stunde von "Félicité" erinnert an das Kapitalismus-Drama "Zwei Tage, eine Nacht" von Jean-Pierre und Luc Dardenne. Die Strukturen ähneln sich: Eine Frau und Mutter ersucht in einer existenziellen Notlage die Hilfe ihres Umfelds und demaskiert damit, wie unsolidarisch sich Menschen verhalten, die ihr eigenes Wohl bedroht sehen. Egal, ob in Kinshasa oder einer belgischen Kleinstadt.

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Fotostrecke: Kämpfen in Kinshasa

In der zweiten Hälfte nimmt "Félicité" eine überraschende Wendung: Der Film wandelt sich vom atemlosen Aktionskino zum zaghaften Familienporträt. Ein narrativ wagemutiger Entschluss, denn das Fesselnde des Beginns verpufft mit einem Mal. Dafür wird der zweite Akt vorsichtig konstruktiv: Tabu (Papi Mpaka), ein Bekannter Félicités, will erst nur den kaputten Kühlschrank reparieren, doch nach und nach verbringt er mehr Zeit mit Samo und versucht, den konsternierten Jungen (mit Alkohol) aufzumuntern. Auch zwischen Tabu und Félicité entwickeln sich vorsichtig-zärtliche Gefühle.

Musik als roter Faden

Abseits des Plots ist "Félicité" von diversen wiederkehrenden Bild- und Tonschleifen durchzogen. Mal ist ein Chor in bläulichem Licht zu sehen, mal werden Stadt- und Landschaftsaufnahmen von Kinshasa mit barocker Musik unterlegt. Am häufigsten jedoch ist es die Dunkelheit der Nacht, in der Félicité - kaum erkennbar - umherstreift. Hier treten die Geräusche in den Vordergrund, das Bild wird fast generisch schwarz.


"Félicité"
Frankreich, Belgien, Senegal, Deutschland, Libanon 2017

Drehbuch und Regie: Alain Gomis
Darsteller: Véronique Tshanda Beya Mputu, Gaetan Claudia, Papi Mpaka
Produktion: Andolfi, Granit Films
Verleih: Grandfilm
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 123 Minuten
Start: 5. Oktober 2017


"Félicité" bezieht seine Wirkung aus dem Wechselspiel zweier Pole: Dunkelheit und Helligkeit, Stille und Lautstärke. Die Musik ist dabei so etwas wie der rote Faden, der Félicités Geschichte über erzählerische Brüche hinweg erzählt. Die Musik, der Schmerz und die Erzählung in Akten, unterlegt mit den Gesängen des Chors, lassen dabei eindeutig an ein Genre denken: die Oper.

Mit Félicité als tragischer Heldin, die mit Blicken und Haltung die radikale Hinwendung auf sich selbst verkörpert. Ihr Sohn spricht nicht mit ihr, Tabu betrügt sie, die Gesellschaft ist verkommen, doch Félicité erträgt alles mit ihrem geradezu stoischen Realismus, mit Genügsamkeit und Stolz. Und sie singt.

Kontrast von Tag und Nacht

Alles Licht und alle Musik des Films spiegeln schließlich Félicités Bewusstseinszustände, verhelfen ihr zu einer Würde und einer Individualität als Mensch. Trotz der Schicksalsschläge wächst ihre Schönheit, die Kamera ist in ihrer manchmal ruppig wirkenden Nähe bemüht, Félicités Existenz zu verfeinern und bedingungslos zu bejahen. Das Umfeld hingegen, vor allem das der Männer, suhlt sich in einer Mischung aus maskuliner Hybris und blanker Lüge. So schwärmt Tabu von einem Roboter, der vollständig im Kongo, dem für ihn gelobten Land, gebaut wurde.

Wenig später rennt er während einer nationalen Gedenkminute rücksichtslos über die Straße. Und der kaputte Kühlschrank wird mithin zum Running Gag, denn Tabu hat zwei linke Hände, würde sich das jedoch niemals eingestehen.

Regisseur Alain Gomis wurde für "Félicité" dieses Jahr von der Berlinale-Jury mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Das ist verdient, denn vor allem die mutige, musikalische Erzählstruktur macht "Félicité" zu einem filmischen Unikat.

So baut sich zwar kein klassischer Spannungsbogen auf, aber die Erzählung entfaltet durch ihre Offenheit eine eigene Zeitlichkeit und suggestive Kraft. Die sinngebende Kontrastierung von Nacht und Tag entdeckt - gerade im zweiten Teil des Films - das Große, Tragische im Kleinen, im Alltag mit seinem unvermeidlichen Wechsel von Licht und Dunkelheit. Das ist in einem Kinofilm selten mit solcher Prägnanz zu sehen.

Im Video: Der Trailer zu "Félicité"

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