Felix Florian Werner Der Erbe des Unbestechlichen

Spencer Tracy bezeichnete einst den aus Wien stammenden Kino- und Theaterstar Oskar Werner als "größten Schauspieler überhaupt." Werners Sohn Felix Florian will nun mit seinen Independent-Filmen auch den deutschsprachigen Markt erobern.

Von Marc Hairapetian


Seinen Vater, der in Klassikern wie "Entscheidung vor Morgengrauen", "Der letzte Akt", "Das Narrenschiff" oder "Fahrenheit 451" die Leinwand dominierte, bewunderte Felix Werner über alles. Vielleicht entschied er sich deswegen, lieber hinter der Kamera zu arbeiten. Nach Regieassistenzen bei Michael Cimino und Adrian Lyne, gründete er 1999 zusammen mit seiner Schweizer Gattin Kathrin die Produktionsfirma "Werner Film". In diesem Sommer soll mit der bewusst altmodischen Romanze "Vienna Fare" die erste Independent-Komödie mit einem Budget von unter zehn Millionen Dollar gedreht werden.

"The Woman in the Window" : Felix Werner mit dem Bild seiner Großmutter Joan Bennett
Henrik Jordan

"The Woman in the Window" : Felix Werner mit dem Bild seiner Großmutter Joan Bennett

Eine Fritz-Lang-Ausstellung im Berliner Filmmuseum führte Felix Werner nach Berlin: Zusammen mit seinem 83-jährigen Stiefgroßvater David Wilde stellte er das berühmt-berüchtigte Ölgemälde aus Langs Film noir "The Woman in the Window" zur Verfügung. Es zeigt seine Großmutter, die Hollywood-Diva Joan Bennett, in für die damalige Zeit äußerst freizügiger Pose. Jetzt hat er das Exponat wieder in die Staaten zurückführen lassen.

Relaxter Blondschopf mit österreichisch-amerikanischem Akzent

Felix Werner ist beinahe das Ebenbild Oskar Werners. Allerdings scheint der jugendlich wirkende Blondschopf mehr in sich zu ruhen, als der gerade auf Grund der inneren Zerrissenheit zu darstellerischen Höchstleistungen befähigte Vater. Die leichte kalifornische Bräune und die darin leuchtenden blauen Augen spiegeln das sonnige Gemüt des am 6.6.1966 geborenen "Glücklichen" wieder. Die doppelte Staatsbürgerschaft macht sich in seinem fließend vorgetragenen Deutsch mit charmantem österreichisch-amerikanischem Akzent bemerkbar.

Nach der Trennung von Oskar Werner und der Bennett-Tochter Diane wuchs er bis zu seinem 12. Lebensjahr bei der Mutter in den USA auf. Die Sehnsucht zum Vater war so groß, dass er von 1978 bis 1981 in dessen freiwilligem Exil Liechtenstein lebte. "Als ich ins Fürstentum kam, war ich ein typischer Ami-Junge, der lange Haare trug und Skateboard fuhr. Als ich wieder ging, war ich mit Musik-, Theater-, Film- und Kunstgeschichte bestens vertraut." Er besuchte in der Zeit keine Schule, da ihn der vielseitig gebildete Oskar Werner und seine damalige Lebensgefährtin Antje Weisgerber privat unterrichteten. Die immer schlimmer werdende Alkoholsucht des manisch-depressiven Vaters veranlassten Felix später nach Amerika zurückzukehren. Wenige Monate vor Oskar Werners Tod im Jahr 1984 kam es aber zur Versöhnung.

"Für mich ist der Film die größte Kunstform des 20. Jahrhunderts"

"Mein Vater wollte, dass ich Musik studiere und Dirigent werde. Er hat oft nicht viel von seinem Beruf gehalten. Es gab auch eine Zeit, wo ich mich gefragt habe, wieso ich zum Film gehen möchte", meint Felix Werner. Deswegen studierte er zunächst Kunstgeschichte, fand danach eine Stelle in der pädagogischen Abteilung des Los Angeles County Museum of Art. Doch seine wahre Leidenschaft ließ sich nicht unterdrücken. "Für mich ist der Film die größte Kunstform des 20. Jahrhunderts. Ich liebe es, Filme zu sehen, zu drehen und Tag und Nacht darüber zu reden."

Mittlerweile hat es sich Felix Werner zur Aufgabe gemacht, das kulturelle Erbe des unbestechlichen Vaters, der über 300 Filmangebote als "Verrat am künstlerischen Geschmack" (darunter Antonionis "Blow Up", Viscontis "Ludwig II." und Syberbergs "Karl May") ablehnte, in der eigenen Arbeit einfließen zu lassen. "Je länger ich beim Film bin, desto mehr schätze ich, was er geleistet hat. Er war manchmal vielleicht zu extrem in seiner Art, aber er ist immer seiner Vision treu geblieben."

Fahrenheit 451: Oskar Werner als Feuerwehrmann Montag (rechts, neben Cyril Cusack als Captain)
WDR

Fahrenheit 451: Oskar Werner als Feuerwehrmann Montag (rechts, neben Cyril Cusack als Captain)

Der überzeugte Pazifist Oskar Werner hatte nach dem Zweiten Weltkrieg Schwierigkeiten mit deutschen Rollen. Einen "sympathischen Nazi" wollte er trotz dreifacher Gagenerhöhung in Stanley Kramers "Geheimnis von Santa Vittoria" (1969) nicht spielen. Der Schauspielgenius übernahm ab den fünfziger Jahren nur Figuren, mit denen er sich identifizieren konnte. Der melancholische, nach wahren Werten suchende Bordarzt im "Narrenschiff" (Oscar-Nominierung 1965 als Bester Hauptdarsteller) sei dem wirklichen Charakter seines Vaters am nächsten gekommen. "Diese Seite war sehr ausgeprägt, allerdings besaß er viel mehr Humor als der Doktor." Felix Werners Favorit ist allerdings der TV-Film "Ein gewisser Judas" (1959), "wahrscheinlich, weil er unter dem Pseudonym Erasmus Nothnagel auch Regie geführt hat."

Oskar Werners Leidenschaft galt dem Theater. Seine "Hamlet"-Interpretation in Frankfurt am Main und später in der Wiener Josefstadt gilt als eine der besten des 20. Jahrhunderts. In Berlin stand er niemals auf der Bühne, dennoch hat er hier mehrmals gewirkt. Teile des Mauer-Thrillers "Der Spion, der aus der Kälte kam" wurden 1965 in der Stadt gefilmt. Felix Werner findet die alte neue Hauptstadt wie verwandelt vor. Bis auf das "schreckliche" Sonyzentrum zeigt er sich von der Architektur am Potsdamer Platz recht beeindruckt. Nachdem der zweifache Familienvater in der deutschsprachigen Schweiz einen Zweitwohnsitz gefunden hat, kann er sich gut vorstellen, eines Tages auch in Berlin eine Produktionsfiliale zu eröffnen. "Ich denke, dass Berlin auf Grund seiner Impulsivität und Vielfältigkeit in den nächsten Jahren zur Filmmetropole Europas aufsteigen wird."

Die Produzententätigkeit teilt sich Felix Werner mit seiner Frau. Während diese sich mehr um die finanziellen Angelegenheiten kümmert, ist er am liebsten am Set, um "den "Film wachsen zu sehen". Der Hang zum Perfektionismus wurde ihm natürlich vom Vater in die Wiege gelegt. "Zumindest in künstlerischen Dingen weiß ich ziemlich genau, was ich will."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.