Feministischer Pornopreis: "Wir wollen die Jungs aus der Schmuddelecke holen"

Sexfilme mit Frauen, die Spaß haben: Dafür steht der erste feministische Pornofilmpreis Europas, der jetzt in Berlin verliehen wird. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Initiatorin Laura Méritt über faire Pornos, farbige Sexspielzeuge und genretypischen Schmalspursex.

SPIEGEL ONLINE: Frau Méritt, Alice Schwarzer propagierte 1987 mit einer großen Kampagne "PorNo". Wieso sagen Sie mit Ihrem Festival jetzt "PorYes", also ja zu Pornos?

Méritt: Erste Frage, und sofort geht es um Alice Schwarzer, na ja. Natürlich haben wir uns mit dem Festivalnamen an diese Kampagne angelehnt. Wir sind nicht gegen Schwarzers "PorNo", das war wichtig. Wie Schwarzer lehnen auch wir herkömmliche Pornos ab. Es gibt aber einen sexpositiven Flügel der Frauenbewegung. Auf den wollen wir aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Sexpositiv? Was verstehen Sie denn darunter?

Méritt: Uns geht es um einen positiven Umgang mit Sexualität im Allgemeinen. Seit es die Frauenbewegung gibt, ist das ein Thema für sie. Schon in den Siebzigern haben Filmemacherinnen mit anderen Darstellungen von Sexualität experimentiert, in Bildern und Worten. Diese Filme wurden damals nicht als Pornografie eingestuft.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sieht ein Porno aus, der kein herkömmlicher Porno sein soll?

Méritt: Wir nennen ihn Fair-Porn oder auch feministischen Porno. Unser Gütesiegel heißt: Fair-Porn - PorYes. Für Filme, in denen konsensuell agiert wird, die Grenzen der Darsteller respektiert werden, Safer Sex am Set praktiziert wird und Frauen maßgeblich an der Produktion beteiligt sind.

SPIEGEL ONLINE: Und worum geht's in fairen Pornos?

Méritt: Im Mainstream-Porno arbeitet die Frau zu 99,9 Prozent dem Mann zu, damit der am Ende ejakuliert. Und das meist ins Gesicht der Frau. Das wollen wir nicht sehen.

SPIEGEL ONLINE: Also keine Frauen als Objekte. Was dann?

Méritt: Das Hauptkriterium ist, Vielfalt zu zeigen und zu bebildern, wegzukommen von der Leistungsshow. Handlung muss nicht unbedingt sein, ein Penis darf auch mal herunterhängen, Pickelchen sind okay. Das heißt nicht, dass diese Eigenheiten als eigene Kategorie auftauchen, wie das sonst üblich ist: "Wenn Omas Sex haben", "Dicke Frauen kommen schneller" und so weiter. Bei uns soll das kein Fetisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Weiblicher Porno, weibliche Perspektive. Und welche Rolle spielen Männer?

Méritt: Männer sind herzlich eingeladen. Wir wollen die Jungs aus der Schmuddelecke holen. Dass wir die Filme "feministische Pornos" nennen, ist politisch gemeint. Letztlich verschieben Frauenquoten auch Perspektiven, wie in den meisten Wirtschaftszweigen zu sehen ist, wenn Frauen dabei sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit her ist es denn mit einem neuen Bewusstsein?

Méritt: In der Sexspielzeugindustrie ist die Revolution längst da. Immer mehr wird für Frauen produziert, nicht mehr nur diese hässlichen Dinger aus giftigem Material. Schönere Stücke, farbenfroher, bessere Qualität. Auch die Männer freuen sich ja inzwischen über anspruchsvollere Spielsachen.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile hat Beate Uhse eine Kette nur für Frauen aufgemacht, Sie selbst führen einen Sex-Laden für Frauen in Berlin. Fragen Ihre Kundinnen nach anderen Pornos?

Méritt: Absolut. In den letzten 20 Jahren, seit ich den Laden habe, beobachte ich zunehmend, dass auch Frauen Pornos gucken wollen. Aber eben nicht den herkömmlichen Mist mit Schmalspursex.

SPIEGEL ONLINE: Und um das zu pushen, verleihen Sie jetzt an diesem Samstag die "Auster", den ersten europäischen "Feministischen Pornofilmpreis"?

Méritt: Ja, die Idee hatte ich, seit in Toronto 2006 der erste "Feminist Porn Award" verliehen wurde. Und jetzt ist genau der richtige Moment.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb?

Méritt: Weil junge Frauen nachrücken und Pornos machen, um sie dann bei YouTube einzustellen. Die Aufmerksamkeit wächst. Auch die Massenindustrie hat das Genre entdeckt und klebt das Label "Frauenporno" auf ihre Filme. Da ist aber meist keiner drin!

SPIEGEL ONLINE: Was versteht die Industrie denn unter Frauenpornos?

Méritt: Entweder, er ist von Frauen gemacht - aber Geschlecht allein ist ja kein Gütezeichen. Oder er ist softer, es gibt eine Handlung mit hübschen, normierten Menschen. Was Frauen halt angeblich gerne sehen wollen. Vieles davon ist bloß Projektion.

SPIEGEL ONLINE: Und wer bekommt den Preis?

Méritt: Mit der ersten Preisverleihung wollen wir ein Zeichen setzen: Wir werden Filmemacherinnen für ihr Lebenswerk auszeichnen, Pionierinnen wie Candida Royalle, Annie Sprinkle, Maria Beatty, Shine Louise Houston und Petra Joy.

SPIEGEL ONLINE: Die Preisträgerinnen kommen aus aller Welt, die Jury des Festivals ist ebenfalls international besetzt. Welche Länder sind denn Vorreiter?

Méritt: Vorreiterin ist ausgerechnet das prüde Amerika, was vermutlich an der Meinungsfreiheit liegt, das ist da einfach das oberste Gebot.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es inzwischen so etwas wie eine Frauenporno-Industrie?

Méritt: Die entwickelt sich gerade. Die Technik ist so weit, dass Frauen qualitativ hochwertige Filme machen können, ohne sich zu verschulden oder eine große Produktionsfirma im Rücken zu haben. Die alte Pornoindustrie ist ja immer noch fest in Männerhand, das gilt auch für die Distribution. Die üblichen Sex-Ketten kommen ja nicht in Frage, was sollen Frauen in dieser Umgebung? Frauenpornos zu verkaufen, zu vertreiben, wäre bis vor kurzem überhaupt nicht möglich gewesen. Aber dank Internet ist das jetzt alles einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen vorhin von jungen Frauen, die selbstgemachte Pornos ins Internet stellen. Charlotte Roche verkündete neulich, sie wolle Frauenpornos drehen. Ist die Haltung gegenüber Pornografie unter Feministinnen eine Generationenfrage?

Méritt: Ich denke, ja. Schließlich wurde 20, 30 Jahre lang vorgearbeitet, die weibliche Lust ist gesellschaftlich akzeptiert. Die weibliche Ejakulation ist kein Geheimnis mehr.

Das Interview führte Anne Haeming

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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1. Webseite
djchrisi 17.10.2009
Habe gerade die Webseite angeschaut. Wo feministisch draufsteht ist lesbisch drin.
2. Ach !!
lemming51 17.10.2009
Ehrlich, wer braucht sowas, egal ob PorYes oder PorNo. Dem Grunde nach alles der selbe Kram,mal mehr, mal weniger. Hat man einen gesehen, hat man alle gesehen.
3. .
Poisen82 17.10.2009
Wenn die Macherinnen damit Erfolg haben und es gekauft wird sollen sie damit glücklich sein, vielfallt ist ja meistens nicht verkehrt. Aber bitte nicht immer diese Labels. Ob jetzt diese Pornos besser oder schlechter sind entscheidet der Verbraucher.
4. Die Jungs fragt wieder keine
Hercules Rockefeller 17.10.2009
Hat die Superfeministin eigentlich mal "die Jungs" gefragt, ob die überhaupt aus der Schmuddelecke wollen? Oder wenigstens "die Mädels"? Es ist doch so, Porno ist und bleibt Porno. Der hat keine Message, man will auch nicht, dass er eine hat. Wenn Porno Mainstream ist, dann ist er tot. Die Produzenten sind doch nicht alle debil-die setzen auf die Schmuddelkarte, weil ein politisch-korrekter Feministenporno einfach nicht ankommt. Porno ohne Schmuddel ist wie Terminator ohne Explosionen. Das Gerammel wird sehr schnell langweilig, aber der Schmuddel aktiviert das Belohungszentrum beim glotzen. Man tut etwas halb verbotenes, bzw. moralisch anrüchiges. Wenn das weg ist, dann bleibt nur noch Gerammel. Wie öde!
5. .
nautik 17.10.2009
Sehr deutlich wird die Herabsetzung von Frauen in Pornos, wenn man den typischen Heteroporno mal mit Schwulenpornos vergleicht. Dort herrscht meist Parität zwischen den Darstellern, die Akteure haben miteinander Sex (und nicht mit der Kamera)und der Zuschauer ist gewissermaßen Voyeur. In Heteropornos ist die Frau meist reines Objekt, hat Sex scheinbar eher mit einem Penis als mit einem Mann (weil der Mann kaum gezeigt wird) und schaut ständig in die Kamera, um dem Zuschauer zu signalisieren, dass er eigentlich der Sexpartner sein könnte. Der Zuschauer bekommt halt das, was er sehen möchte.
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Zur Person
Laura Méritt, 49, hat "PorYes" initiiert. Die Berlinerin betreibt mit "Sexclusivitäten" einen der ältesten Sex-Läden für Frauen Deutschlands. Die feministische Linguistin und Autorin hat ihre Dissertation über "Das Lachen von Frauen beim Reden über Sexualität und Shopping" geschrieben.